bedeckt München

Nell Zink:Das Leben nicht mit Spaß vergeuden

kostenfreies Autorinnenfoto von Nell Zink zur Rezension ihres Romans "Das Hohe Lied" (c) Francesca Torricelli

In Kalifornien geboren, in Virginia aufgewachsen, heute Brandenburgerin: die Schriftstellerin Nell Zink.

(Foto: Francesca Torricelli/Francesca Torricelli)

Der Zivilisationsverlust als Slapstick-Comedy: Nell Zinks witziger, smarter, erhellender Roman "Das Hohe Lied" begleitet eine amerikanische Familie durch vier Jahrzehnte.

Von Christoph Schröder

Der neue Roman der amerikanischen Schriftstellerin Nell Zink ist ein Buch der Lügen und Enttäuschungen. Das beginnt gleich in der ersten Zeile: "Ohne dass es jemand wusste, litt Joe Harris Zeit seines Lebens an einem hochfunktionalen Williams-Syndrom." Einige typische Symptome dieser genetischen Erkrankung werden Joes Lebensweg entscheidend prägen: hohe Musikalität bei gleichzeitiger Lärmempfindlichkeit, Sprachgewandtheit und eine gewisse fehlende Distanz im sozialen Umgang.

Geradezu schnoddrig skizziert die 1964 in Kalifornien geborene, in Virginia aufgewachsene und seit 20 Jahren in Deutschland lebende Zink die Lebensläufe dreier Menschen, die sich im New York der 1980er-Jahre begegnen: Joe, geboren 1968 und Sohn eines renommierten Historikers, lernt durch Zufall die um ein Jahr jüngere Pam kennen, die im Alter von siebzehn Jahren den Rucksack packt und aus der Upper-Middle-Class-Hölle ihres Elternhauses in Washington D.C. flieht.

Aufgewachsen ist sie dort in einer Mischung aus distanzierter väterlicher Strenge und körperlicher Züchtigung durch die Mutter. Man muss sich das gut merken, denn rund 15 Jahre später nehmen Ginger und Edgar, Pams Eltern, nahezu bruchlos die Rolle der fürsorglichen Großeltern von Pams Tochter Flora ein.

Joe ist ein Superstar mit dem Gemüt eines Kindes

Floras Vater Daniel wiederum führt ein Dasein als Eighties-Hipster. Nell Zink widmet der Spezies einen kurzen essayistischen Abriss, der, wie so vieles in diesem Roman, klug und zugleich amüsant ist. Joe, Pam und Daniel gründen eine Punkband und bemerken schnell, dass nur einer von ihnen über das Mittelmaß hinausragt: Joe. Also verdingt Pam sich als Aushilfe in einer EDV-Beraterfirma, Daniel als Joes Agent; gemeinsam arbeiten sie an Joes musikalischer Karriere, und auf verschlungenen Wegen werden Joes exzentrische, weil schlagzeuglose Songs (Lärmempfindlichkeit!) mit ihren hart am Nonsens kratzenden Texten zu Hits. Joe ist ein Superstar mit dem Gemüt eines Kindes, aber mit ausgeprägter Libido.

1992 kommt Daniels und Pams Tochter Flora zur Welt und gerade als man sich fragt, ob Nell Zink ihre Feier des randständigen Hipstertums tatsächlich noch 300 Seiten weiterdrehen will, krachen die Flugzeuge am 11. September 2001 in die Türme des World Trade Center. Am selben Tag stirbt Joe, angeleitet von seiner drogen- und selbstsüchtigen Freundin, an einer Überdosis Heroin. Über Jahre hinweg werden Pam und Daniel, das ist die nächste Lüge, Flora verschweigen, unter welchen Umständen Joe ums Leben gekommen ist.

Und nun? Hat Zink die interessanteste Figur ihres Romans sterben lassen und das Zeitalter des Hedonismus mit einem Knall beendet. Was sich zunächst wie eine grobe erzählstrategische Fehlentscheidung ausnimmt, ist in Wahrheit die nächste Täuschung.

Der Mittelteil liest sich wie eine Parodie auf Sally Rooney

Zink verschiebt den Fokus von Daniel und Pam auf deren Tochter Flora, die nach 9/11 bei Pams Eltern in Washington D.C. untergebracht und auf eine Privatschule geschickt wird. Diese Flora ist von Zink auf geradezu perfide Weise vordergründig als Identifikationsfigur angelegt. Zum Leidwesen ihrer Eltern entscheidet sie sich für den Studiengang Umweltingenieurwesen, wird zur Klimaschutzaktivisten und engagiert sich als Hospitantin bei ökologischen Projekten in Afrika. "Ich will nicht mein Leben auf irgendwelche Sachen vergeuden, nur weil sie mir Spaß machen!"

Der Paradigmenwechsel, den Zink vornimmt, hat für den Spaß an der Lektüre kalkuliert retardierende Konsequenzen. Man hört fast das Kichern, mit dem Nell Zink "Das Hohe Lied" via Floras Bewusstsein in die Diskurse des Millennial-Zeitgeists hineinführt. Im Mittelteil liest der Roman sich in seinen Denkfiguren wie eine Parodie auf die Romane Sally Rooneys. So wie die Erde für den Hedonismus der Spaßgenerationen büßt, büßen die Leser nun eben mit. Der Spaß ist aus. Das ist ästhetisch betrachtet nur konsequent und auch notwendig.

Die sorgfältig inszenierte Ödnis endet spätestens in dem Augenblick, in dem Flora nach ihrem Studienabschluss zum einen im Präsidentschaftswahlkampf in die Kampagne der grünen Kandidatin Jill Stein einsteigt und zum anderen kurze Zeit später den sinistren Politikberater und Spin Doctor Bull Gooch kennenlernt.

Irgendwann ist Trump, der Mann, der nur aus Lügen besteht, Präsident, und seine demagogischen Inszenierungen von Fake News auf den großen Bühnen geraten in Deckungsgleichheit mit den lange erprobten Verhaltensmustern in Floras Familie. Über vermeintlich diverse Prägungen, Klassenunterschiede, starre Überzeugungen und idealistische Weltrettungsfantasien hat Nell Zink ein erzählerisches Netz geworfen, das sie am Ende straff zuzieht. Trumps Erfolg erscheint nicht als Unfall, sondern als strukturell logische Konsequenz politischer Blasenbildung. Mit Trumps Abwahl ist diese Erkenntnis nicht obsolet geworden. Aus ihr heraus hat Nell Zink einen erhellenden Roman geschrieben.

Nell Zink: Das Hohe Lied. Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 510 Seiten, 25 Euro.

© SZ/fxs
Zur SZ-Startseite
Paul Celan

Erinnerungen an Paul Celan
:Die reine Kraft der Sprache

Der Czernowitzer Germanist Petro Rychlo hat Erinnerungen von Zeitgenossen Paul Celans in einem Band versammelt. Jacques Derrida und Peter Szondi kommen zu Wort, aber auch die Kinder aus der Nachbarschaft.

Von Lothar Müller

Lesen Sie mehr zum Thema