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Theatersaisonstart in Berlin  (I):Biografie als Therapiespiel

Spielerisch authentisch: In "Denial" machen Schauspieler wie Maryam Zaree ihre Herkunft zum Thema.

(Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO)

In dem Stück "Denial" von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater erzählen fünf Schauspieler ihre Migrations- und Familiengeschichten - und verfremden sie auch.

Von Mounia Meiborg

Die Schauspielerin Maryam Zaree will endlich die Wahrheit wissen. Wurde ihre Mutter in einem iranischen Gefängnis gefoltert? Warum ist ihr Vater verschwunden? Und warum haben sie nie darüber gesprochen? Sie steht auf der Bühne und presst nervös die Lippen zusammen. Möglicherweise sitze ihre Mutter im Publikum, sagt sie. Der Zuschauer ist live bei einer Familienaussprache dabei - vielleicht. Denn so genau kann man das nicht wissen. Die Arbeiten der israelischen Regisseurin Yael Ronen leben davon, dass Schauspielerbiografien und Rollen sich überlagern. Das ist auch in "Denial" so, der Eröffnungspremiere der neuen Saison am Berliner Maxim Gorki Theater. Anders als in Milo Raus "Europa Trilogie" (siehe nebenstehenden Text) wird hier das biografische Material bearbeitet, verfremdet und um fiktive Geschichten ergänzt.

Über die Schauspielerin Maryam Zaree ist zum Beispiel bekannt, dass ihre Familie im Iran politisch verfolgt wurde. Aber wie viel sie mit der Bühnenfigur Marian zu tun hat und ob sich im Theatersaal wirklich das angekündigte Familiendrama abspielt, bleibt offen. Die Szene löst Beklemmung aus. Ein Gefühl von Scham, weil jemand öffentlich über vermeintlich private Dinge spricht. Und es wird nicht ganz klar, ob dieses Unbehagen ästhetisch produktiv ist - oder ob darin auch Befremden über die Selbstbespiegelung mitschwingt. Das Spiel mit dem vermeintlich "Authentischen" birgt schöne Irritationspotenziale. Andererseits ist im Selfie-Zeitalter der Seelenstriptease schlicht auch karrierefördernd. Immerhin sind die Geschichten, wie so oft am "postmigrantischen" Gorki Theater, interessant. Das Haus wurde jüngst in der Kritikerumfrage von Theater heute zum "Theater des Jahres" gewählt.

Was der Wahrheit entspricht und wo die Fiktion beginnt, ist hier nicht auszumachen

In loser Szenenfolge treten die fünf Schauspieler auf. Oscar Olivo berichtet, wie er - oder sein Bühnen-Alter-Ego - als Sohn hispanischer Einwanderer in New York aufwuchs. Jahrelang übte er männliche Posen: Ein Nachbar hatte ihm mit dem ewigem Höllenfeuer gedroht, falls er sich als schwul outen würde. Çiğdem Teke spielt eine Frau, die beim Besuch der türkischen Großfamilie ihre Partnerin und das gemeinsame Kind verleugnet: "Das ist keine Party im Berghain, das ist die Hochzeit meiner Cousine." Und die Israelin Orit Nahmias hat starke Momente, wenn sie - oder ihr Bühnen-Alter-Ego - von ihrem dementen Vater berichtet, diesem lieben Mann, der Palästinenser in israelische Spione verwandelte. Die Frage, wie Menschen schmerzhafte Erlebnisse verdrängen, wird anhand der Keimzelle Familie verhandelt. Yael Ronen, die so leichthändig wie niemand sonst politische und private Konflikte in Komik auflösen kann, geht diesmal andere Wege. Die Pointen sind rar. Das liegt auch daran, dass es keine Spielsituation gibt. Stattdessen wird viel herumgestanden an diesem eklektischen Abend, der zwischen freudschem Albtraum und trashiger Kostümshow pendelt.

Die schwarz verkleidete Bühne von Magda Willi erinnert an eine Trauerhalle. Weiße Plastikstreifen hängen von der Decke. Die Schauspieler irren in diesem Wald herum und filmen sich dabei. Über die Leinwand flackern ätherische Super-8-Filme, die mit ihren Unschärfen Bilder fürs Unbewusste liefern. Zwischendurch gibt es schöne, schräge Spielideen. Dimitrij Schaad stellt seinen Bauch bei einer Telefonsex-Szene zur Verfügung. Orit Nahmias spielt die dominikanische Mamacita als Paradiesvogel. Aber diese Momente sind selten. Yael Ronen macht wieder einmal ihrem Ruf als Gruppentherapeutin alle Ehre. Diesmal ist es mehr Therapie als Theater.

© SZ vom 13.09.2016
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