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Theater:Spott des Gemetzels

Robert Redfords Hände selig

Haben immer einen sitzen: die Aussteiger Alice (Adeline Schebesch) und Ben (Thomas Nunner).

(Foto: Marion Bührle)

Pärchenkrieg und Völkermord: "Robert Redfords Hände selig" am Staatstheater Nürnberg hat das Zeug zum Publikumsrenner

Von Florian Welle

Goodbye Deutschland! Die Kunst lässt den Traum vom Auswandern immer wieder platzen. Seit im Fernsehen das Spatzl vom Monaco Franze desillusioniert von den Bermudas zurückgekommen ist - "Du stehst in der Früh auf, und schon wieder scheint die Sonne. Das ist so deprimierend (...), da trinkst du schon mal einen, weil sonst hältst du es nicht aus" - hat sich nicht viel verändert. In Rebekka Kricheldorfs gallenbitterer Komödie "Robert Redfords Hände selig", die derzeit am Staatstheater Nürnberg in der Regie von Bettina Bruinier läuft, giftet Auswanderer Ben seine Frau an: "Mir reicht's, Alice. Sonne, Staub und Elefanten."

Zwei Jahre bereits leben die beiden Münchner Rentner in Namibia und sind darüber zu veritablen Alkoholikern geworden, in Hassliebe verbunden. Namibia, unter dem Platz-an-der-Sonne-Kaiser Wilhelm II. Deutsch-Südwestafrika, und Alkohol: Während Kricheldorf den Ort gewählt hat, um ihrem Stück mit dem Postkolonialismus-Diskurs zusätzliche Schärfe zu verleihen und an den deutschen Völkermord an den Hereros zu erinnern, dienen die in Plastikbechern heruntergestürzten Cocktails als komödientypischer Zündstoff, um die angespannte Situation eskalieren zu lassen. Der Lack der Zivilisation ist dünn. Mit zunehmendem Pegel mutiert der Mensch wieder zum Tier; beginnt, um es mit Yasmina Reza auszudrücken, mit der Kricheldorf nicht zuletzt den Wortwitz gemeinsam hat, der "Gott des Gemetzels" sein Zepter in Form von Gehässigkeiten zu schwingen.

Wie bei Yasmina Reza taucht auch bei Rebekka Kricheldorf mit Julia und Gero ein zweites Pärchen auf, das die in Lethargie und Verbitterung erstarrten Rentner herausfordert. Julia und Gero, jung und knallverliebt, sind nach Namibia gekommen, um für die Aids-Hilfe zu arbeiten. Sympathischer macht sie das aber auch nicht unbedingt. Julia erlebt Afrika hauptsächlich durch den Sucher ihres Fotoapparats. Gero wiederum versucht beständig, seinen Ruf als selbstgerechter Weltverbesserer aggressiv-larmoyant zu verteidigen: "Ich weiß, was ihr seid. Ihr seid das Böse. Ihr seid es. Ihr seid das Böse."

Kricheldorf vermengt in ihrem Stück eine ganze Menge Themen von Vergangenheitsbewältigung über Rassismus bis hin zu Genderfragen. So muss der Zuschauer entscheiden, wer von den vier nicht sonderlich sympathischen Figuren am Ende die Hosen an hat. Sind es wirklich die Männer, denen Bettina Bruinier und ihre Ausstatterin Mareile Krettek labberige Blümchen-Shorts angezogen und dem einen ein Käppchen aufgesetzt und dem anderen einen Haarreifen ins Haar gesteckt haben? Oder ist es doch eher Alice in ihren Leoparden-Leggings?

Kricheldorf versucht, die Aporien in unserem Umgang mit Afrika im Allgemeinen, mit Namibia im Speziellen aufzuzeigen: "Hier in Afrika ist Deutschland deutscher als Deutschland." Zum größten Teil trifft sie bei ihrem Spiel mit Vorurteilen, Stereotypen und Klischees, in das sich alle böse verheddern, ins Schwarze - der Titel verweist auf Robert Redfords Darstellung des Großwildjägers Denys Finch Hatton in der Hochglanzverfilmung von Tanja Blixens Roman "Die afrikanische Farm". Einiges aber gerät der Dramatikerin auch platt. Etwa die viel zu oft wiederholte Litanei von Alice darüber, dass ihr homosexueller Sohn ihr keine Enkelkinder schenken wird.

Stück und Inszenierung haben am Ende der Intendanz von Klaus Kusenberg noch mal das Zeug zum Publikumsrenner. Das liegt nicht zuletzt an den Schauspielern, die auf der Kammerspielbühne zwischen Löwenköpfen, Trachtenfolklore und Müllsäcken (Überreste der Trinkexzesse) auf Campingstühlen lümmelnd sich Bosheiten im Maschinengewehrtempo an den Kopf knallen. Jeder gegen jeden, in wechselnden Konstellationen. Adeline Schebesch als Alice gibt die angesoffene Mutti, Thomas Nunner den verknautschten Zyniker Ben, Bettina Langehein die naive junge Frau und Stefan Willi Wang den mimosenhaften Weltenretter Gero. Dazu schmachtet Streichermusik, zirpen die Zikaden. Und dahinter laufen Tierfilmchen. Schöne heile (Auswanderer-)Welt.

Robert Redfords Hände selig, nächster Termin: Sonntag, 29. April, 19 Uhr, Staatstheater Nürnberg

© SZ vom 23.04.2018

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