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Theatermusem München:Wille und Wahnsinn

Das Deutsche Theatermuseum in München arbeitet die Geschichte des Regietheaters auf.

Von Christine Dössel

Regietheater - schon das Wort bringt manch eines Theatergängers Blut in Wallung. Regietheater, das steht für Deutungshoheit und interpretierende Selbstermächtigung des Regisseurs, manche verwenden den Begriff gleichbedeutend mit Anmaßung und Unverfrorenheit. Regietheater, das ist ein ständiger Troublemaker. Das Deutsche Theatermuseum München, das dem Phänomen eine auf seine deutsch-österreichischen Wurzeln beschränkte Ausstellung widmet, stimmt seine Besucher im Entree auch gleich mit einer Collage alter Zeitungs-Überschriften auf das Aufregerthema ein. Da liest man Feuilleton-Schlagzeilen wie "Die Kirchenzeitung fordert den Kopf des Intendanten", "Regisseur oder Dompteur", "Wo endet die Provokation?", "Hat jemand die Religion in den Dreck gezogen?". Über einem Foto von Peter Stein prangt der Titel "Ich mag die Deutschen auch nicht". Herrlich. So ist man innerlich auf Krawall gebürstet und in Konfrontationsstellung gebracht und stellt sich auf einen an- und erregenden Rundgang ein.

Aber, das sei gleich gesagt, so vielversprechend aufregend wie ihr Gegenstand ist die Ausstellung dann leider nicht, vor allem ist sie längst nicht so sinnlich zupackend, effekt- und ideenreich in Szene gesetzt, wie man das beim Thema Regietheater vermuten würde und es von anderen Ausstellungen im Münchner Theatermuseum kennt - etwa der letztjährigen zu Ödön von Horváth.

Der Komplex Regietheater ist natürlich auch ein weites, schwer mit den Mitteln und im Format eines kleinen Museums zu beackerndes Feld. Hinzu kommt das Problem, dass es von Inszenierungen Anfang des 20. Jahrhunderts kein Fotomaterial gibt. Klar, dass man einen Fokus finden und Lücken lassen muss. Dass Claudia Blank, die Direktorin des Museums, in der von ihr unter Mitarbeit von Petra Kraus kuratierten Schau das Gegenwartstheater nahezu vollkommen und den Blick auf Regiefrauen und ihre Rolle (oder Nicht-Rolle in einer Männerdomäne)

komplett ausspart, kann man aber schon befremdlich finden. "Regiegenerationen" sollte die Ausstellung ursprünglich heißen, das erklärt ihren Ansatz und Aufbau aus der generationsbezogenen Konfrontation heraus. Gewissermaßen geht es um die Geburt neuer Regiestile durch Vatermord. Den Beginn des Regietheaters in dem Sinn, dass sich "die künstlerische Arbeit des Regisseurs autonom zum Werk des Dramatikers verhält", verortet Blank zeitlich zwischen Otto Brahm und dessen Schüler Max Reinhardt. Mit informativen Wandgestaltungen zu diesen beiden späteren Antipoden und zu nachfolgenden Regietheaterprägern wie Fritz Kortner und Leopold Jessner bis hin zu Claus Peymann, Peter Stein und Peter Zadek beginnt denn auch die Schau im Eingangsbereich des Museums, wobei auch noch der heute vergessene Carl Heine (1861-1927) seine Nische bekommt.

Regietheater - !!  NUR in Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung  !!

Explosive Revolte: Peter Zadek inszeniert 1966 in Bremen Schillers "Die Räuber" in einem ikonischen Bühnenbild von Wilfried Minks.

(Foto: Gabriele Pagenstecher, AdK Berlin, Sammlung Gauker)

Otto Brahm, der um die Jahrhundertwende am Deutschen Theater Berlin und ab 1904 am Berliner Lessing-Theater als Intendant wirkte, gilt als der Gralshüter des naturalistischen Theaters. Als solcher spielte er die Stücke Ibsens und Gerhart Hauptmanns und schwor auf "Lebenswahrheit" und "Menschenkunst". Max Reinhardt, der als Schauspieler bei Brahm begann, wandte sich alsbald gegen seinen Mentor und den "Armeleutegeruch" von dessen naturalistischem Theater.

Vielen gilt er, der sich von 1905 an in Berlin als Regisseur und Direktor durchsetzte und 1920 mit Hugo von Hofmannsthal die Salzburger Festspiele gründete, als der eigentliche Schöpfer des modernen Regietheaters: einer, der alle Elemente des Theaters zu einem Ganzen formte (und akribisch Regiebuch führte). Wobei der Impetus seiner Arbeit die Freude, die Schönheit, das Spektakel waren. Theater als Fest. Reinhardt verhalf der Drehbühne zum Durchbruch, schuf spektakuläre Arena-Inszenierungen, engagierte Maler, Grafiker und Architekten für opulente, plastisch-dekorative Szenenbilder, von denen Entwürfe zu sehen sind. Grafiken von Max Kruse, Fritz Erler, Ernst Stern, auch Gustav Kninas Modell zum Berliner "Sommernachtstraum" von 1905 (ein exzeptioneller Drehbühnen-Wald), und natürlich fehlt auch Alfred Roller nicht, der schon vor der Mitgestaltung der Salzburger Festspiele für Reinhardt Bühnen entwarf, etwa die innovativen Drehbühnenanordnungen für Goethes "Faust I" (1909) und "Faust II" (1911).

