Favoriten der Woche:Rokoko-Flash in Rot und Gold

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Favoriten der Woche: Der Zuschauersaal im Wiener Theater in der Josefstadt ist dem Teatro La Fenice in Venedig nachempfunden.

Der Zuschauersaal im Wiener Theater in der Josefstadt ist dem Teatro La Fenice in Venedig nachempfunden.

(Foto: Theater in der Josefstadt Wien)

Fünf Favoriten der Redaktion - diesmal mit Recherchen zum Theater in der Josefstadt, Kasperl, Seppl, dem Fall Gleiwitz, einer spät veröffentlichten Geigen-Perle und Thilo Mischke.

Von SZ-Autoren

Rokoko-Flash in Rot und Gold

Mit seiner Fassade, eingereiht in eine Häuserzeile, macht das Wiener Theater in der Josefstadt kein großes Aufsehen - Auswärtige laufen schon mal dran vorbei. Innen aber: hui, was für ein opernhafter Retro-Auftritt! Der Zuschauerraum: ein Rokoko-Flash in Rot und Gold, gestaltet nach dem Vorbild des Teatro La Fenice in Venedig (Max Reinhardt hat das beim Umbau 1923/24 so gewollt). Rote Sitze, rote Logen, die Wände mit Damast bespannt, nicht in irgendeinem Rot, sondern im kirchenfürstlichen "Erzbischofsrot". Halleluja! Anschauungs- und Hintergrundmaterial dazu gibt es nun in Fülle - mit aktuellen wie historischen Bildern und teils doppelseitigem Foto-Pomp -, in einer Prachtpublikation von Robert Stalla. Die beiden zentnerschweren Bände (4,7 kg) umfassen 640 üppig illustrierte Seiten und tragen den in Gold geprägten Titel "Theater in der Josefstadt 1788-2030" (Hirmer). Ja, tatsächlich bis 2030, denn bis dahin gibt der seit 2006 amtierende Intendant Herbert Föttinger im Schlusskapitel einen (sehr selbstbezüglichen) Ausblick.

Der Doppel-Whopper ist nicht nur eine enorme Rechercheleistung, sondern auch eine Fleiß- und Liebhaberaufgabe. Eigentlich sollte der Kunsthistoriker Stalla nur die Architekturgeschichte des Theaters erforschen. Am Ende ist es eine umfassende kulturgeschichtliche Abhandlung geworden, mit Blick auch auf die sozioökonomischen Rahmenbedingungen und die mehr als 50 Direktoren, die das Haus prägten - natürlich alles nur Männer.

Favoriten der Woche: Theatergeschichte mit Goldprägung: Robert Stallas Doppelband über das Wiener Theater in der Josefstadt, erschienen bei Hirmer.

Theatergeschichte mit Goldprägung: Robert Stallas Doppelband über das Wiener Theater in der Josefstadt, erschienen bei Hirmer.

(Foto: Caroline Strecker/Theater in der Josefstadt)

Begonnen hat "die Josefstadt", wie die Wiener das Theater nennen, als simple Vorstadtbühne, gegründet 1788 vom Schauspieler Karl Mayer im Hinterhof einer Gastwirtschaft. 1822, bei der Einweihung des Neubaus nach Plänen von Joseph Kornhäusel, dirigierte Ludwig van Beethoven höchstselbst seine Komposition "Weihe des Hauses". Viele weitere Künstlerpersönlichkeiten sind hier aufgetreten, von Johann Nestroy über Oskar Werner, Hans Moser, Gustav Gründgens, Marlene Dietrich bis hin zu Senta Berger oder Gert Voss. Max Reinhardt leitete das Haus von 1923 bis 1935 und setzte wichtige Akzente. Zu den späteren Direktoren zählten Otto Schenk und Helmuth Lohner. Dass "die Josefstadt" bei allem Glanz ein etwas angestaubtes Image hat, kommt nicht zur Sprache. Das Buch ist kritiklos pro domo geschrieben. Seinen theaterhistorischen Wert mindert das aber nicht (und der hat auch einen Geldwert: 128 Euro). Christine Dössel

Der Fall Gleiwitz

Favoriten der Woche: Ein fieser kleiner Genrefilm: "Der Fall Gleiwitz".

Ein fieser kleiner Genrefilm: "Der Fall Gleiwitz".

(Foto: Kurt Schütt/Defa-Stiftung)

Ein Coup wird vorbereitet, gründlich wie Banküberfälle in Hollywood. Im Defa-Film "Der Fall Gleiwitz" von 1960 (auf DVD bei Icestorm) geht es um den Überfall auf den deutschen Radiosender am 31. August 1939, angeblich von polnischen Freischärlern, in Wirklichkeit von der SS inszeniert, unter Führung des Sturmbannführers Naujocks - eine der "Provokationen", die den Weltkrieg auslösen sollten. Ein fieser kleiner Genrefilm, in kühler Symmetrie gefilmt, als wäre man in Marienbad oder Alphaville. Co-Autor Wolfgang Kohlhaase und Regisseur Gerhard Klein hatten, nach drei Berliner Straßenfilmen, Lust auf Neues, die verbotene Frucht des Formalismus - "uns gefiel das", gesteht Kohlhaase mit brechtischem Vergnügen. Natürlich hagelte es Kritik von den DDR-Kulturfunktionären. Und natürlich beginnt es mit Naujocks in einem Kino ... Der Mann ist offenbar auch ein Cineast. Fritz Göttler

Das Ping zum Pong

Favoriten der Woche: Balzacs Personal aus der "Comédie humaine" ist nichts gegen das All-Star-Ensemble in "Dr. Döblingers geschmackvollem Kasperltheater".

