Theater Visionär im Wunderland

August-Everding-Jubeltage: eine Ausstellung, "Cinderella" und ein Staatsoper-Diskurs zur "Zauberflöte"

Von Egbert Tholl

Ein Wort hört man an diesem Abend immer wieder: Visionär. Stimmt, August Everding war einer. Und hört man dies im Prinzregententheater, stimmt es erst recht. Ohne Everding gäbe es kein Prinzregententheater als vollfunktionsfähiges Theater, ohne ihn gäbe es die Bayerische Theaterakademie, die seinen Namen trägt, nicht. Nun feiert die Theaterakademie 25. Geburtstag, und Everding hätte am 31. Oktober seinen 90. gefeiert. Deshalb: eine Fotoausstellung im Foyer seines Theaters und die Premiere des "Cinderella"-Musicals von Rodgers & Hammerstein inklusive Festakt. Und am Tag davor präsentiert die Frl. Wunder AG die Ergebnisse ihrer Untersuchung von Everdings "Zauberflöte"-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper. Die hat auch Geburtstag: 40.

Man kann rätseln, ob sich Everding über "Cinderella" als Geburtstagsgeschenk gefreut hätte. Das Stück hat nun gar nichts von Vision, gegenüber seiner Harmlosigkeit ist das Aschenputtel-Märchen im Original politisch und gesellschaftskritisch und die Musik taugt bis auf einen farbenfrohen Walzer auch nicht viel. Immerhin: Die Produktion der Theaterakademie ist die deutschsprachige Erstaufführung der Broadway-Fassung. Aber man muss nicht alles ausgraben, was 1957 mal ein Erfolg gewesen ist.

Doch wie so oft gelingt den Musical-Studenten der Theaterakademie eine beeindruckende Aufführung. Das Glück fängt im Graben an, da sitzt das fabelhafte Münchner Rundfunkorchester, das Richard Rodgers Musik zum Erlebnis adelt. So könnte das kein anderes Münchner Orchester, und so könnte das kein anderer Dirigent als Joseph R. Olefirowicz, der diese Musik lebt, als wäre sie ein Meisterwerk. Extrem aufmerksam achtet er auf die Verzahnung mit dem Bühnengeschehen - er hat offenbar die jungen Sängerinnen und Sänger sehr lieb gewonnen.

An Everdings Akademie gibt es derzeit "Cinderella"(Tamara Pascual) zu sehen.

(Foto: Jean-Marc Turmes)

Das fällt auch leicht. Tamara Pascual ist als Cinderella eine rundum sympathische Erscheinung, spielt und tanzt entzückend - ihre Stimme kann noch wachsen. Miriam Neumaier ist als böse Schwiegermutter die reine Schau, auch die beiden Töchter, die hier gar nicht so garstig sind, sind herrlich. Die eine ist ein Tölpel, was Patrizia Unger zu einer stupenden und prägnanten Darstellung nutzt - die kann alles, singen, tanzen, spielen, Unsinn. Die andere ist liebenswert, und Katharina Wollmann singt die Partie mit warmer Noblesse. Dann gibt es noch eine hinreißende, fliegende Fee (Sophie Mefan), einen verträumten Prinzen (Tobias Stemmer), einen profund bösen Verwalter (Jörg Neubauer) und einen verspielten Anarchisten (Lean Fargel).

Es macht mitunter fassungslos, was diese jungen Leute können. Dabei sind sie international, Individuen, haben Charakter wie auch der Chor ihrer Studentenkollegen. Regisseur Andreas Gergen hetzt sie mit Verve in aberwitzigen Kostümen über eine Treppe, die bis zum Schnürboden reicht, was die Darsteller nicht im geringsten beeindruckt. Mit ironischem Ingrimm treibt Gergen später die Naivität des Stücks auf die Spitze, stellt 400 Bierkästen auf die Bühne, hat gute Einfälle und bedient lustvoll sämtliche Rollenklischees eines solchen Musicals.

Zuvor: Festakt. Moritz Eggert hat eine lustige "ForEverDing"-Hymne komponiert, Akademiepräsident Hans-Jürgen Drescher und Noch-Kunstministerin Marion Kiechle sind berechtigt stolz auf diese Institution, an der man alles lernen kann, was man fürs Theater braucht, die, getreu dem Erbe Everdings, selbst Theater ist: 170 Vorstellungen von 40 Produktionen pro Jahr. Das weiß Kiechle.

Im Foyer Schaukästen mit Fotos von Everding, ein paar Dokumente. Everdings Hochzeit mit Gustava, der Programmzettel von "Peterchens Mondfahrt", 1955 an den Kammerspielen, mit Mario Adorf - eine seiner ersten Rollen dort, mit Everding als Regisseur. Everding am Regietisch, das ist selbst schon Theater, Everding in der Biss-Werbung, der "Vietnam-Diskurs" und schließlich: Everding auf der Außentreppe des Akademietheaters vor seinen Studenten. Seine ganze Haltung drückt aus: Das ist euer Haus.

August Everding wie er leibte und lehrte. So zu sehen in einer Schau im Prinzregententheater.

(Foto: Regine Heiland)

Tags zuvor erlebt man in der Bayerischen Staatsoper einen Gegendiskurs zur Hagiografie, der aber dennoch liebevoll bleibt. Die Frl. Wunder AG, Melanie Hinz, Verena Lobert und Marleen Wolter, selbst bislang komplett opernunerfahren, ergründen das Wesen von Everdings 40 Jahre alter "Zauberflöte"-Inszenierung und kommen zu dem Schluss: Monostatos als Mohr, also das, was man heute "Blackfacing" nennt, das gehe gar nicht mehr. Der Inszenierung als ein Stück Operngeschichte ist das vermutlich wurscht.

Zuvor begibt man sich in Gruppen auf einen oft zauberhaft verspielten Parcours durchs Haus, bei welchem Oper an sich mit naivem Staunen als Wunderwerk gefeiert wird und alle Foyers voller Musik sind. Mit Akribie haben die Wunder-Fräuleins recherchiert, eine ganze Horde von Musikern, Sängerinnen, Sängern, Statisten und Fans, auch aus dem Haus selbst, aufgeboten. "Geliebt, gehasst und trotzdem treu" stellt immer wieder die Frage nach der Zukunft der Oper. Ein Kollektiv soll sie werden, voller selbstbewusster Frauen, deren Karrieren dann nicht mehr im Souffleurkasten enden.