Todestag Glück des Augenblicks

Barbara Beuys beleuchtet das Leben und wissenschaftliche Treiben der vor 300 Jahren gestorbenen Naturforscherin, Künstlerin und Geschäftsfrau Maria Sibylla Merian.

Von Peter Henning

Mit seiner ebenso ungewöhnlichen wie mitreißend geschriebenen Romanbiografie der Naturforscherin Maria Sibylla Merian, dem Band "Frau Merian!", stürmte der 2015 verstorbene Kölner Schriftsteller Dieter Kühn 2002 die Bestenlisten. Denn mit seinem Buch war dem erfahrenen Biografen und Chronisten großer Geister wie Oswald von Wolkenstein, Goethe, Clara Schumann oder Beethoven tatsächlich etwas Ungewöhnliches geglückt: eine romanhaft quirlige, 647 Seiten lange Verdichtung des Lebens der sogenannten "Falterfrau" aus dem hessischen Frankfurt. Kühns Buch führte seinerzeit in seiner poetischen Bildmacht gekonnt vor, dass da, wo sich das faktisch Verbürgte bisweilen als allzu karg und überschaubar erweist, die Stunde der Erfindung schlägt, mit der sich ein wenig Licht ins biografische Dunkel bringen lässt - und sei es auch ein künstliches.

Draufgängerisch mischte Kühn Imaginiertes mit Faktischem und ging das Leben jener Frau, die zunächst an Seidenspinnerraupen herumprobierte, später an tropischen Faltern und ihren Raupen, zugleich kühl wie ein Entomologe an, der einen tropischen, ihm bis dato unbekannten Schwärmer, zum Beispiel einen jener exorbitanten Eumorpha labrucscae, wie die Merian ihn auf ihrer Surinamreise in den Tropen um 1700 antraf und zeichnete, auf seinem Spannbrett hat und nun mit Blick durch die Lupe beginnt, ihn in seiner ganzen anatomischen Besonderheit zu studieren, Zentimeter für Zentimeter, Detail für Detail. Die eingliedrigen Maxilarpalpen, den Saugrüssel, die Superpositionsaugen und seine keilförmigen starfighterhaften Flügel, den wuchtigen Leib.

Dieter Kühn rückte Maria Sibylla Merian poetisch zu Leibe und kam ihr dabei wohl so nah, wie kein Zweiter vor und nach ihr. Das Resultat war ein glänzend geschriebener monografischer Essay, der sich mit einer exzellent recherchierten biografische Totalansicht der Merian, soweit es das "Lebens"-Material erlaubte, das sie ihren Biografen zurückließ, als sie am 13. Januar 1717 in Amsterdam starb. Kühns Buch stellte Uta Kepplers "Die Falterfrau" aus dem Jahr 1976 in den Schatten, 2003 folgte die nüchternere, von der Wissenschaftshistorikerin Natalie Zemon Davis unter dem Titel "Metamorphosen" verfasste Lebensgeschichte, die der Wagenbach Verlag kürzlich neu aufgelegt hat.

Die Biografie "Maria Sibylla Merian - Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau", die nun die Kölner Autorin Barbara Beuys vorlegt, muss neben dem opulenten Buch Kühns ein wenig blass wirken. Denn wo Kühn rausholte, was sein Tuschkasten an Farben und Zwischentönen hergab, da folgt Barbara Beuys eher brav den Lebensspuren der Begründerin der modernen Entomologie und Zeitgenossin von Marcello Malpighi, Antoni van Leeuwenhoek und Jan Swammerdam, der um 1680 die "Präformationslehre" begründete. Barbara Beuys entwickelt ihren Text streng entlang der ihr bekannten Fakten, hat aber zudem Originalschauplätze in Holland aufgesucht und Originalstiche und Zeichnungen dr Maria Sibylla Merian begutachtet. Doch ist ihr Buch weit mehr als eine sprachlich routinierte Aneinanderreihung von Lebensstationen, wie man sie häufig in der biografischen Literatur findet.

