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Theaternachlass:Flitter für die Ewigkeit

Baumeister Solness - Volksbuehne Berlin

Bert Neumanns Bühnenbild zu „Baumeister Solness“ in der Regie von Frank Castorf lagert noch in den Depots der Berliner Volksbühne. Wohin damit?

(Foto: Eventpress/PA)

Kein anderer Bühnenbildner prägte das Theater der letzten Jahrzehnte so wie Bert Neumann. Seine Erben kämpfen darum, sein Werk zu bewahren.

Das Schöne am Theater ist, dass es vorübergeht: Nach der letzten Vorstellung wandern die Kostüme in den Fundus, die Textbücher in den Papierkorb und das Bühnenbild in den Müll. Bei Bert Neumann, dem Bühnenbildner der Berliner Volksbühne in der Ära von Frank Castorf, war das etwas anders - aber Neumann war auch weit mehr als ein gewöhnlicher Bühnenbildner. Seine Räume waren begehbare, bespielbare Großinstallationen, eigene Kunstwerke, nicht nur zum jeweiligen Stück passende Auftrittsgelegenheiten. Für Castorf hat er die uneinsehbaren Hinterzimmer und Spelunken erfunden, aus denen das Geschehen auf Leinwände und LED-Monitore übertragen wurde. Es waren Bühnen, die gezielt mit Sichtbehinderungen, Irritationen, Ready Mades, Flitter, Jahrmarktsästhetik und rätselhaften Zeichen spielten. Mit seinen Räumen hat Neumann immer wieder neu, gleichzeitig verspielt und raffiniert darüber nachgedacht, was das überhaupt ist, eine Bühne.

Als es zur Mode wurde, das Theater in den sogenannten Stadtraum zu exportieren, hat er das ironisch umgedreht und die Stadt ins Theater geholt, indem er den kompletten Zuschauerraum der Volksbühne asphaltiert hat. Kein anderer Bühnenbildner dürfte das deutschsprachige Theater der letzten Jahrzehnte so stark beeinflusst haben wie Bert Neumann. Nach seinem plötzlichen und viel zu frühem Tod vor drei Jahren hat sich die von seiner Witwe Lenore Blievernicht und seinem Sohn Leonard Neumann gegründete Bert-Neumann-Association bemüht, sein Werk zu erhalten. Installationen von Meese (den Neumann ans Theater geholt hat), Schlingensief oder Paul McCarthy werden ja auch nicht einfach geschreddert. Vieles lagert noch in den Depots der Volksbühne, etwa das komplette Bühnenbild von Castorfs Inszenierung "Baumeister Solness". Jetzt signalisiert das Theater verständlicherweise, dass es die Lagerflächen für neue Produktionen benötigt. Die freundliche Bitte, zu entscheiden, was entsorgt werden könne, wollte und konnte Lenore Blievernicht nicht beantworten: "Das wäre mir anmaßend vorgekommen." Freunde und ein Schauspieler der alten Volksbühne stellen privat Lagermöglichkeiten für Bühnenbildelemente wie den riesigen Holz-Orka oder den glamourösen Totenkopf aus Pollesch-Inszenierungen zur Verfügung. Aber das ist ein auf Dauer nicht tragfähiges Provisorium.

Peter Weibel, der Leiter des Karlsruher ZKM und einer der wichtigsten Medienkunst-Kuratoren Europas, hat für die Respektlosigkeit im Umgang mit dem Nachlass kein Verständnis. Für ihn sind Bert Neumanns Bühnenbilder "keine ephemeren Sekundärwerke für Bühnenstücke, sondern eigenständige künstlerische Werke". Weibel bewundert Neumann für seine "raumgreifende crossmediale Kunst, eine neuartige Formensprache zwischen Bild, Skulptur, Environment und Bühne, die stilbildend für eine jüngere Generation bildender Künstler im Bereich performativer multimedialer Installationen war". Neumann hätte daher den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig genauso bespielen können wie die Berliner Volksbühne. "Seine Bühnenwerke sind ausstellungsfähige Kunstwerke. Eine Institution, die solche Werke verschrottet, erklärt sich selbst zu Schrott."

Die Berliner Akademie der Künste hat keinen Platz. Wo gibt es Lagerkapazitäten?

Bisher fühlt sich keine Institution für den Nachlass verantwortlich. Die Berliner Akademie der Künste etwa, die das Archiv der Volksbühne übernommen hat, sieht sich aus ganz praktischen Gründen nicht in der Lage, die raumgreifenden Bühnenbilder zu bewahren. Für Institutionen der bildenden Kunst ist Neumann, aller viel beschworenen Medien- und Genre-Konvergenz zum Trotz, als Theaterkünstler, dessen Werke nicht am Kunstmarkt gehandelt werden, bisher offenbar nicht interessant. "Natürlich wünschen wir uns, dass Bert Neumanns 'Rollende Road Show' in der Nationalgalerie ausgestellt wird", sagt Lenore Blievernicht dazu.

Nicht in der Nationalgalerie, aber bei der Prager Quadriennale, weltweit eine der wichtigsten Szenografie-Ausstellungen, hätten Teile von Neumanns Werk im kommenden Jahr als deutscher Beitrag gezeigt werden sollen. Aber weil sich weder das Auswärtige Amt noch das Goethe-Institut noch andere Einrichtungen der auswärtigen Kulturpolitik an der notwendigen Finanzierung beteiligen wollen, muss die deutsche Sektion des Internationalen Theaterinstituts (ITI) im kommenden Jahr auf die Teilnahme verzichten - eine Blamage.

Und die Zukunft des künstlerischen Nachlasses? Die Bert-Neumann-Association wendet sich mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit: "Um dieses Erbe der jüngsten Theatergeschichte nicht zu verlieren, benötigen wir dringend Lagerkapazitäten. Wenn Sie über Zugang zu solchen Orten verfügen oder uns bei diesem Vorhaben finanziell unterstützen können, melden Sie sich bitte unter: office@bert-neumann-association.de".