Thomas Kunsts Roman "Zandschower Klinken":Guckst du

Hausziege, Haus-Ziege (Capra hircus, Capra aegagrus f. hircus), Fething auf der Hallig Suedfall, Deutschland, Schleswig-

Die Sehenswürdigkeiten von Zandschow sind ein Dorfladen und ein Teich.

(Foto: S. Ziese/imago images/blickwinkel)

Thomas Kunsts "Zandschower Klinken" ist die Modelleisenbahn unter den Gegenwartsromanen - und nominiert für den Deutschen Buchpreis.

Von Jörg Magenau

"Landstraße, Autobahn, aber in umgekehrter Reihenfolge." "Erstmal die Wälder und Kornfelder hinter sich lassen, aber in umgekehrter Reihenfolge." "Die Fußbodenmatte ist das Straßenpflaster, aber in umgekehrter Reihenfolge." Wer sich auf die Prosa des Lyrikers Thomas Kunst einlässt, muss sich auf zahlreiche Umkehrungen logischer Verhältnisse einstellen. Allein siebenundfünfzig Mal kommt die Formel von der umgekehrten Reihenfolge auf den 250 Seiten der "Zandschower Klinken" vor - während die Klinken nur beiläufig Erwähnung finden. Dabei spielt die Reihenfolge von Wald und Kornfeld, aussteigen und einsteigen, anfangen und aufhören in dieser in sich kreisenden Sprachakrobatik nun wahrlich keine Rolle. Man könnte auch hinten oder in der Mitte zu lesen beginnen.

Alles in diesem Buch basiert auf dem Prinzip der Wiederholung mit Variationen. Auch der Anfang kehrt immer wieder, wenn Bengt Claassen in sein Auto steigt und losfährt. Sein Jahr mit Freundin Silje und Hündin Weißäuglein ist um, die Freundin hat einen anderen, und die Hündin ist tot. Alles, was Claassen besitzt, passt in den Kofferraum. Das Hundehalsband legt er auf das Armaturenbrett. Da, wo es herunterfällt, will er bleiben, gibt sich aber sicherheitshalber drei Versuche, um die Zukunft nicht in einem Wald, einem Kornfeld oder einem Flusslauf verbringen zu müssen.

Schließlich fällt das Halsband in dem Dörfchen Zandschow herunter. Wolfs Getränkeladen stellt dort das kulturelle Zentrum dar, ansonsten gibt es noch einen Bauwagen, den die Bewohner als U-Bahn-Waggon bespielen, und einen Dorfteich, der ihnen als Ozean dient, auf dem sie ihre Kunstschwäne aussetzen oder im Boot zur Insel Sansibar übersetzen.

Auf der A7 probt unterdessen ein Reh seinen Auftritt

Zandschow liegt keineswegs im Osten der Republik, wie die Rezensenten dieses verwirrenden Werkes bisher ausnahmslos annahmen, vielleicht deshalb, weil Thomas Kunst 1965 in Stralsund geboren wurde und heute in Leipzig lebt. Das fiktive Zandschow platziert Kunst vielmehr mit Bedacht am nördlichen Ende der A7, deren 962,2 Kilometer von Süd nach Nord ausschließlich auf westlichem Territorium verlaufen.

Zandschow liegt demnach in Schleswig Holstein in der Nähe der dänischen Grenze, es sei denn, derlei kartografische Hinweise auf die Wirklichkeit würden von Thomas Kunst in strategischer Verwirrungsabsicht eingesetzt und hätten nichts zu bedeuten, sodass Zandschow tatsächlich überall und nirgendwo sein könnte, wo die Koordinaten von Ost und West keine Rolle mehr spielen. Wichtig ist, dass das Dorf sich kraft des Einfallsreichtums der Dörfler zur Welt hin öffnet. Seefahrer aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert segeln quer durch das Textmeer, bis sie irgendwo in der Südsee stranden und vor den dort lauernden Eingeborenen, die mit Pfeil und Bogen zum Angriff übergehen, gerettet werden müssen. Gibt's denn so was überhaupt noch? Ja. In einem Text, in dem alles möglich ist, schon.

Die A7 wird auch deshalb immer wieder genannt, weil - und das ist ein anderer, sich wiederholender Erzählstrang - dort ein Reh seinen Auftritt probt. Das Reh vermag zunächst, die Autobahn zu überqueren und dabei über Witterung zu sprechen, schwingt sich dann zum Tageschreiber und zum Taxifahrer in Cartagena auf, das wahlweise am spanischen Mittelmeer oder aber und vor allem in Kolumbien liegt. Kunst greift mit dem Reh-Motiv auf Grimms Märchen von Brüderchen und Schwesterchen zurück, die genau wie die Figuren in diesem Roman in die weite Welt hinaus fliehen wollten. Doch weil Brüderchen aus einer verhexten Quelle trinkt, verwandelt er sich in ein Reh, das jetzt bei Thomas Kunst leise klagt: "Ich hätte nicht aus allen Quellen trinken sollen."

