Theater "Theatralische Hochstapelei"

Clowns im Boxring: Helmut Griem als Philoktet (unten) und Martin Benrath als Odysseus spielten in der Uraufführung von "Philoktet".

(Foto: Imago)

1968 wurde "Philoktet" in München uraufgeführt. Münchens Großkritiker waren sich alles andere als einig. Jetzt zeigt das Residenzthater eine Neuauflage des umstrittenen Werks von Heiner Müller

Von Christiane Lutz

Hundertzehn Minuten. So lang hat die Uraufführung von Heiner Müllers "Philoktet" im Residenztheater gedauert. Hundertzehn Minuten ohne Pause, das hat Joachim Kaiser, Kritiker der Süddeutschen Zeitung, damals genau gestoppt. Hundertzehn Minuten, die es seiner Meinung nach in sich hatten. Es ist Juli in München, es ist 1968, das Jahr der großen Studentenbewegung. Im Kino startet Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum", am Broadway schütteln sie die Haare bei der Premiere von "Hair". In einer Berliner Kommune sitzen Uschi Obermaier und Rainer Langhans, im Münchner Rathaus sitzt Hans-Jochen Vogel. Der ostdeutsche Autor Heiner Müller war gerade aus dem Deutschen Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden, nachdem er für sein Stück "Die Umsiedlerin" von der SED kritisiert worden war. "Philoktet" ist Heiner Müllers moderne Version des antiken Mythos, der um den Trojanischen Krieg kreist. Philoktet, einst Kämpfer für die Griechen, wird von einer Giftschlange verwundet und, da für die Sache jetzt nutzlos, von Odysseus daraufhin auf einer Insel ausgesetzt. Zehn Jahre später ist der Krieg noch nicht gewonnen, Odysseus muss erfahren, dass er ihn nur mit der Hilfe der vergifteten Pfeile gewinnen kann, in deren Besitz Philoktet ist. Mit der Hilfe seines Schützlings Neoptolemos kehrt Odysseus zurück, um Philoktet zum Kampf zu überreden.

Müller hatte "Philoktet" bereits zwei Jahre vor der Uraufführung beendet, hatte aber kein Theater gefunden, das das Stück zeigen wollte. Regisseur Hans Lietzau und der damalige Intendant des Residenztheaters, Helmut Henrichs, aber vertrauten Heiner Müller und holten ihn nach München. Sie hatten sich nicht getäuscht, Philoktet wurde ein großer Erfolg am Resi. Die beiden größten Kritikerköpfe Münchens allerdings, Joachim Kaiser (SZ) und Walther Kiaulehn vom Münchner Merkur waren komplett gegensätzlicher Meinung. Kiaulehns vernichtendes Urteil lautete: Die Uraufführung "geriet ihm (Regisseur Lietzau, Anm. d. Red.) zu einem sonderbaren Spektakel, das vom Publikum auf eine positive Weise mißverstanden wurde und darum viel Beifall fand". Er schimpfte auf das "vorgestrige" Bühnenbild von Jürgen Rose und zeterte weiter, dass das Publikum die inhaltliche "Magerkeit für dichterischen Tiefsinn und die Verworrenheit für bedeutsamen Symbolismus hielt" und resümierte: "So kam eine theatralische Hochstapelei zustande, die vom Publikum als zeitgemäße Theaterkunst empfunden wurde." Er sah es gar als "Selbstlosigkeit des bayerischen Staates" an, dem ostdeutschen Heiner Müller mit seinem kriegsgegnerischen Stück eine Bühne zu geben und hoffte, "dass dies immerhin "in Ostdeutschland als Beitrag zu westdeutscher Entspannungsbemühungen anerkannt" wird, wenn das Stück schon nichts taugt.

Sein SZ-Kritikerkollege Joachim Kaiser räumt zunächst zwar ein, dass es sich bei dem Dreipersonen-Drama "Philoktet" um ein "Lesedrama" handle, wer es nicht kenne, "wird sich zwischen durch sehr langweilen". Doch dann lobt er Lietzaus Inszenierung, in der die Schauspieler einander wie in einem Boxring begegnen. "Selten konnte man (. . .) drei Menschen, drei absichtsvolle Krieger, drei missbrauchte Clowns mit so radikaler Intensität ineinander verkrallt sehen." Die Boxring-Ästhetik sei ein "höchst angemessener Kunstgriff". Er lobt die Darsteller und die Tatsache, dass Müller das Ende des Mythos geändert hat. Vom antiken Happy End zu einem tragischen Schluss. Der Mensch muss bei Müller erkennen, dass ein Krieg nicht ohne Opfer zu gewinnen ist, nicht ohne Schuld. Bei Müller greift kein helfender Gott ein. Regisseur Lietzau sagte: "Müller hat die Götter entfernt, weil er nicht an den Götterratschlag glaubt, sondern an die Manipulierbarkeit des Menschen. Seine Maxime lautet: Wer nicht töten will, muss getötet werden und dient auch noch als Toter der Fortsetzung des Krieges."

Im Jahr 2015 sind es andere Kriege, andere Revolutionen, die die Menschen beschäftigen. Die Notwendigkeit aber, sich in Krisenzeiten einem Feind zuwenden zu müssen, um ein größeres Ziel zu erreichen, ist so aktuell wie 1968, vielleicht noch aktueller. "Philoktet" ist nun wieder am Residenztheater zu sehen, in einer Inszenierung von Ivan Panteleev.

Philoktet, Samstag, 12. Dezember, 19 Uhr, Cuvilliéstheater, Residenzstraße 1