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Tragikomödie:Leben unterm Bett

"Das Zimmermädchen Lynn" erzählt von einer Voyeurin, die sich unter fremden Hotelbetten versteckt - ein Glücksfall fürs deutsche Kino.

Von David Steinitz

Sollten Sie sich auch ab und an unter fremden Hotelzimmerbetten verstecken, um heimlich Ihre Mitmenschen zu beobachten, werden Sie das Problem kennen: Manchmal muss man einfach niesen, des Staubes wegen.

Das Zimmermädchen Lynn hat den Vorteil, dass sie durch ihren Job tagsüber die Betten präparieren kann, bevor sie sich nachts darunter legt: Matratze, Lattenrost, Gestell - alles muss akribisch mit der Staubsaugerspitze abgesaugt werden. Denn: An nur einem einzigen Tag kann sich einiges an Staub ansammeln, auch wenn man ihn im Sonnenlicht kaum sieht. "Was machst du denn da?", fragt der Chef. "Sauber", antwortet Lynn.

Ein schöner Glücksfall für das deutsche Kino ist diese kleine, verträumte Tragikomödie über die Neurosen eines Mädchens, das entsetzliche Angst vor Nähe hat, aber sich nichts sehnlicher wünscht als das. Lynn, eine schüchterne Kleptomanin und Reinlichkeitsfetischistin, hat gerade eine lange Therapie in der Klinik hinter sich. Trotz diverser Diebesorgien bekommt sie zumindest probeweise ihren alten Job als Zimmermädchen im Hotel Eden zurück. Weniger, weil sie mit ihrer braven Spange im Haar so unschuldig aussieht, sondern weil sie mit dem feisten Personalchef schläft. Aber was die apathische Lynn bislang glücklich gemacht hat - an den Habseligkeiten der Gäste zu schnuppern, auch mal unbeobachtet in ein fremdes Negligé zu schlüpfen oder eine Kleinigkeit einzustecken - es reicht ihr jetzt nicht mehr.

Lynn (Vicky Krieps) kurz vor einer Emotionsexplosion.

(Foto: Movienet)

Also fängt sie an, sich heimlich unter die Betten zu legen. Die kleine Kinoleinwand, die dort unten für sie entsteht, zwischen Boden und Bettunterkante, lässt sie auf herumtapsende Sockenpaare blicken, auf Rollkofferrollen, auf Höschen die zu Boden gleiten. Eine irre Schau natürlich, nur: Wie könnte der nächste Schritt aussehen? Wie könnte Lynn diesen Menschen wirklich näher kommen?

Als Borderline-Märchen für alle leidenschaftlichen Voyeuristen - sprich: für alle Kinoliebhaber - inszeniert Ingo Haeb diese Geschichte. Sie basiert auf dem Roman "Das Zimmermädchen" von Markus Orths. Und diesem Zimmermädchen haucht die Hauptdarstellerin Vicky Krieps, die wirklich eine Entdeckung ist, ganz wunderbar langsam und zärtlich Leben ein, und zwar wortwörtlich.

Lynns Wangen verfärben sich im Lauf des Films von verhuschter Blässe in ein sanftes Rot - was für diesen zarten Charakter quasi eine Emotionsexplosion ist. Der Grund: Sie verliebt sich in ein Callgirl, das sie aus ihrem Bettversteck heraus bei der Arbeit beobachtet. Es entspinnt sich eine merkwürdige Liebschaft zwischen den beiden Mädchen. Das Callgirl kann mit ihren Stilettos die verrücktesten Sachen machen, und die zögerliche Lynn löst sich immer mehr aus ihrer totalen Lebensverkrampfung. Ob das gut geht? Wie immer bei der ersten Liebe: natürlich nicht. Dafür lernt Lynn, dass man gerade als professionelle Voyeuristin abends unbedingt unter sein eigenes Bett schauen sollte, um ruhig schlafen zu können.

Das Zimmermädchen Lynn, D 2014 - Regie, Buch: Ingo Haeb, nach dem Roman von Markus Orths. Kamera: Sophie Maintigneux. Mit: Vicky Krieps, Lena Lauzemis, Steffen Münster. Movienet, 90 Minuten.

© SZ vom 28.05.2015

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