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Thomas Hettches Puppenkisten-Roman:Hatü und der Horrorkasperl

Augsburger Puppenkiste - 'Das Sams'

Die Augsburger Puppenkiste spielt hier "Das Sams".

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Mit der Augsburger Puppenkiste in die Abgründe der deutschen Geschichte: Thomas Hettches erstaunlicher Roman "Herzfaden" steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Von Helmut Böttiger

Zu den schönsten deutschen Prosastücken gehört Heinrich von Kleists kurze Betrachtung über das Marionettentheater, und viele haben sich seither bemüht, herauszufinden, was es mit der von Kleist heraufbeschworenen "Grazie" dieser Figuren und ihrem "Weg der Seele des Tänzers" auf sich hat. Diesen Faden nimmt Thomas Hettche jetzt auf und umkreist das alte Geheimnis neu. Da geht es auch wieder um das Verhältnis zwischen Kunst und Leben, zwischen Puppe und Mensch, zwischen Märchen und realer Zeitgeschichte, aber so leichthändig das alles auf den ersten Seiten erscheinen mag, so unentwirrbar verlockend wirkt es am Schluss.

Hettche hat sich ein Sujet dafür ausgesucht, das in der Mediengeschichte der frühen Bundesrepublik eine herausragende Rolle spielt: die "Augsburger Puppenkiste". Das deutsche Fernsehen war erst seit zwanzig Tagen auf Sendung, da flimmerte diese Institution am 21. Januar 1953 bereits zum ersten Mal auf den damals 5000 Bildschirmen, die das Programm des NWDR empfingen. "Der kleine Prinz", "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer", "Kater Mikesch" oder "Urmel aus dem Eis" haben in der Version dieses Fernseh-Marionettentheaters Generationen geprägt. Hettches "Roman der Augsburger Puppenkiste" erzählt nicht einfach die Geschichte dieses Theaters nach, von den in der Verzweiflung des Zweiten Weltkriegs entstandenen Marionetten des Gründers Walter Oehmichen über die ersten Aufführungen in der Nachkriegszeit bis zum immer größer werdenden Erfolg, sondern er geht weit darüber hinaus. In Form und Inhalt seiner Prosa verwandelt er sich der Ästhetik dieser Kunstform an.

Am Anfang glaubt man noch, ein Kinderbuch zu lesen. Wir erleben ein zwölfjähriges Mädchen, wie es am Ende einer Theateraufführung sich von der Hand seines Vaters losreißt, sich mit ihrem iPhone in der hintersten Ecke des Foyers auf den Boden setzt und neben sich eine kaum sichtbare kleine Tür entdeckt. Als es sie öffnet, gelangt es plötzlich in eine ganz andere Welt - über eine dunkle Treppe hoch, bis zu einem Dachboden, der nur an einer Stelle vom Mondlicht erhellt wird, wo dann immer mehr Marionetten auftauchen, angefangen von der Prinzessin Li Si über einen alten Storch bis zu einer "wunderschönen Frau", die sich als "Hatü" vorstellt.

Dann bricht diese Geschichte erst einmal ab. Sie ist im übrigen in roten Buchstaben gedruckt, und jetzt geht es in blauer Farbe und ganz anders weiter. Da befinden wir uns eindeutig nicht mehr in einem Märchen, sondern in der Zeit des Nationalsozialismus, aber es gibt eine Verbindung zu der Eingangsszene in roter Schrift: "Hatü" taucht auch hier auf, es ist der Kosename von Hannelore Marschall, der Tochter des Gründers und langjährigen Leiterin der Augsburger Puppenkiste. Sie ist gerade acht Jahre alt, und in filmisch-realistischer Weise wird nun ihre Biografie aufgerollt.

Erzählt wird zuerst in einem einfachen Ton, der auch Jugendliche erreichen kann

Die phantastische Dachstuhl-Szenerie in roter und die Geschichte Hatüs in blauer Schrift wechseln sich in der Folge immer wieder ab, und wie sie sich die Erzähl- und Zeitebenen aufeinander zu bewegen und unmerklich ineinander übergehen, das bildet das ästhetische Zentrum dieses Romans. Er ist unverkennbar selbst ein "Marionettenspiel", und wenn der Autor in einer kurzen Nachbemerkung feststellt, dass im Grunde jeder Roman ein solches sei, setzt er dieses Spiel nur weiter fort. Die Geschichte von Hatü ist in einem einfachen Ton erzählt, der auch Jugendliche erreichen kann - im Lauf des Geschehens wird aber klar, dass es um komplexe zeitgeschichtliche und ästhetische Fragen geht und die verschiedenen Altersstufen keine Rolle mehr spielen. Die Kindheit im Nationalsozialismus, der Alltag im Zweiten Weltkrieg, das Schweigen der Väter und die Verfolgung der Juden treten in knappen, grellen Passagen ins Blickfeld, und das wird konfrontiert mit der Anziehung, die für Hatü von den ersten vom Vater im Lazarett geschnitzten Marionetten ausgeht - die geheimnisvolle und unauslotbare Kraft der Fiktion. Dieser unsichtbare "Herzfaden", der den Marionetten zu eigen sein kann, zieht sich durch den gesamten Roman.

