Thriller Beute fürs Leben

Die "Widows" beim Planen ihres Raubzugs.

(Foto: epd)

Im Thriller "Widows" übernehmen vier Frauen das Verbrechergeschäft ihrer Männer.

Von Doris Kuhn

Die Frau kann rennen! So hat man das im Kino noch nie gesehen. Wie sie die Knie hochreißt, wie zackig die Arme fliegen, alles in einem Tempo, mit dem sie die anderen auf dem Bürgersteig fast allein durch ihre Druckwelle aus der Bahn schiebt. Unter Beifall erreicht die Frau am Ende ihr Ziel: Sie kriegt den Bus.

Der Regisseur Steve McQueen lässt die Schauspielerin Cynthia Erivo nicht umsonst eine ganze verslumte Straße in Chicago entlangstürmen. Was er dabei zeigt, ist ihr unbedingter Wille, ein Ziel zu erreichen, ein Wille, der nicht einen Moment lang durch Schwäche getrübt wird. Eine Kraft wird sichtbar, und damit wird Erivos Figur Belle später andere Ziele erreichen als nur den Bus. Sie wird das gemeinsam mit drei anderen Frauen tun, die, wie sie, nicht mehr bereit sind innezuhalten.

Aber bevor es so weit kommt, fliegen erst ein paar Autos in die Luft, und mit ihnen auch eine ganze Bande von Räubern, die am Anfang des Films gerade einen Überfall zu Ende bringen. Ihr Erfolg ist kurz, dann sind sie tot, das Blaulicht ihrer Verfolger wird vom weißen Blitz der explodierenden Fluchtwagen überlagert. Die zwei Koffer voll Geld, die diese Räuber gerade erbeutet haben, genauer gesagt die zwei Millionen Dollar aus dem Besitz eines extrem gewaltbereiten Gangsters, gehen in dieser Katastrophe ebenfalls unter.

Damit ist der Thriller "Widows" bei den titelgebenden Witwen. Die verstorbenen Räuber hinterlassen Ehefrauen, die vom illegalen Treiben ihrer Gatten nichts oder kaum etwas wussten. Jetzt sieht ihre Zukunft finster aus, keine der Witwen hat Geld, sie waren von ihren Männern abhängig. Eine von ihnen, Veronica, hat auch noch den Gangster am Hals, der seine zwei Millionen zurückhaben will. Und der ist, wie gesagt, exaltiert in seinen Maßnahmen.

Also kontaktiert Veronica einige der anderen Witwen, und diese Frauen unterschiedlichster Herkunft beschließen in der Not, gemeinsam den Job ihrer Männer weiterzuführen. Ein Notizbuch wurde hinterlassen, in dem ein nächster Coup detailliert aufgezeichnet ist, der wirkt relativ machbar, sogar für die Frauen, die in der Räuberbranche keine Erfahrung haben. Was jetzt allerdings nicht passiert, ist ein Gangsterinnen-Jux, in dem ein paar Frauen die besseren Männer abgeben. Denn es ist bekanntlich die Erschütterung, die Steve McQueen in seinen Filmen sucht. Immer fragt er nach der Durchhaltefähigkeit seiner Helden, prüft ihre Entschlossenheit, sobald sie unter Druck geraten; im Sklavendrama "12 Years a Slave", in der Sexsuchtgeschichte "Shame" und im unerbittlichen "Hunger", in dem man dem IRA-Aktivisten Bobby Sands im Knast beim Sterben zusieht, weil er nicht von seiner Überzeugung abrücken will. Die Beziehung von Zwang und Widerstand ist McQueens großes Thema, dem ordnet er auch seine "Widows" unter.

Hier liefert die Großstadt ein paar weitere Krimiplots. Der weiße Politiker, der in den Stadtrat will und dafür im schwarzen Slum miese Start-up-Kredite vergibt; der schwarze Gangster, der für denselben Slum in den Stadtrat will und seine Wähler mit der Knarre überzeugt; die Kirche, die sich im Zweifelsfall von beiden kaufen lässt. Die zwei simpelsten Mittel der Politik, Geld und Gewalt, führt McQueen mit diesen Stadtratskandidaten anschaulich vor. Er zeichnet den politischen Verfall ohne Nachsicht und hält sich schön eng an alles, was die US-Realität bestimmt: Polizeigewalt, Korruption, Rassen-, Klassen-, Geschlechterdiskriminierung.

Trotzdem sorgt das Genre dafür, dass dieser Film weniger streng wirkt als McQueens frühere Werke. Die Orte müssen erklärt werden, was einmal durch eine grandiose Kamerafahrt passiert, die von den Bauruinen der Armen bis zu den Luxushäusern der Millionäre reicht. Manchmal gibt es tatsächlich ein paar humorvolle Szenen, wenn McQueen mit den Klischees spielt und die Witwen für ein konspiratives Treffen in die Sauna setzt wie alte Mafiosi. Sowieso werden Klischees gern gezeigt und gern zerlegt, vor allem von den vier Witwen selbst. Denn die erkennen den Vorteil, der in dem Frauenbild liegt, das die Außenwelt von ihnen erwartet. Solange sie sich hilflos geben, werden die tausend Profis dieser Welt sie großzügig beraten, egal ob es um den Kauf von Schusswaffen oder Fluchtautos geht. Sie nutzen bewusst ihre mieseste Rolle, um unverdächtig zu bleiben, und richten so auch einen neuen Blick auf sich selbst.

Der Gewinn, von dem der Film erzählt, ist nicht die Beute eines Diebeszugs. Steve McQueen zeigt eine Friseurin, eine Hausfrau, eine Verkäuferin und ein Callgirl, die eine kriminelle Idee umsetzen. Aber die Kraft, die sie dafür finden müssen, greift auch auf ihren Alltag über. Sie lernen, die Position der Passiven aufzugeben - damit haben sie eine Beute für den Rest ihres Lebens.

Widows, USA 2018 - Regie: Steve McQueen. Buch: McQueen, Gillian Flynn. Mit Viola Davis, Cynthia Erivo, Elizabeth Debicki, Michelle Rodriguez, Colin Farrell, Daniel Kaluuya. Fox, 128 Minuten.