Balzacs Personal aus der "Comédie humaine" ist nichts gegen das All-Star-Ensemble in "Dr. Döblingers geschmackvollem Kasperltheater".

(Foto: Kaspertheater)

Kasperl ist wieder da. Seppl auch. Und die esoterisch verstrahlte Hexe Annegeer Strudelhofer mit ihren ayurvedischen Badecremes und dem Sonnenschirm aus Goa ist natürlich auch schon wieder im Anmarsch, weil morgen öffnet doch das Freibad, und da will sie heute schon mal sonnenbaden - "nackert und zwar pudel-, wie der Kosmos mich schuf". Allerdings entdeckt sie dabei dann Kornkreise im hohen Gras und, aus is mit der Ruh in Hinterwieslharing, weil: Außerirdische natürlich weitaus besser für den lokalen Tourismus als irgend so ein Freibad ...

Dass München die wichtigste Kulturstadt Europas ist, weiß jeder, Nationaltheater, Neues Arena, Jonas Kaufmann und ganz vornedran "Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater". Die beiden Stimmakrobaten Richard Oehmann und Josef Parzefall haben in 20 Jahren einen sehr eigenen Kosmos geschaffen. Balzacs Personal aus der "Comédie humaine" ist nichts gegen ihr All-Star-Ensemble mit dem zuverlässig inkompetenten Zauberer Wurst, der schrillen Prinzessin Heike und dem intellektuell beeindruckend untertourigen Bürgermeister aka "Buagamoasta" (© Großmutter) Klingshirn.

Mit der Handlung ist es in den Döblinger-Stücken, die auch als Hörspiel erscheinen, wie mit einer frischen Brezn im Leben: Schmeckt an sich schon resch und köstlich, taugt aber zugleich als Träger für diverse Leckereien, was im Döblinger-Fall erlesener Nonsens und philosophisch gehaltvolle Lieder sind. Im besten Fall kommt alles zusammen, Brezn, Quatsch und Musik, etwa hier, bei "Kasperl und der Kornkreis" (als CD im Verlag Antje Kunstmann), wo Kasperl und Seppl eigentliche die Freibadwiese mähen sollen, aber lieber Tischtennis spielen, es geht gemütlich hin und her, her und hin, und langsam erwächst aus dem Pingponggeräusch ein Takt, ein Klang, ein neues Lied: "Von mir aus muss da drin kein tief'rer Sinn sein, doch vor jedem Her sollt' ein richtiges Hin sein. Wenn's gar kein Ping gibt, dann braucht's auch kein Pong, erst kommt die Antwort und dann erst die Frong."

Die beiden laden ja jedes Mal andere Künstler ein, diesmal den großen Vibrafonisten Wolfgang Lackerschmid, der seinerzeit mit Chet Baker jazzgeschichtlich fundamentale Platten - aber das ist eine andere Geschichte, lieber zuhören, wie der Lackerschmid das immergleiche Intro, den Kasperlsong von Stofferl Well, neu interpretiert. Alex Rühle

Terroristensuche

Thilo Mischke und Gabi auf Recherchereise

Auf der Suche nach "Abu Ibrahim al-Almani": Thilo Mischke und Oma Gabi.

(Foto: ProSieben/dpa)

Wenn von der "Info-Offensive" der Privatsender die Rede ist, wird meist die Verpflichtung von Ex-"Tagesschau"-Personal durch RTL und Pro Sieben angeführt. Vergessen wird dabei einer, der schon da war und sich neu erfunden hat: Thilo Mischke, einst Spezialist für Unter-der-Bettdecke-Pointen, hat zuletzt investigative Reportagen gedreht und bei seiner Erkenntnissuche vor der Kamera einen angenehmen Ton gefunden. Nun ist Mischke mit einer Oma namens Gabi losgezogen. In "Das Erbe des Dschihad: Was tun mit Deutschlands IS-Terroristen?" (prosieben.de) suchen die beiden in Gefangenenlagern nach Lukas, der sich als "Abu Ibrahim al-Almani" der Terrormiliz anschloss. Sie werden den Enkel und seine Familie aufspüren - Antworten auf die große Frage, wie es mit solchen islamistischen Abenteuertouristen weitergehen kann, finden aber auch sie nicht. Moritz Baumstieger

Bewegend schön

Favoriten der Woche: Inniger lässt sich das kaum spielen: Shumskys Violinkonzert von Brahms.

Inniger lässt sich das kaum spielen: Shumskys Violinkonzert von Brahms.

Der Stardirigent Leopold Stokowski nannte den Knaben ein Genie, Arturo Toscanini holte ihn später für zwei Spielzeiten als Konzertmeister ins NBC Orchestra. In den Fünfzigerjahren spielte er mit dem Klavierguru Glenn Gould. In Europa tauchte Oscar Shumsky (1917-2000), von Fritz Kreisler und David Oistrach als einer der "größten Geiger der Welt" gepriesen, erst in den Achtzigerjahren richtig auf. Diese Auftritte wurden ein Riesenerfolg. Was es mit dem Geigengesang dieses singulären Musikers auf sich hat, zeigt die Aufnahme des Violinkonzerts von Johannes Brahms, die Shumsky in den Achtzigern einspielte, die aber erst jetzt veröffentlicht wurde: Inniger, liebevoller lässt sich das kaum spielen. Wie Shumsky die Kantilenen sehnsüchtig mit vibrierendem Leben erfüllt, ist bewegend schön. Harald Eggebrecht

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