Der Text liest sich, als höre man eine zerkratzte Platte, auf der der Tonarm auf und ab springt

Das allerdings möchte man auch dem Autor zurufen, dessen delirierende, rauschhafte Erzählweise nicht nur an Dada- und Surrealismus erinnert, sondern auch an moderne Absurdisten wie Andreas Okopenko oder die Ausschweifungen eines Frank Witzel. Thomas Kunst bedient sich einer DJ-Technik, indem er seine Einfälle, Sätze und Sequenzen immer wieder neu auflegt, anders mischt, rhythmisiert, weiterführt. Die ewige Wiederkehr des nie ganz Gleichen irritiert zunächst, als höre man eine zerkratzte Platte, auf der der Tonarm wie wild hin und her springt und immer neue Effekte aus dem Material herausholt. Auf die Dauer ist das aber ermüdend und schafft weniger Erkenntnisgewinn als Überdruss. Aber in umgekehrter Reihenfolge.

Der Text ist Modell einer Wirklichkeit, die nichts ist als Modell. Symptomatisch dafür ist eine kleine Geschichte, die als Solitär im Textmeer der Wiederholungen auftaucht. Sie handelt von einer Flasche aus der Flaschenfabrik, die als Fehlprägung auf dem Müll landet, dort aber von einem Flaschensammler geborgen wird. Die Flasche wächst und wird immer größer, bis sie schließlich ein Schiff, das sie transportiert, zum Kentern bringt und in sich aufnimmt als Schiff in der Flasche, aber nicht als Modell, sondern in aller prachtvollen Wirklichkeit.

Diese Geschichte ist wie eine Flaschenpost in den Roman integriert, um die Umkehrung von Modell und Wirklichkeit zu versinnbildlichen. Thomas Kunst spricht immer aus der Perspektive des künstlich Angelegten, von wo aus die wirkliche Welt ein Sekundäreffekt ist. Dafür stehen Sätze wie dieser: "Ein Sturm hat Bahnstrecken und Wälder außerhalb des Aquariums verwüstet, aber in umgekehrter Reihenfolge." Das spricht sehr fürs Aquarium und gegen die Welt; und tatsächlich ist Zandschow nichts anderes als so eine künstliche Oase, wo die Menschen, um der Wirklichkeit zu entkommen, ihre Spielchen spielen.

Die Erweiterung der Provinz zur Welt ereignet sich vor allem online

Zum Teil ist das wirklich lustig, etwa dann, wenn sie eine Bergetappe der Tour de France in der eigenen Küche fahren und für die authentische Sinnlichkeit Heuballen auslegen und Schafe hineintreiben. Lustig sind auch all die Anleihen bei Sprechweisen aus dem Internet, etwa dann, wenn Dorfbewohner, die zufrieden sind, bitte die Eins drücken sollen oder wenn Bengt Claasen die Nachricht einer Frau erhält, die ihm Sex anbietet: "Ich suche diskrete Dates in der Nachbarschaft, bei denen der Spaß nicht zu kurz kommt. (...) Auf www.shithappens99.de habe ich auch noch ein paar heiße Bilder für dich, damit du einen Körper zu dieser Mail hast." Das Nachdenken findet vorzugsweise dann statt, wenn es keinen Handyempfang gibt.

Die Erweiterung der Provinz zur Welt ereignet sich vor allem online, auch wenn das auf Kosten der Entwirklichung der Wirklichkeit geht. Doch genau davon handelt ja dieser absurde Roman, falls er überhaupt von etwas handelt. Gegen die Tendenz zur Entgrenzung im Digitalen oder in der eigenen Fantasie steht jedoch hartnäckig die nackte Körperlichkeit, und so gelten auch dem Körper wiederkehrende Satzkaskaden, die dessen Schwerkraft und Schwerfälligkeit ausloten: "Der Körper hält Gott für einen Koordinator. Der Körper hat ein Halsband. Der Körper fickt und lacht. Der Körper verlangt nach Gott. Der Körper besitzt Geisteskräfte. Der Körper hat Todesangst" - und so weiter.

Thomas Kunsts Roman "Zandschower Klinken": Thomas Kunst: Zandschower Klinken. Roman. Suhrkamp, Berlin 2021, 254 Seiten, 22 Euro.

Thomas Kunst: Zandschower Klinken. Roman. Suhrkamp, Berlin 2021, 254 Seiten, 22 Euro.

So bleibt es im Ungewissen, ob Zandschow tatsächlich eine solidarische Gemeinschaft zeichnet, die sich ihr eigenes Utopia entwirft, oder ob es sich bloß um eine Flucht in die Redundanz handelt, ob Heiterkeit oder Verzweiflung dieses agitierende Sprechen antreibt. Der Roman hat zweifellos sehr viel Fantasie und auch Witz. Aber er stellt beides ein wenig zu sehr aus, als müsse er damit permanent renommieren und Applaus für seinen Einfallsreichtum einfordern. Zandschow gleicht der Kulisse einer Modelleisenbahn, auf der die immer gleichen Züge die immer gleichen Strecken abfahren, während der beglückte Modellbauer danebensteht und sich am sauberen Ablauf freut.

Auch wenn diese Freude sich durchaus mitteilt: Nachdem der Zug seine Kreise ein paar Mal abgefahren hat, wird es rasch langweilig. Dann darf man den stolzen Modellbauer und seine Modellwelt wieder sich selbst überlassen. Meinetwegen auch in umgekehrter Reihenfolge.

© SZ/fxs
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