Diese Biografie erzählt auch die Geschichte einer besonderen weiblichen Emanzipation

Denn es folgt einem eigenen, ergiebigen Ansatz. Anders als etwa Helmut Kaiser, der in seiner 1997 bei Artemis & Winkler erschienenen Merian-Biografie vor allem dem Mythos der großen Unzeitgemäßen huldigt, und, beginnend in der Mainzerstraße in Frankfurt, ihren Aufstieg, in den Olymp der Gelehrten nachzeichnet, leuchtet Barbara Beuys vor allem die Gefühlswelt der Merian aus.

Und sie tut es vorsichtig, tastend, mit weiblichem Blick. Das nimmt einen für ihr Buch ein, das bewusst eine Nahaufnahme sein will, ein biografisches Close-Up sozusagen. Es will die innersten Motivationen und Gefühlslagen freilegen, welche die junge Frau umtrieben in ihrer wachsenden forscherischen Wissbegier und ihrem Streben nach Selbstverwirklichung. Und das gelingt ihr immer wieder.

Denn tatsächlich ist die Geschichte der Maria Sibylla Merian auch die Geschichte einer weiblichen Emanzipation, einer exemplarischen schmetterlingshaften Selbstentfaltung. So gehen wir mit Barbara Beuys noch einmal durch das Leben der Tochter des Verlegers, Illustrators und Kupferstechers Matthäus Merian, "dem Älteren", die 1647 in Frankfurt am Main geboren wurde, erleben ihre ersten Falter-und Raupen-Erfahrungen mit, ihre Heirat, ihre Veröffentlichungen, darunter die "Blumenbücher" ebenso wie ihr "Raupenbuch" aus dem Jahr 1679, bis hin zu ihrer Surinam-Reise, die sie in Begleitung ihrer jüngeren Tochter Dorothea unternahm. Mit dem aus dieser Reise hervorgegangenen Opus Magnum "Metamorphosis Insectorum Surinamensum", das 1705 erschien, sicherte sich Maria Sibylla Merian endgültig ihren Platz in den Geschichtsbüchern.

Niedergeschlagen sieht die 13-Jährige ihre Seidenspinner trotz bester Pflege eingehen

Das alles ist sattsam bekannt, natürlich, erhält bei Barbara Beuys aber durch die Art, wie sie es im Seitenlicht des fein geschilderten Wesens der Merian betrachtet, plötzlich etwas fühlbar Persönliches. Und wer, wie der Autor dieses Artikels, selbst seit fast fünfzig Jahren Falter beobachtet, Raupen züchtet und die später geschlüpften Falter auswildert, der hat beim Lesen in dieser Biografie gelegentlich das Gefühl, sich selbst ein wenig darin gespiegelt zu sehen, etwa in der Niedergeschlagenheit der 13-jährigen Heldin, die nach eingehender Hege und Pflege irgendwann bilanzieren muss, dass kaum einer der von ihr sorgfältig und regelmäßig mit Maulbeerbaumblättern versorgten Seidenspinner überlebt hat.

Oder in dem wahrhaft elektrisierenden, einzigartigen Glück, das jeden Schmetterlingssammler unwillkürlich durchströmt, wenn er nach stundenlanger Suche in der kargen Felsenlandschaft der kroatischen Küste plötzlich auf den mächtigen weißen Waldportier, Aulocera circe, trifft oder in den Hügeln von Andorra auf den sehr seltenen Isabellaspinner, Graellsia isabellae, und sein Glück hier wie dort kaum fassen kann. "Und am meisten genieße ich die Zeitlosigkeit, wenn ich - in einer aufs Geratewohl herausgegriffenen Landschaft - unter seltenen Schmetterlingen und ihren Futterpflanzen stehe. Das ist Ekstase, und hinter der Ekstase ist etwas anderes, schwer Erklärbares. Es ist ein kurzes Vakuum, in das alles strömt, was ich liebe", bekannte der Schriftsteller und Entomologe Vladimir Nabokov in seiner Autobiografie "Erinnerung, sprich".

Maria Sibylla Merian wird die Nabokovschen Ekstasen gekannt haben, dieses plötzliche Durchströmtwerden von einem für Außenstehende nur schwer nachvollziehbaren Glück. Das Buch von Barbara Beuys macht dieses "Augenblicksglück"stellenweise fühlbar. Darin bereits liegt sein nicht geringer, hier anzuzeigender Wert.