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Theater:Zauberkugelsüchtig

Black Rider

Herr über die Kugeln und die aufklappbare Bühne: Sebastian M. Winkler als Teufel, der hier Stelzfuß heißt.

(Foto: Jochen Quast)

Tom Waits' und Bob Wilsons "The Black Rider" am Theater Regensburg

1990 ereignete sich eine der bemerkenswertesten Uraufführungen der jüngeren Theaterjahrzehnte, "The Black Rider". Tom Waits hatte die Musik geschrieben, William S. Burroughs den Text, Robert Wilson führte Regie und wusste offenbar selbst noch wenige Tage vor der Premiere nicht, ob das Ganze etwas werden würde. Nachlesen kann man dies in einem erhellenden und unterhaltsamen Interview im Programmheft des Theaters Regensburg, in welchem der damalige Regieassistent Nicolai Sykosch Auskunft gibt über die Proben für die Uraufführung am Hamburger Thalia-Theater. Sie scheinen abenteuerlich gewesen zu sein.

Inzwischen hat "The Black Rider" eine enorme Erfolgsgeschichte vorzuweisen, kleine und große Häuser brachten ihn heraus. Gerade in München konnte man sich da glücklich schätzen, zwei Mal gab es das Stück am Metropol-Theater, einmal am Residenztheater (Regie: Andreas Kriegenburg), und auch in Wasserburg verführte der Teufel. Damit überflügelte Waits' Musik selbst die von Carl Maria von Weber - gleicher Stoff, anderer Sound.

Vielleicht dachte sich angesichts dieser Rezeptionsgeschichte der Regisseur Jan Langenheim, als er vom Theater Regensburg mit der Inszenierung beauftrag wurde: "Jetzt mache ich das mal anders." Anders bedeutet dann gleich einmal, dass schon beim Betreten des Velodroms Musik wummert, so Techno-Disco mit einer Prise Dire Straits (sic!), dazu veranstalten Andine Pfrepper und Gunnar Blume eine energetische Begrüßungssause, die sich gewaschen hat. Beide wuseln dann durch die gesamte Aufführung, Blume als eine Art elektrisches Ahnen-Orakel in Ritterrüstung. Schon aus diesem letzten, kleinen Detail kann man eines ableiten: Für Langenheim ist die Sucht des kleinen Schreibers Wilhelm nach den Zauberkugeln, mit denen er die Hand des von ihm angebeteten Käthchens gewinnen will, nicht viel anders als die Suche des Junkies nach dem nächsten Schuss. Und wenn man, was angesichts des Lebens des Textdichters Burroughs nicht sehr weit hergeholt ist, schon bei Drogen ist, dann können auf der Bühne auch Sachen passieren, die zu verstehen man sich gleich sparen kann.

Anja Jungheinrich hat eine tolle Jahrmarktsbudenzirkus-Verhau-Bühne gebaut, auf der der Löwenzahn mannshoch sprießt und Caspar David Friedrich an der Wand von Käthchens Zimmer hängt. Das Personal ist ebenfalls zirkusmäßig und durchaus durchgeknallt ausstaffiert, Bernds Meyers Band im Hintergrund auch. Sie spielt sehr schön. Es wäre noch schöner, wenn der Synthesizer kaputt ginge.

Das Wunderbare an dem Stück ist dann, dass Langenheim es zwar als mitunter etwas lendenlahm irrlichterndes Regie-Projekt begreifen kann, die Musik aber stärker ist und sich mit ihrer dunklen Poesie mühelos durchsetzt. Die Schauspieler des Hauses können richtig gut singen. Das Käthchen von Verena Maria Bauer vereint Zorn mit hochfliegender Sehnsucht, da kommt Matthias Zera als Wilhelm kaum hinterher; er ist Gast und wohl wegen seiner Erscheinung engagiert. Hinreißend Ruth Müller, eine Grand Dame des Regensburger Musiktheaters, als Käthchens Mama, prima Oliver Jaksch als ihr Gatte, Robert Herrmanns als der eifersüchtige Jäger Robert, Sebastian M. Winkler als Teufel.

Eines garantiert Langenheims Inszenierung in ihrer Offenheit: Jede Aufführung wird wieder neu und lebendig sein, nichts Routine, also spannend.

© SZ vom 07.02.2018
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