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TV: Dokumentation über Wehrmacht:Zu viele Mörder

Trotz mancher Zutat der üblichen History-Rezeptur beeindruckt die neue ZDF-Dokureihe "Die Wehrmacht - Eine Bilanz". Sie verweigert sich den Nachkriegslegenden der sauberen Armee ebenso wie einem kollektiven Schuldspruch.

In den fünfziger Jahren gehörte die Kritik an der "Diffamierung des deutschen Soldaten" zu den beliebtesten Kampfbegriffen der Konservativen. Als Diffamierer galten alle, welche das Traditionsbild der "sauberen Wehrmacht" anzweifelten und jenen Generälen nicht glauben wollten, die schon während der Nürnberger Prozesse behauptet hatten, dass das Heer gegen Partei und SS eingestellt gewesen sei und gegen Kriegsverbrechen opponiert habe. Mitte der neunziger Jahre herrschte das umgekehrte Bild, jedenfalls bei manchen.

Szenenbild aus ZDF-Dokumentarreihe "Die Wehrmacht - Eine Bilanz"

"Zu 99 Grad ein gebrochenes Rückgrat" - Szenenbild aus der Dokumentarreihe "Die Wehrmacht - Eine Bilanz".

(Foto: Foto: ZDF/Pawel Jakubek)

Im Begleitband zur - an sich ja sehr präzisen - Wehrmachtausstellung schrieben Hannes Heer und Klaus Naumann voll anklägerischem Übereifer: "Die Mannschaftsgrade der Wehrmacht unterschieden sich zu diesem Zeitpunkt (nach dem Überfall auf die UdSSR 1941; die Red.) schon nicht mehr von der Mentalität der Himmlertruppe", also der SS.

Zwischen diesen beiden Polen schwankt die Debatte bis heute. "Die Wehrmacht - eine Truppe gehorsamer Anhänger Hitlers oder eine Truppe von Missbrauchten?" heißt es gleich am Anfang des neuen Werks von Guido Knopp. Da ist es also wieder, das rau-pathetische Tremolo des Hintergrunderzählers, das den Grundton setzt für das umfangreiche Werk des ZDF-Historikers.

Der Fünfteiler "Die Wehrmacht" enthält manche Zutaten der üblichen Knoppschen History-Rezeptur, die nicht jedermann goutiert: Zeitzeugen sind vor allem anfangs reine Stichwortgeber, Gefechts- und Gesprächsszenen so unbeholfen inszeniert, dass noch die 08/15-Soldatenklamotten der fünfziger Jahre mit Blacky Fuchsberger glaubhafter wirken.

Dennoch ist den ZDF-Autoren ein beachtlicher Film gelungen. Er ist, beraten von jüngeren Historikern, auf der Höhe wissenschaftlicher Erkenntnis, doch anders als der Wissenschaft gelingt es ihm, diese Erkenntnisse anschaulich und verständlich zu vermitteln. Seine Grundthese ist unmissverständlich: Die Wehrmacht war ein Instrument des Vernichtungskrieges, ihre Generalität weder willens noch in der Lage, sich Hitlers unmenschlichen Befehlen zu widersetzen.

Zahlreiche Soldaten haben sich an Gräueltaten beteiligt. Und selbst der Mythos, die Armeechefs hätten 1945 alles daran gesetzt, Millionen Flüchtlinge vor der Roten Armee nach Westen zu retten, wird bezweifelt. Gewiss wurden viele Menschen gerettet - aber nicht, weil die Wehrmachtsführung dies angeordnet hätte, im Gegenteil. Ihr waren die Flüchtlinge meist gleichgültig.

So bleibt das traurige Bild einer Truppe, die sich 1933 als Wahrer eines soldatischen Ethos begriff, erhaben über die Niederungen des Parteienhaders, und nun ihre Ehre selber preisgab. Die Generäle, die der Weimarer Republik mit hochfahrender Geste die Unterstützung verweigert hatten, glaubten, sie könnten Hitler für ihre Zwecke nutzen. Doch es kam umgekehrt.

