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Theaterskandal:Seit wann ist Kunst ein Debattenbeitrag?

Ode; Ode Thomas Melle

Grelle Kunstkleckserei in dem Stück „Ode“: Darf man das (noch)?

(Foto: Arno Declair)

"Hassrede gemeldet": Thomas Melles "Ode" ist eine Betriebsbeschimpfung.

Ein Kunstwerk wird enthüllt. Es ist ein Skandalon. Nicht, weil es etwas Anstößiges zeigt - es zeigt schlicht: nichts -, sondern wegen seines Titels: "Ode an die alten Täter" nennt Frau Professor Fratzer ihre provokative Skulptur aus monumentalem Nichts. Sie hat sie als "soziale Plastik" jenen Tätern des Nationalsozialismus gewidmet, die ihren Großvater töteten, denn dieser sei ein Vergewaltiger, Kinderschänder und Mörder gewesen. Wie weit dürfen wir gehen? Ist Kunst nicht auch das Reich des Bösen? Das sind so Fratzers Fragen.

Das geht natürlich gar nicht. Der Shitstorm der sogenannten "Wehr", einem Chor beflissener Kulturbürger, ist gewaltig und führt dazu, dass das Kunstwerk, "dieses Machwerk", konfisziert und die Akademie geschlossen wird. Fratzer verliert ihre Stelle, wenig später bringt sie sich um. Womit "Ode", das neue Stück von Thomas Melle, uraufgeführt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, aber noch längst nicht zu Ende ist. Im zweiten Teil des Textes, zehn Jahre später, will ein Künstler namens Orlando zum Gedenken an Anne Fratzer - und eingedenk des Erstarkens der "Wehr" - ein Stück aufführen. Thema: die Gewalt und ihre Folgen, "die Spannungen, die Verwerfungen, das Unsagbare", inklusive Darstellung einer Vergewaltigung.

Auch das geht natürlich nicht. Das "Lehrstück", das Orlando in Anlehnung an Bertolt Brechts "Fatzer"-Fragment öffentlich zu proben beginnt, wird von Vertretern der "Wehr" sogleich kritisch beäugt und hinterfragt, "zum Schutz der Frauen, der Betroffenen und zum Schutz der Kunst". Sie seien "bloß die Wehr", sagen sie. "Bewusste Bürger", sagen sie. "Glauben Sie, wir wollen nicht das Gute?"

Das Gute an Melles Stück über die Möglichkeiten und Grenzen der Kunst im Zeitalter von Identitäts-, Geschlechter- und neuer rechter Politik ist, dass es nicht nur kluge Fragen zur richtigen Zeit stellt. Sondern dass es dabei auch das eigene Metier mit seinen (neuen Spiel- und Denkverboten) infrage stellt. Klare Frontlinien zwischen Theater/Kunst (= gut) und Politik (=böse) sind hier genauso wenig auszumachen wie sich eindeutig feststellen lässt, wer eigentlich diese "Wehr" ist, die hier den Diskurs bestimmt und am Ende das System beherrscht. Der erste Gedanke gilt natürlich der AfD und ihren deutschnational besorgten Anhängern. (Es geht in dem Stück auch um Hakenkreuze, die angeblich nirgends zu erkennen sind.) Aber die "Wehr" bilden kunstintern auch jene Saubermänner und Sauberfrauen der diversitäts- und genderpolitischen Korrektheit, die im Namen eines "gereinigten Bewusstseins" neue Repressionen schaffen. Die Gedichte übermalen, Kunstwerke abhängen, Inszenierungen reglementieren. Melles "Ode" ist ein Rundumschlag auch gegen sie, die Diskurswächter und Anstandswauwaus der Kunst, die den Feinden in die Hände spielen, indem sie ihre Freiheiten und Utopien nach und nach selbst abschaffen. "Meine Freunde, wie seid ihr mir zum Feind geworden", heißt es einmal. "Lust und Pathos, das waren doch wir!"

Verbalinjurien gegen die "inzestuösen Feuilletonnichtse"

"Ode" ist eine Ode an die Kunstfreiheit. An die Leidenschaft, das Uneindeutige, das Spiel. Eine zentrale Rolle nimmt dabei als Apologet der Ambivalenz der Künstler Orlando ein (nomen est omen), für dessen Wut- und Glutreden Manuel Harder eine gute Energie mitbringt. Er ist Teil eines fünfköpfigen, faschingsbunt und schlecht kostümierten Ensembles, mit dem die Regisseurin Lilja Rupprecht - sichtlich überfordert - den Text performativ aufbereitet. Keine leichte Aufgabe, gewiss. Ein Drama im eigentlichen Sinne ist Melles "Ode" nicht. Es hat pamphletartige Züge, liest sich eher wie ein Manifest. Mit schönen Sätzen à la "Nicht zu wissen, wer ich bin, ist vielleicht meine letzte Freiheit".

Das Stück ist (frei nach Handke) auch eine Betriebsbeschimpfung, mit allerschönsten Verbalinjurien gegen die "laberverblödeten Kulturvollzeitstädter", die "inzestuösen Feuilletonnichtse", die "berufsjugendlichen Selbstironisten", die "selbstgerechten Dümmlichkeitstwitterer". Immer wenn ein Unwort fällt, schnaubt die Crowd aufgeregt: "Hassrede gemeldet!" Da fällt an diesem Abend einiges an.

In einer Schlüsselszene schrubbt Manuel Harder als "migrantische Putzkraft" den Boden. Woraufhin die famose Katrin Wichmann ihn anblafft, er könne nicht so tun, als sei er eine Reinigungskraft und deren Schicksal nachempfinden wollen. Ab jetzt dürfe er nur noch von sich erzählen, "nie von anderen unter dir". Der anschließende Disput der beiden - es fällt das Wort "Opferneid" - bringt die aktuelle Repräsentationsdebatte in der Kunst buchstäblich in einem Aufwasch zum Funkeln. Wer darf für wen sprechen? Ist das psychologische Rollenspieltheater obsolet? Melles Kunstbetriebs-"Ode" bietet Argumente für beide Seiten, für jene, die das Theater der "Privilegierten" endlich abschaffen und öffnen wollen ebenso wie für "die Orlandos dieser Welt".

Doch so sprachmächtig, sophisticated und auf Diskurshöhe der Zeit dieser Text auch ist - sinnliches, lebendiges Theater in Orlandos Sinne oder gar große Kunst wird nicht daraus. Lilja Rupprechts Regie ist der Wille zum grellen Entertainment und die Ergebenheit in den Text anzumerken. Sie setzt dabei auf abgedroschene Mittel. So muss Natali Seelig den mit weißen Gummiplanen ausgekleideten Bühnenraum nach und nach mit Männchen und Sprüchen bepinseln, und die Videos tun das ihrige, so ein muffiges Theater-Workshop-Gefühl aufkommen zu lassen. Der Abend tollt mächtig herum, kann aber nicht überspielen, dass er bald schon auf der Stelle tritt, auch wenn am Ende Alexander Khuon noch einen großen Monolog hat, einen salbungsvollen. Warum - und wie hier - zwei Schauspieler vom inklusiven Berliner Theater RambaZamba mitwirken (Juliana Götze, Jonas Sippel), erschließt sich nicht. Kann und darf aber natürlich nicht kritisiert werden. Sonst wird Hassrede gemeldet.

© SZ vom 24.12.2019
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