Gegen Reinhardts pure Schau- und Sinnenlust (und seinen expansiven "Theater-Großbetrieb") kehrte sich der zunächst ihn hemmungslos bewundernde Fritz Kortner. Auch ihn, den großen Wortwälzer und Wahrheitssucher, würdigt die Ausstellung als einen Regietheater(über)vater, von welchem wiederum Mitte der Sechzigerjahre an den Münchner Kammerspielen der junge Peter Stein geprägt wird und sich dann kritisch absetzt.

Auf szenografische Spielideen von Max Reinhardt hingegen hat der strenge Preuße Stein durchaus zurückgegriffen, wie Claudia Blank in ihrer Schau herausarbeitet - so etwa auf den Wald als magischen Handlungsort. Erinnert sei an den (echten) Birkenwald in Steins legendärer "Sommergäste"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne 1974.

Mit Treppen machte der Regisseur Leopold Jessner Furore. Hier die Stufenbühne von Emil Pirchan zu "König Richard III." 1920.

(Foto: Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln)

Andere Konfliktlinien macht Blank zum Beispiel zwischen Max Reinhardt und dem nur fünf Jahre jüngeren Leopold Jessner aus. Der war von 1919 bis 1930 Intendant des Preußischen Staatstheaters Berlin und als Regisseur bekannt für seinen antirealistischen Stil unter Einsatz von Stufenbühnen, häufig entworfen von dem Maler Emil Pirchan, von dem mehrere Original-Grafiken ausgestellt sind.

Leopold Jessners Inszenierung von "Wilhelm Tell" löste Tumulte aus, weil das naturalistische Alpenpanorama fehlte

Jessners legendäre Berliner Antrittsinszenierung am 12. Dezember 1919 mit Schillers "Willhelm Tell" auf Pirchans abstrakter Treppenbühne, eine Umsetzung des Stücks ohne jede Alpenkulisse, geriet zum Skandal. Schon damals: Tumulte im Zuschauerraum, sogar Polizeieinsatz. Für Claudia Blank das beste Beispiel dafür, dass nicht erst die 68er-Generation, die Zadeks, Peymanns, Steins, das Regietheater im Sinne einer "Werktreue-Diskussion" erfunden haben. In ihrer Schau zählt sogar der eher für sein Klassikertheater bekannte Gustaf Gründgens zu den Vätern des Regietheaters. Er wird vor allem im Vergleich mit Fritz Kortner beleuchtet, beide arbeiteten teilweise mit denselben Bühnenbildnern, Künstlern wie Teo Otto und Caspar Neher. Der fürs Regietheater wahrlich nicht unwesentliche Bertolt Brecht jedoch (Otto und Neher arbeiteten auch für ihn), fehlt völlig. So wie viele andere Regiemarkensetzer von Erwin Piscator bis in die Gegenwart.

Dass Claudia Blank viele Originalgrafiken alter Bühnenentwürfe aus Sammlungen in Köln, Wien, Berlin, Salzburg als Leihgaben zusammentragen konnte und diese alle im Hauptsaal ausstellt, gibt dem Raum die Anmutung einer Bildergalerie - das wirkt wie eine Themaverfehlung. Denn plötzlich geht es mehr um Bühnenbilder als um den Willen, den Wahnsinn und das Wirken des Regietheaters. Im letzten Raum finden sich, wie Stichpunkte oder Anreißer, Fundstücke aus den frühen Jahren von Claus Peymann (das Plakat zu seiner "Hermannsschlacht", das eine oder andere Modell von Karl-Ernst Herrmann) und Peter Zadek (Fotos von Wilfried Minks' Pop-Art-Bühnenbildern). In Dauerschleife werden an eine Wand kommentarlos Bilder aus je einer Arbeit von Luc Bondy, Frank Castorf und Ersan Mondtag projiziert - drei Regisseure, die wohl pars pro toto für alle stehen, die in Blanks "subjektiver Auswahl" fehlen. In ihrem um interessante Aspekte weiter gefassten, schön bebilderten Begleitbuch zur Ausstellung reicht C. Bernd Sucher in einem Gastbeitrag den Blick auf das Regietheater der Gegenwart nach. Allerdings auch hier unter Auslassung wichtiger Protagonisten - und jeglicher Frau.

Regietheater - eine deutsch-österreichische Geschichte. Deutsches Theatermuseum München. Bis 11. April 2021. Begleitband erschienen im Henschel Verlag, 424 Seiten, 189 Abbildungen, 38 Euro.

© SZ vom 20.07.2020

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