"Vom Generalstab dürfen Sie gar nichts erwarten. Die haben zu 99 Prozent ein gebrochenes Rückgrat." Das sagt der General Wilhelm Ritter von Thoma Ende 1942 in Trent Park, einem Luxus-Gefangenenlager bei London, und er weiß nicht, dass der britische Geheimdienst jedes Wort aufzeichnet. Die Protokolle, die der junge Historiker Sönke Neitzel ausgewertet hat, zählen zu den stärksten Aspekten des Films, auch wenn die Szenen so steif nachgestellt werden, als hätten die Briten ihren Gefangenen zur tea time ein Narkotikum verabreicht.

Man muss die Geschichte wegen der Dokumente aus Trent Park nicht neu schreiben. Aber sie erhellen doch eindrucksvoll, wie viel die Führung des deutschen Militärs von den Verbrechen wusste, wie tief sie darin verstrickt war, wie sehr sie sich dem "Führer" ausgeliefert hatte. All die Nachkriegslegenden, man habe die Armee sauber gehalten, zerbröckeln, wenn man die Generäle über Erschießungen und das Schicksal der Juden reden hört. Bei einer Debatte sagt einer der Gefangenen: "Ich habe mir vorgenommen, es immer so zu drehen, dass das Offizierskorps reingewaschen wird."

Der Beginn einer Lebenslüge. Im Verlauf des Fünfteilers scheint den Autoren dann doch aufgegangen zu sein, dass man Menschen, die man ihre Geschichte erzählen lässt, auch zuhören kann. Die Mentalität, das Erleben, die Schuldfrage aus Sicht der einfachen Soldaten, der Wehrpflichtigen und der Freiwilligen, der Begeisterten und der Gezwungenen, wäre eine eigene Folge wert gewesen; doch die gibt es leider nicht.

Eindrucksvolle Rechnung

Aber immerhin, die Zeitzeugen dürfen ausführlicher berichten: die verhetzende Erziehung, das Grauen des Krieges, das Erlebnis, den besten Freund, der schwerverletzt den Russen in die Hand fällt, nicht gerettet und noch Jahrzehnte später dessen Schreie im Ohr zu haben. Ein Veteran sagt, er sei mit dem hohen soldatischen Ideal seiner Jugend in den Krieg gezogen - und "ich bin als Mörder zurückgekommen".

Der interessanteste Beitrag ist daher der dritte, jener über die Verbrechen der Wehrmacht. Es gibt nichts Entschuldigendes oder Rechtfertigendes in diesem Film, aber aus ebenso guten Gründen auch nicht das Gegenteil. Ein kollektiver Schuldspruch für die Wehrmacht fällt nicht, und das wäre auch nicht gerecht. Schuld ist immer eine individuelle Frage. Etwas zu kurz kommen übrigens die Verbrechen der Wehrmacht an den eigenen Männern - die Militärjustiz hat Zehntausende Soldaten zum Tode verurteilen lassen, weil sie den verbrecherischen Krieg nicht mitmachen wollten.

Am Ende macht der Film eine einfache, aber eindrucksvolle Rechnung auf. Selbst wenn nur fünf Prozent der Soldaten - und das wäre eine niedrige Schätzung - am Holocaust und den anderen Verbrechen aktiv beteiligt waren, würde das über die Kriegsjahre hinweg eine Zahl von 500 000 Menschen bedeuten. Eine halbe Million Uniformträger, die Geiseln massakrieren, willfährig den Mordkommandos der SS zur Hand gehen oder die schmutzige Arbeit auch selbst übernehmen. Am Ende heißt es so schlicht wie richtig: "Nicht alle waren Mörder - aber zu viele."

Die Wehrmacht - eine Bilanz, ZDF, jeweils dienstags, 20.15 Uhr: Angriff auf Europa, 13.11.; Wende des Krieges, 20.11.; Verbrechen der Armee, 27.11.; Widerstand in Uniform, 4.12.; Kampf bis zum Untergang, 11.12.

© SZ vom 13.11.2007/ihe
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