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Theaterpremiere in Köln:Die deutsche Seele im Halbdunkel

Die Verdammten

Aus dem Ensemble ragt Ines Marie Westernströer (rechts) heraus. Sie spielt eine Männerrolle, die im Film mit Helmut Berger besetzt ist.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Gewagtes Projekt: Ersan Mondtag inszeniert am Schauspiel Köln "Die Verdammten" nach dem Meisterwerk des Filmgenies Luchino Visconti.

Von Martin Krumbholz

Der Theatermacher Ersan Mondtag ist fasziniert von deutscher Innerlichkeit, Romantik und Seelentiefe. Doch gleichzeitig ziehen ihn auch die Kehrseiten in ihren Bann: Irrationalismus, Dekadenz, Angst, Schrecken, Hass. Diese Faszination trug zuletzt in dem grandiosen Abend "Das Internat" am Theater Dortmund Früchte. Jetzt hat Mondtag sie mit dem italienischen Filmemacher Luchino Visconti verbunden, dessen 1969 entstandenes Werk "Die Verdammten" (oder "Der Fall der Götter") deutliche Referenzen an Thomas Mann und Richard Wagner enthält. Inhaltlich geht es bei Visconti um die Industriellenfamilie Krupp und deren fatale Verstrickung in den Nationalsozialismus. Die Anspielung war deutlich, die Story mit zahlreichen Intrigen, Morden und anderen Verfehlungen hat Visconti jedoch frei erfunden und damit opulentes Bilderkino geschaffen. Er besetzte den Film mit Stars wie Dirk Bogarde, Ingrid Thulin, Helmut Griem und Helmut Berger.

Kann und will das Theater mit so einem Spitzenerzeugnis der Filmgeschichte konkurrieren? Ein nüchterner Betrachter würde vermuten: nein. Ersan Mondtag aber ist selbstbewusst genug, dieselbe Frage zu bejahen. Mondtags Theaterarbeit beginnt stets mit dem Bühnenbild, das er persönlich kreiert. In Köln ist es der Aufriss einer zweistöckigen Villa inmitten einer veritablen Winterlandschaft - weihnachtliche Gefühle kommen dabei allerdings nicht auf. Es schneit, Schnee tropft von den Tannen, Käuzchen rufen - der Abend beginnt mit der (lohnenswerten) Betrachtung des Bühnenbildes, denn zunächst tut sich nichts. Das Auge des Betrachters fällt unweigerlich auf das mittig platzierte Porträt eines Babys: Es handelt sich um den jungen Hitler, ein Jahr ist er wohl alt. Dann löst sich oben auf der Empore eine Gestalt aus dem Halbdunkel, die wunderbare Schauspielerin Margot Gödrös steigt die Treppe herab, nimmt an der großen Tafel Platz: An diesem Esstisch werden all die Diadochenkämpfe zwischen NS-Fanatikern, deren Gegnern und einigen Mitläufern ausgetragen, die in Viscontis Skript exemplarisch für die widerstreitenden Elemente der deutschen Seele stehen.

Dieser Regiseur ist ein Meister der atmosphärischen Suggestion

Nach der Wirtschaftskrise sieht die "bilanzmäßig bankrotte Ruhr-Industrie" (Adorno) in Hitler einen prospektiven Abnehmer ihrer Kanonen, auch wenn man das so deutlich nicht zugibt. Gödrös, stellt sich heraus, spielt (in Kleid und Pelzstola) den Firmenpatriarchen Joachim von Essenbeck, der noch in derselben Nacht von Obersturmbannführer von Aschenbach erschossen wird. Es ist die Nacht des Reichstagsbrands, Sirenen heulen, der Himmel färbt sich blutrot - Mondtag ist ein Meister der atmosphärischen Suggestion, der Lichteffekte, des abgründig Unheimlichen. Er hat nicht nur Visconti geguckt, sondern auch seinen Caspar David Friedrich durchaus studiert.

Friedrich Bruckmann heißt der Emporkömmling, der in die Familie von Essenbeck einzuheiraten hofft. Gespielt wird er von Elias Reichert. Der buntscheckige Anzug, den er trägt (Kostüme: Teresa Vergho), passt eher zu einem Dandy als zu einem Technokraten und Werksdirektor, aber auch er ist vor allem Nazi. Es gibt in diesem Tableau alle politischen Schattierungen, vom opportunistischen Sympathisanten bis hin zum grobschlächtigen SA-Mann, gespielt von Benjamin Höppner. Und es gibt auch den Systemgegner, repräsentiert durch den Vizedirektor Herbert Thalmann (Yuri Englert), dem der Mord an Joachim von Essenbeck in die Schuhe geschoben wird.

Visconti ging es in seinem Film nicht zuletzt um die Psychopathologie des Nationalsozialismus. Mondtag versucht diesen Faden aufzugreifen - deswegen wohl die Fotografie des großäugigen, säuberlich frisierten Hitlerbabys. Gleichwohl ist dieser Aspekt der schwächste seiner Inszenierung: eine Szene, die eine Sex-und-Gewaltorgie simulieren soll, unterstützt von einem siebenköpfigen Chor, gerät platt und reißerisch. Am besten gelingt es Ines Marie Westernströer, seelische Abgründe zu erschließen: Sie spielt die Helmut-Berger-Rolle des Martin von Essenbeck, die ihrerseits vage von der Person des später geborenen Firmenerben Arndt von Bohlen und Halbach inspiriert ist - ein Bonvivant, dem man die Leitung der Firma nicht zutraute und der auch keine Lust dazu hatte. Westernströer entdeckt in jenem unsicheren, traurigen Pädophilen Martin eine leidende, zerrissene, fast tragische Kreatur. Von allen verachtet, scheint dieser Mann am Schluss wie ein Sieger aus der Geschichte hervorzugehen - als Marionette der Nazis.

Ein ganz großer Wurf wie letztes Jahr "Das Internat" sind "Die Verdammten" nicht geworden. Was die Suggestion, die Überwältigungskraft der "Totalen" betrifft, hat Mondtag mit seinem Selbstbewusstsein nicht einmal ganz unrecht: Seine oft stupende Imagination kann mit der des Films beinahe mithalten. Doch in Luchino Viscontis "Götterdämmerung" geht es letztlich nur in zweiter Linie um die Story mit ihren kruden Wendungen. Was so ein filmisches Meisterwerk unvergleichlich macht, ist die Großaufnahme - das menschliche Gesicht und die Verzweiflung, die sich dahinter erahnen lässt.

© SZ vom 10.12.2019

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