Theater-Start in Freiburg Kreuzberger Kirschgarten

Tschechow mit Schampus: Szene aus dem Freiburger „Kirschgarten“.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Peter Carp, der neue Intendant, plant sein Theater international. Etwa mit einer Tschechow-Version, geschrieben in Farsi.

Von JÜRGEN BERGER

Neun Jahre leitete er das Theater einer der am höchsten verschuldeten Kommunen Deutschlands. Dass Peter Carp das Schauspiel der Stadt Oberhausen trotz eines äußerst reduzierten Budgets populär positionieren konnte, lag an seinem Gespür für Regisseure. Herbert Fritsch wagte in Oberhausen seine ersten Schritte als Dada-Regisseur und inszenierte gleich im ersten Jahr der Carp-Intendanz, das war 2008, in der Ruhrpott-Randlage. Inzwischen wird Fritsch von allen großen Bühnen umworben und ist Stammgast beim Berliner Theatertreffen. Sechs Jahre später war es dann der australische Theater- und Filmregisseur Simon Stone, der sich in Oberhausen mit einer Neubearbeitung von Aischylos' "Orestie" nachdrücklich ins Spiel brachte.

Stone hat inzwischen in Basel Karriere gemacht und wurde mit seiner Neudeutung von Anton Tschechows "Drei Schwestern" zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Amir Reza Koohestanis Version des "Kirschgarten" ist durchaus ein eigenständiges Stück

Basel liegt gerade mal siebzig Kilometer von Freiburg entfernt, wo Peter Carp in diesen Tagen als Intendant neu startet. Er geht dabei ganz anders vor als seine Vorgängerin Barbara Mundel - die war sehr erfolgreich, richtete das Schauspiel aber in manchen Spielzeiten so aus, dass nur der Diskurs mit der gegenüberliegenden Universität und ein in die Quartiere der Stadt eingreifendes Projekttheater Platz im Spielplan fand. Peter Carp dagegen steuert gezielt in Richtung eines literarisch basierten Schauspiels, und er stellt das Freiburger Theater international auf.

Dafür stehen die ersten beiden Schauspiel-Inszenierungen eines südafrikanischen und eines iranischen Regisseurs, die beide auch Autoren sind. Mpumelelo Paul Grootboom schrieb Film- und Fernseh-Drehbücher, arbeitete dann aber lange Jahre am African State Theatre in Pretoria. Für Freiburg hat er mit "Crudeland" ein doku-fiktionales Stück geschrieben und zur Uraufführung gebracht, das auf dem Fall eines in Nigeria hingerichteten Menschenrechtsaktivisten beruht. Mit Grootboom stellt sich ein bei uns kaum bekannter Theatermacher vor. Amir Reza Koohestani dagegen hat mit der iranischen Mehr Theatre Group schon sehr intensiv auf sich aufmerksam gemacht und inszeniert regelmäßig an den Münchner Kammerspielen. In Freiburg war er für die Eröffnung des Neustarts zuständig und lieferte eine eigenwillige Überarbeitung von Anton Tschechows "Der Kirschgarten". Entstanden ist, wie im Fall der Basler "Drei Schwestern", ein eigenständiges Stück, das die Bezeichnung "Uraufführung" zu Recht trägt.

Koohestani hat einen Text in Farsi geschrieben, der in der deutschen Übersetzung (Sima Djabar Zadegan) klingt, als habe Tschechows Landgesellschaft auf dem Weg in Richtung eines neoliberalen Kapitalismus mal schnell einen Szene-Club in Berlin Kreuzberg eröffnet. Da sind noch die bekannten Charaktere und der Handlungsverlauf, Gutsbesitzerin Andrejewna Ranjewskaja kehrt aber nicht mehr aus Paris, sondern aus Indien zurück - im Schlepptau drogenselige Hippie-Kommunarden. Dumm nur, dass das Kapital für einen solchen Lebensstil nicht mehr vorhanden ist. Der Familienbesitz, bei Koohestani heißt er Cherry Orchard, war mal ein Hot Spot der Clubszene. Inzwischen knallen aber nur noch ausgeleierte Kugelleuchten aus den 1980er-Jahren von der Decke (Bühne: Mitra Nadjmabadi), während die Heimkehrer immer noch so tun, als könnten sie in diesem derangierten Club sorglos prassen.

Koohestani erzählt von den neuen Verteilungskämpfen, eine Geschichte von versuchter Integration und brutaler Ausgrenzung, die auch die Situation im Flüchtlingsland Germany kommentiert. Seine Neudeutung: Sobald nicht mehr genug für alle da zu sein scheint, grenzt die Kernfamilie Angestellte und nicht so ganz nahe Verwandte aus. Der new economist Lopachin (Martin Hohner) zum Beispiel möchte helfen, aber nur zum Preis einer Integration in die Familie der Ranjewskaja (Anja Schweitzer). Er wird schnöde abgewiesen, also organisiert er die feindliche Übernahme des Cherry Orchard. Und Anja (Rosa Thormeyer), die leibliche Tochter der Ranjewskaja, schmeißt ihre Stiefschwester Warja (Marieke Kregel) kurzerhand raus, sobald die Familie berät, wie der Club vielleicht doch noch zu retten wäre. Wer dazu gehören soll, wird in die Whatsapp-Gruppe aufgenommen, wer stört, steht draußen vor der App-Tür.

Amir Reza Koohestani überzieht gelegentlich und will allen aktuellen Problemlagen gerecht werden. Das reicht von Seitenhieben in Richtung des amerikanischen Trumpelstilzchen bis hin zu einer ausufernden Mottoparty zur Aufbesserung der Haushaltskasse. Da tun alle so, als wollten sie eine heile Transgenderwelt herbeitanzen. Koohestani ist trotzdem eine stimmige Neudeutung des Tschechow-Klassikers gelungen.

"Crudeland" dagegen will eine Parabel über komplexe Ausbeutungsverhältnisse im rohstoffreichen Afrika sein, scheitert aber schon daran, dass Mpumelelo Paul Grootbooms Text ziemlich ungelenk den Fall des 1995 von der nigerianischen Militärjunta hingerichteten Ken Saro-Wiwa verhandelt. Es geht um afrikanische Despoten und dreckige Geschäfte internationaler Ölkonzerne, daraus geworden ist leider nur eine Wellmade-Operette. Aber auch das gehört zu einem Neustart, der viel wagt und in Richtung einer Internationalisierung der Regie steuert. Mitte Dezember geht es mit der holländischen Regisseurin Liliane Brakema und Strindbergs "Totentanz" weiter, Anfang Januar folgen die polnische Regisseurin Evelina Marciniak und Shakespeares "Ein Sommernachtstraum".