Prominent besetzte New Yorker Diskussion über Tove Ditlevsen:Erlösung von der Realität

TOVE DITLEVSEN SKRIVEMASKINER

Zerfall im Zeitraffer: Tove Ditlevsen starb 1976 an einer Überdosis Schlaftabletten.

(Foto: Ritzau Scanpix/picture alliance / WILLY HENRIKS)

Die preisgekrönten amerikanischen Autoren Rachel Kushner und Ben Lerner sprachen über ihre Verehrung der Bücher der gerade wiederentdeckten dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen.

Von Kathrin Witter

Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie, so viel steht jetzt schon fest, ist eines der großen literarischen Ereignisse des Jahres. Und das nicht nur, weil derzeit wenig Literatur auf so viel Begeisterung stößt wie autobiografische Romane, insbesondere von Frauen. Vor allem schreibt Ditlevsen einzigartig. Die drei Bände, in denen die 1917 in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen geborene Dichterin ihr Leben erzählt, wurden in Dänemark schon Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger publiziert und geliebt.

International blieben sie lange unbemerkt, eine englische Übersetzung der ersten beiden Bände erschien zwar schon 1985, doch erst 2019 nahm sich in Großbritannien der Penguin-Verlag einer Veröffentlichung aller drei Teile an. Sie wurden prompt ein großer Erfolg. In Deutschland erscheint sie seit Mitte Januar unter den Titeln "Kindheit", "Jugend" und "Abhängigkeit" im Aufbau-Verlag, etwa gleichzeitig mit der amerikanischen Ausgabe. Auch dort werden die Hymnen, die die britische Presse angestimmt hatte, weitergesungen - und das taten auch die Teilnehmer eines prominent besetzten virtuellen Podiums des Scandinavia House in New York.

Moderiert vom dänischen Schriftsteller und Kritiker Morten Hoi Jensen trafen sich dort die Bestsellerautorin Rachel Kushner, der Übersetzer Michael Favala Goldman und der Literaturwissenschaftler und preisgekrönte Schriftsteller Ben Lerner, um über die Bücher und Ditlevsens poetische Technik zu sprechen. Erste Beobachtung der Runde: Ditlevsen versteht es exzellent, dem jeweils erzählten Lebensabschnitt eine eigene Sprache zu verleihen, ihr Tonfall ändert sich von Buch zu Buch.

Ditlevsen ersetzt schließlich die Literatur mit dem Opioid Penthidin

Der erste Teil der Trilogie ist darum vielleicht der beste, denn es gelingt hier, die Unbefangenheit des Kindes darzustellen, ohne auf ihren größten Feind - die Metareflexion auf die Kindheit - zu verzichten. Dass es so gut gelingt, liegt sicher daran, dass die kleine Tove offenbar ein sehr sympathisches Kind war, aber eben auch immer wieder mit den Härten der Realität konfrontiert wurde. Vor diesen Konfrontationen suchte sie Zuflucht in der Literatur.

Die Poesie als Rückzugsort von der Wirklichkeit ist eines der großen Themen in Ditlevsens Leben. Doch so wie sich mit dem Erwachsenwerden die Wirklichkeit ändert, so ändern sich auch die Fluchtmöglichkeiten. Ditlevsen ersetzt schließlich die Literatur mit dem Opiod Penthidin, mit dem sie ihr dritter Ehemann versorgt, der Arzt ist und dem die Abhängigkeit seiner Frau mehr als gelegen kommt. Was Ditlevsen von der Poesie verlangt, eine Erlösung von der Realität, kann ihr der Opioidrausch zuverlässiger verschaffen.

Die ähnliche Bedeutung, die Drogen und Literatur für Ditlevsen hatten, interessierte auch die Diskutanten sehr. Besonders das Verhältnis von beiden zur Zeit und die Möglichkeit, die das Penthidin zu bieten scheint, um dieser zu entkommen. Tatsächlich, müsste man hinzufügen, liefert eine Sucht einen Menschen der Zeit natürlich umso mehr aus. Ditlevsens Körper zerfällt durch die Abhängigkeit jedenfalls wie im Zeitraffer. Ihr Leben endet schließlich 1976 mit einer Überdosis Schlaftabletten.

Ganz gleich, ob Ditlevsen über ihre Beziehungen zu Familie, Freundinnen oder Männern schreibt - stets ist eine gewisse Distanz zu der Person spürbar, die sie in diesen Verhältnissen jeweils sein soll. Sie spielt und ahmt andere nach, um normal zu sein, denn auch danach sehnt sie sich. Besonders Kushner betonte diese Distanz, der Ditlevsen durch ihre Erzählweise Ausdruck verleiht. Immer wieder macht sie sich über sich selbst lustig, und auch deswegen ist es so ein Vergnügen, die Bücher zu lesen.

© SZ/crab
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