Der Autor bringt die Geschehnisse ins Schweben, indem er seine beiden Erzählebenen zeitlich anders inszeniert, als man es erwarten würde. Die unmittelbare Gegenwart, die Begegnung des iPhone-Mädchens mit den Marionetten, wird im Präteritum geschildert, wie ein Märchen. Die jahrzehntelang zurückliegende Vergangenheit aber erscheint im Präsens, in der Sprache kurzer Filmsequenzen. Das ist eine raffinierte Konstruktion, die die Gegensätze aufzuheben scheint. "Die Vergangenheit ist Gegenwart, die Gegenwart ist Vergangenheit", sagt ein alter Holzschnitzer einmal, den Hatü aufsucht, um etwas über den Umgang mit dem weichen Lindenholz zu erfahren. Dieser scheinbar banale Satz bildet die Essenz dieses Romans.

Der Vater Hatüs hat etwas Charismatisches und gleichzeitig Undurchschaubares, er spricht nicht über seine Konflikte, aber führt die Welt der Marionetten als einen möglichen Ausweg vor. Er ist vom beliebten und vielseitigen Schauspieler zum "Landesleiter der Reichstheaterkammer" aufgestiegen, ohne Nationalsozialist zu sein, trifft sich mit Freunden, mit denen er eine bürgerlich-kultivierte Welt fingiert, und seine Erfahrungen im Krieg teilen sich der jungen Hatü nur mittelbar mit. Der Alltag im Nationalsozialismus, die Selbstverständlichkeit dieser Umgebung für Heranwachsende, das Erschrecken in der Begegnung mit den wenigen ins Augsburg verbliebenen Juden: dies heute noch angemessen darzustellen, ist eine Herausforderung, und Hettche findet durch seine kurzen Kameraeinstellungen eine Lösung dafür.

Der Kasperl wird zu einem großen Symbol, auch für das Janusköpfige der Kunst

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es einen Schlüsselmoment, etwas Bedrohlich-Magisches. Hatü versucht während einer Kinderlandverschickung eine Kasperl-Figur zu schnitzen, wie sie sie bei ihrem Vater gesehen hat, und in dieses Kasperl geht unversehens mehr ein, als ihr klar ist. Hatü schneidet sich in den Finger, als sie die Gesichtszüge schnitzt, es entsteht ein breites, aggressives Grinsen, und sie beginnt diese Kasperl-Figur zu hassen. Auch bei den späteren Aufführungen findet sie es "widerlich", wie der Kasperl sich "mit dem Publikum gemein" macht. Parallel dazu gerät das Mädchen auf dem Dachboden in eine surreale Auseinandersetzung mit diesem Horrorkasperl, und so verschränken sich die Erzählebenen auf kunstvolle Weise, ohne dass etwas ausdrücklich benannt zu werden braucht. Der Kasperl wird zu einem großen Symbol: er steht für Initialerlebnisse der Puppenschnitzerin Hatü, für das Janusköpfige der Kunst, und dabei birgt er insgeheim auch die Abgründe der jüngeren deutschen Geschichte in sich.

Hettche gelingt es, die Verzauberung durch Jim Knopf oder den kleinen König Kalle Wirsch zu evozieren, das iPhone in der Hand des Mädchens zu einem märchenhaften Gegenstand zu machen und mit verschiedenen Gefühlsfarben und Erwartungen zu spielen - und gleichzeitig einen unerwarteten Ausschnitt aus der deutschen Zeitgeschichte zu vergegenwärtigen. Reale Personen wie der alte "innere Emigrant" Ernst Wiechert, Honoratioren der Bayrischen Akademie der schönen Künste wie der SS-Mann der ersten Stunde Hans Egon Holthusen, sowie der Ende der fünfziger Jahre auftretende Schriftsteller Michael Ende sind in dieses Textgewebe so selbstverständlich eingefügt, dass die Zeit außer Kraft gesetzt zu sein scheint. Und am Ende weiß man ein bisschen mehr darüber, was Kleist damals mit "Grazie" gemeint hat.

Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 288 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 16.09.2020

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