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TV: "Deutschland sucht den Superstar":Nichtschwimmer im Atlantik

Öffentliche Demütigung und Telefonterror: Anders als der RTL-Super-Nachtreter Dieter Bohlen glaubt, verstehen seine Opfer kein bisschen, worauf sie sich einlassen.

Wäre die Sendung ein Schulaufsatz und man selbst Lehrer, die Versuchung wäre groß, nach den ersten Folgen eine schnelle Benotung zu vergeben: Thema verfehlt, sechs! Denn das, was man in diesen Wochen bei der neuesten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" auf RTL vorgesetzt bekam, enthielt Vieles, auch Kritikwürdiges, aber der einzige Star der Sendung war schon lange gefunden: Dieter Bohlen. Verfolgt man Vermarktungsmaschinerie und Medienecho, schiene "Deutschland sucht den Superloser" der zynisch passendere Titel.

Deutschlands Super-Jury: Dieter Bohlen, Künstler-Managerin Anja Lukaseder und "Bär" Läsker, Entdecker der Fantastischen Vier.

(Foto: Foto: RTL)

Auslöser für dieses Echo war vor allem der Fall des 17-jährigen Raymund R. Er war vor laufender Kamera zusammengebrochen, nachdem Dieter Bohlen ihm Platz eins auf der ewigen Schlechtestenliste der Sendung eingeräumt hatte und zu ihm sagte: "Ich glaub, wenn du in die Berge gehst und rufst: 'Hallo, Echo!', dann kommt auch kein Echo. Weil Echos haben auch Geschmack." Es folgten Berichte über Telefonterror bei dem mit vollem Namen und Wohnort genannten Jugendlichen und eine Einlieferung ins Krankenhaus.

Inzwischen hat sich eine breite Diskussion um die Vertretbarkeit der Show entwickelt. Darf man wirklich Menschen so vorführen? Welche Folgen hat das für die Kandidaten, aber auch für die Gesellschaft? Kinderschutzvertreter erheben Einspruch. Sender und Produktionsfirma verweisen darauf, dass schließlich jeder wisse, worauf er sich einlasse, und dass die Kandidaten "schriftlich ihr Einverständnis" gegeben hätten. Ein befreundeter Philosoph fragte ungläubig, als er den Ausschnitt auf YouTube gesehen hatte: Das sei alles live passiert? Und traf damit einen Punkt.

Unbewusst stellt sich das Gefühl ein, einen Ausrutscher miterlebt zu haben. Unterstützt wird dieses Empfinden, wenn Juror und Galionsfigur Dieter Bohlen an die Öffentlichkeit tritt und verkündet: "Das tut mir unheimlich leid. Das wollte keiner von uns." Allerdings war es gar nicht live, sondern bewusst ausgewählt, dramaturgisch überhöhend geschnitten und mit entsprechender Musik unterlegt. Sich das klarzumachen, lässt die Sache in einem anderen Licht erscheinen. Wären die Verantwortlichen wirklich betroffen, würden sie den Vorfall in die Akte "Leider passiert - was können wir daraus lernen?" ablegen. Ihn stattdessen auszustrahlen, deutet in die entgegengesetzte Richtung.

Eigentlich sollte die Sendung auf einem harten, klaren Deal basieren: Du bekommst die Chance berühmt zu werden, dafür musst du dich vor die Kamera stellen und kannst schmerzhaft scheitern. Natürlich bedient die Redaktion alle entscheidenden Hebel, natürlich müssen sich die Aspiranten vorführen lassen, aber solange sie eine reelle Chance haben, dient ihr Auftritt auch ihren eigenen Interessen. Das sieht anders aus, bei den Kandidaten, die von Anfang an für jeden - vermutlich außer für sie selbst - erkennbar kein Talent haben. Sie werden nicht in einen fairen, auch ihren Interessen dienenden Auswahlprozess einbezogen, sondern dienen primär als Quotenfutter.

Zwischen diesen beiden Fällen läuft die ethisch entscheidende Grenze: "Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest", lautet die Zweckformel von Immanuel Kants kategorischem Imperativ, die sich auch das Bundesverfassungsgericht bei seiner Definition der Menschenwürde zu eigen gemacht hat - der Wertungsanspruch, der es verbietet "zum bloßen Objekt" gemacht zu werden.

Freiwilliges Scheitern

"Bloß" ist der hier entscheidende Begriff. Den Auftritt des Untalentierten auszustrahlen, ihn anzupöbeln und lächerlich zu machen, stellt ihn nicht nur bloß, es macht ihn zum bloßen Mittel zur Quote, zum bloßen Objekt. Dass die meisten dieser Kandidaten unvorteilhaft im Scheinwerferlicht glänzen, während die Jury perfekt geschminkt urteilt, verstärkt den Eindruck.

"Das versendet sich", trösten sich TV- und Rundfunkschaffende bei weniger gelungenen Aufnahmen, und tatsächlich könnte das auch ein Trost sein für die Opfer, die am Rande jeder Staffel von DSDS zu liegen kommen. Die nächste Staffel kommt bestimmt, und wer erinnert sich dann noch? Gäbe es nicht das ins Endlose gewachsene mediale Gedächtnis. Jeder Ausrutscher, jede Peinlichkeit landet heute als Videoclip in den einschlägigen Portalen, und wer nur den Namen der Sendung als Suchbegriff eingibt, stößt auf eine Liste von peinlichen Auftritten.

