Tom Tykwer "Wenn das Leben nicht mehr in die Filme dringt, sind sie tot."

Der Regisseur des "Parfums", spricht über Risiko und Reiz einer Bestsellerverfilmung, die Geschichte als Lebenswelt und die ewige Suche nach Wunschräumen.

Interview von Rainer Gansera, Fritz Göttler

Beim Publikum ist er vor allem der Regisseur von "Lola rennt", einem rasanten Kultfilm der neunziger Jahre mit Tom Tykwers damaliger Lebensgefährtin Franka Potente. Im Schatten dieser Lola, in den Filmen "Die tödliche Maria", "Winterschläfer", "Der Krieger und die Kaiserin", tummeln sich dunkle, selbstquälerische Helden, in seiner ersten internationalen Produktion "Heaven" hat Tom Tykwer ein Drehbuch des verstorbenen Krzysztof Kieslowski verfilmt.

"Ich muss einen neuen Pfad suchen, bevor ich anfange mich zu wiederholen."

(Foto: Foto: AP)

SZ: Bernd Eichinger, Ihr Produzent, hat in einem Interview vor ein paar Wochen gesagt: Man darf beim Filmemachen scheitern, natürlich, aber nicht beim "Parfum" . . . Hat er das so vermittelt bei den Dreharbeiten?

Tom Tykwer (lacht): Das brauchte er nicht zu vermitteln. Mir war sehr bewusst, dass es galt, ein Schwergewicht zu stemmen. Was heißt "scheitern"? Mir ging es nicht darum, einen Film zu machen, der allen gefällt, sondern einen, von dem ich das Gefühl habe, dass er die Energie und Drastik und Kraft des Romans einfangen kann. Das war für mich das Zentrum des Anspruchs. Die Zuschauer sollen Atmosphäre und Klima des außerordentlich beliebten Romans wiederfinden können, und zugleich eine subjektive filmemacherische Perspektive auf den Stoff geboten bekommen.

SZ: Als Bernd Eichinger mit dem Projekt auf Sie zukam, hatten Sie, wie Sie erzählten, gerade eine Art Krise . . .

Tykwer: Der private Teil der Krise ist ja jetzt uninteressant. Vielleicht lohnt es sich, vom professionellen Teil zu reden. Ich war an einem Punkt angekommen, wo ich merkte: Ich muss einen neuen Pfad suchen, bevor ich anfange mich zu wiederholen. Ich bin jetzt Anfang vierzig, seit der Kindheit war das Kino mein Wunsch-, Phantasie- und Traumraum. Ich fragte mich: Gab es in meiner Jugend nicht auch ganz andere Wunschräume, die ich ignoriert habe?