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Theater-Uraufführung:Problem im System

Korpsgeist und Selbstherrlichkeit, präzise inszeniert.

(Foto: Martin Kaufhold; Theater Bamberg)

Das Bamberger ETA Hoffmann Theater hat beim Autor Björn SC Deigner ein Stück über "Die Polizey" bestellt. Als Vorlage diente ihm eine Skizze von Friedrich Schiller. Mit Beispielen aus der Gegenwart hat er das Stück der Stunde daraus gemacht.

Von Egbert Tholl

Um das Jahr 1800 herum fasste Friedrich Schiller einen Plan: Er wollte ein Stück über die Polizei schreiben, ein Riesentableau, das in Paris spielen und die Stadt "in ihrer Allheit" erscheinen lassen sollte. Für Schiller war das der Ort, an dem gerade eine moderne Polizei entstand, die nachts mit Hilfe der Söldner der Scharwache für Ordnung sorgt, die Verbrecher anstellt, weil die sich - wie V-Leute - im Milieu auskennen. Schiller arbeitete sich durch das "Tableau de Paris" von Louis-Sébastien Mercier, untersuchte das Leben dort: Wenn man viele Schafe eng zusammenpfercht, braucht man für sie nur wenige Aufpasser. Schiller kam über eine Skizze nicht hinaus. Sein Vorhaben hat nun der Autor Björn SC Deigner aufgenommen und im Auftrag des sehr am Zeitgenössischen interessierten ETA Hoffmann Theaters Bamberg ein Stück mit dem Titel "Die Polizey" geschrieben.

Deigner, Jahrgang 1983, braucht Schillers Vorarbeit als historische Grundierung. Von dort aus entwirft er eine Sammlung der Ungeheuerlichkeiten in der deutschen Polizei, kehrt, als Exempel, immer wieder nach Paris zurück und will doch vor allem eines: Das systemische Problem der Polizei aufzeigen, das über 200 Jahre gleichgeblieben ist und aus Korpsgeist, reaktionärem Verhalten und Selbstherrlichkeit besteht. Aus Gerichtsprotokollen, Presseerklärungen und Dokumenten baut er Szenen, die für sich stehen, in der Gesamtschau aber weit über den Einzelfall hinausgehen. Da ist der Militarismus der Kaiserzeit, der auch die Polizei durchzieht, die Freikorps nach Ende des Ersten Weltkrieg, das Polizeibataillon 101, das neben dem Dorf Józefów 1300 Juden massakriert, ein Polizist, der sich 2015 vor dem Oberlandesgericht München darüber wundert, dass er nicht Mitglied des Ku-Klux-Klans werden darf, die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992, als die Polizei den Mob machen ließ und lieber 27 Demonstranten verhaftete, deren Solidaritätskundgebung mit den Asylsuchenden nicht angemeldet war. Und schließlich: die bizarren Auftritte Helmut Roewers, ehemals Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes.

Das wirkt für sich, und die äußerst präzise Inszenierung von Daniel Kunze braucht nicht mehr als vier Spieler, zwei Frauen, zwei Männer, eine uniformierte Entität, aus der heraus die Spielszenen entwickelt werden. Das Stück war im März fertig, jüngste Entwicklungen fehlen. Aber es geht ja schließlich um die Verdeutlichung von Missständen im System, die aufzuarbeiten man sich immer noch zu sehr scheut. Hauptsache, es herrscht Ruhe.

© SZ vom 24.10.2020
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