Niemand weiß, auf wie vielen Festplatten, iPods und Mobiltelefonen sich der Clip inzwischen befindet, und ob nicht in 60 Jahren vermeintlich witzige Enkel ihren Großvater auf dem 80. Geburtstag zum Amusement der Festgäste mit einem aus dem Netz ausgegrabenen Tiefpunkt seines Lebens konfrontieren. Dennoch bleibt eines: Keiner wird in Fesseln vor die Kameras geschleppt, die Kandidaten prügeln sich fast um Plätze und haben zuvor genügend andere scheitern sehen. Jeder hat einen Spiegel zu Hause und fast jeder ein Videohandy.

Wie viel Selbsteinschätzung darf man voraussetzen? Die Frage drängt sich auf und beantwortet sich von alleine: offensichtlich keine. Oder aber der gebotene Preis ist zu hoch und verblendet. Wie real und wie erstrebenswert das auch sein mag, was RTL verspricht: ein Superstar zu werden - es scheint einfach zu verlockend, ein unmoralisches Angebot. Für viele dürfte es die einzige Chance in ihrem Leben sein und bleiben, das zu erreichen, was sie sich von ihrem Auftritt versprechen: groß rauszukommen, reich zu werden, von allen geliebt.

Verheerende Botschaft

Überspitzt ausgedrückt sind viele für diese Entscheidung schlicht nicht einwilligungsfähig. Minderjährige ohnehin, und ein Verweis der für die Sendung Verantwortlichen auf die Eltern entbehrt nicht einer gewissen Doppelbödigkeit. "Ich frage mich, warum ihn der Vater zu DSDS geschickt hat. Jeder hat gemerkt, dass er nicht singen kann. Wieso hat ihm das niemand vorher gesagt? Man schickt auch keinen Nichtschwimmer in den Atlantik. Trotzdem wünsche ich ihm natürlich erst mal gute Besserung."

Der das sagte, war Dieter Bohlen. Spinnt man seinen Vergleich weiter, war er der Bademeister, der das Becken freigab, und statt eines Rettungsrings das Formular mit der Unterschrift des Vaters ins Wasser warf. Dank seiner bildhaften Sprache tritt der wunde Punkt zutage: Der weitsichtige Profi kann sich moralisch nicht auf die kurzsichtige Zustimmung des Laien berufen, die er sich zur rechtlichen Absicherung hat erteilen lassen. Und Bohlen gibt damit unumwunden zu, dass man sich offenbar der fehlenden Sorge des Sorgeberechtigten vollständig bewusst war.

An vielen Orten sind die mit Pressesachen befassten Richter zugleich für Arzthaftungssachen zuständig. Als solche kennen sie das Prinzip des "Informed Consent": Ein auch schriftlich erteiltes Einverständnis mit einer Behandlung ist nur gültig, wenn der Arzt, der ja Bescheid weiß, den bis dato unwissenden Patienten in einer für ihn verständlichen Art und Weise über den Eingriff und dessen Auswirkungen auf das weitere Leben informiert hat. Es wäre wünschenswert, dass ein DSDS-Kandidat in diesem Sinne klagt und damit den Weg ebnet für eine rechtliche wie gesellschaftliche Bewertung der Angelegenheit.

Das sagt alles noch wenig über die persönliche Rolle des eigentlichen Superstars der Sendung: Dieter Bohlen. In erster Linie fällt er bei den Castings ja durch diese markigen Statements auf. Sie werden breit zitiert, sicherlich ist dies eines der Erfolgsrezepte der Sendung und damit auch Bohlen womöglich fragwürdiges Mittel zur Quote. Die meisten Menschen hätten wohl ein Problem damit, in der Öffentlichkeit als jemand charakterisiert zu werden, der mit seinen Kommentaren ständig knapp über oder unter die Gürtellinie schlägt. Kaum jemand mit abgeschlossenem Studium, der die Pubertät hinter sich gelassen hat, findet persönlich noch Spaß daran, andere, die ihm nicht gewachsen sind, in der Öffentlichkeit verbal zu attackieren. Der große Unterschied aber: Bohlen ist Mediensuperprofi. Als Diplom-Kaufmann kann er sehr wohl beurteilen, was sich für ihn rechnet. Er mag für RTL Mittel sein, aber keinesfalls Opfer, er ist Akteur, der seine Zwecke verfolgt.

Und die "Sprüche" selbst: Sind sie nun lustig, grenzwertig oder bedenklich? Gegen das, was die Jugendlichen am Schulhof hören, sei, was er sage, Schiller, meint Bohlen - wie üblich unterhaltsam und gewandt. Das mag zutreffen, aber am Schulhof hören nicht Millionen zu, und der pöbelnde Mitschüler ist kein Bohlen. Nun kann man fragen, muss ein Bohlen höflich sein? Im Idealfall sollte sich in der Höflichkeit die Achtung für das Gegenüber spiegeln, auf alle Fälle aber sollte sie dem, der sich darum wenig schert, wenigstens eine Form liefern, in der sich die Achtung entwickeln kann.

Das aber dürfte dann genauso umgekehrt gelten: Die öffentliche Beschimpfung als Unterhaltung in der Primetime macht sie zwar nicht salonfähig, aber schulhoffähig, straßenfähig und damit auch zu einem gewissen Maße gesellschaftsfähig. Mit allen Folgen für die gegenseitige Achtung. Und eine Botschaft kann verheerender nicht sein: Wenn Dieter Bohlen, wie bei Raymund R. geschehen, dem Zusammengebrochenen, für alle offensichtlich Gescheiterten noch ein witziges: "Kannst du denn noch mal hinter ihm hergehen und sagen: Drei Nein!" ausrichten lässt, drückt das vor allem eines aus: Es ist cool, witzig und ein Recht des Stärkeren, den am Boden liegenden noch zu treten. Hoffentlich wird das nicht straßen- oder gar U-Bahnhof-fähig.

© sueddeutsche.de/korc
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