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Tragikomödie:Provinzgurken beim Arzt

Frankreich und seine Multikulti-Komödien, diesmal: "Ein Dorf sieht schwarz", und zwar wegen des neuen Arztes aus Afrika.

Von Rainer Gansera

Die neueste Wer-hat-Angst-vorm-schwarzen-Mann-Komödie aus Frankreich basiert auf wahren Begebenheiten, die sich in den Siebzigern im nordfranzösischen Provinznest Marly-Gomont zutrugen.

Gerne würde man sagen, dass die von Jungregisseur Julien Rambaldi im Feelgood-Modus präsentierte Integrationskomödie heute offene Türen einrennt. Aber Rassismus und fremdenfeindliche Ressentiments sind auch in Frankreich virulenter denn je. Welches Resultat wird der erste Wahlgang zur französischen Präsidentschaft am kommenden Sonntag in Marly-Gomont haben?

Besonders beliebt: der Premium-Flüchtling mit herzigen Lebensweisheiten

Bei den Wahlen 2012 erhielt die Kandidatin des Front National dort nahezu 30 Prozent der Stimmen. Rambaldi rekapituliert die Lebensgeschichte des 2009 verstorbenen Seyolo Zantoko, der vierzig Jahre lang als Arzt in Marly-Gomont wirkte, und beginnt damit, dass der in Zaire geborene Seyolo (Marc Zinga) an der Universität von Lille seine bestandene Prüfung zum Doktor der Medizin feiert. Leibarzt des Zaire-Diktators Mobutu will er nicht werden, also tritt er 1971 die seit Langem vakante Stelle eines Landarztes in der nördlichsten Region Frankreichs an, womit sich Tür und Tor für die vielfältigsten Formen kultureller Clashs öffnen.

Seyolos Gattin Anne (Aïssa Maïga), die mit den beiden kleinen Kindern anreist, erwartet hoffnungsfroh ein mondänes Leben in Paris und zeigt sich entsetzt von der Marly-Gomont-Tristesse im Dauerregen. Gewaltig erschrecken die Dorfbewohner, denen der neue Landarzt wie ein Wesen vom fremdesten aller Sterne erscheint. Rambaldi reiht die Einheimischen zwar als arg hinterwäldlerische Provinzgurken auf, zeichnet aber doch sämtliche Figuren versöhnungstauglich nach dem Rauhe-Schale-weicher-Kern-Prinzip. Im Stil französischer Multikultikomödien will er konventionelle Komödienmuster mit der Integrationsthematik verhäkeln.

Die Kleinstädter haben Angst vor den neuen Nachbarn.

(Foto: Prokino)

Am erfolgreichsten wurde das 2011 in "Ziemlich beste Freunde" vorgeführt. Der Trick bei diesem Film bestand darin, im Muster der Domestiken-Komödie die populäre Position des Bediensteten mit dem aus Afrika stammenden Pflegehelfer zu besetzen. Traditionell bedient die Domestiken-Komödie soziale Sehnsüchte. Sie wirft den Blick in gehobene gesellschaftliche Sphären, aber aus der Perspektive des Dienstpersonals, das sich im Kontrast zur überkandidelten Herrschaft als Repräsentant hemdsärmeliger, geerdeter Lebensvernunft empfinden darf. So brachte im Pariser Chalet von "Ziemlich beste Freunde" der schwarze Pflegehelfer die zickige Tochter des Chefs zur Räson, und so nahm auch in der deutschen Variante "Willkommen bei den Hartmanns" der aus dem Flüchtlingsheim rekrutierte Afrikaner als Hausmeister die Sympathieposition in der Münchner Edelvilla ein. Mit seinen herzigen Lebensweisheiten konnte der Premium-Flüchtling zum Selbstfindungsprozess der in ihre Luxusprobleme verzettelten Grünwald-Sippschaft beitragen.

Argumentiert man nun gegen das Klischeehafte solcher Konstellationen, kassiert man den Vorwurf, der gut gemeinten antirassistischen Tendenz in den Rücken zu fallen. Die alte Streitfrage: Lassen sich gute Absichten mit abgedroschenen Mitteln verfechten? Kann man mit Klischees gegen Klischeedenken angehen?

"Ein Dorf sieht schwarz" hält für den Helden nicht den sympathieträchtigen Bediensteten-Status bereit. Ein Arzt ist Autoritätsperson gerade auf dem Land, und Seyolo muss sich unendlich geduldig zeigen, um akzeptiert zu werden. Die muntere Leichtigkeit, mit der anfangs die Reibungen zwischen Seyolos Familie und dem dörflichen Leben in Szene gesetzt sind, versickert zum Ende hin, wenn die Story wieder einmal die integrative Zauberkraft des Fußballspiels beschwört und forciert auf die Wohlfühl-Tastatur der Rührseligkeit drückt.

Bienvenue à Marly-Gomont, Frankreich 2016 - Regie: Julien Rambaldi. Buch: Benoît Graffin, Julien Rambaldi, Kamini Zantoko. Kamera: Yannik Ressigeac. Mit: Marc Zinga, Aïssa Maïga, Bayron Lebli, Jonathan Lambert. Prokino, 94 Minuten.

© SZ vom 20.04.2017

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