Theater-Skandal Gammel-Shakespeare in Hannover

Etikettenschwindel wie man ihn nur von der Lebensmittelindustrie kennt: Jürgen Gosch verkauft dem Publikum seine vier Jahre alte Shakespeare-Inszenierung als schlachtfrische Premiere.

Von Till Briegleb

Selbstzitat war gestern. Jetzt gibt es das Regie-Recycling. Jürgen Gosch hat diese Neuerung in die Theaterwelt gebracht. Wie erschöpft und gelangweilt von der ewigen Hatz nach unverbrauchten Ideen, haben er und sein Bühnenbildner Johannes Schütz eine vier Jahre alte Inszenierung aus dem Hamburger Schauspielhaus einfach noch einmal in Hannover als Premiere herausgebracht: Shakespeares "Wie es euch gefällt".

Szenenfoto aus "Wie es euch gefällt".

(Foto: Foto: Matthias Horn)

Das Bühnenbild bestand in Hamburg aus einem großen Sandhaufen im leeren Raum, auf den vier Stunden lang ein feiner Strahl rieselte. So ist es in Hannover drei Stunden lang. Die Schauspieler in Hamburg imitierten den Wald von Ardenne als lebende Bäume und machten dabei Vogelgeräusche. Gleiches in Hannover. Die Herde des Schäfers bestand in Hamburg aus blökenden Nackten. Tja, auch das wiederholt Gosch eine Intercity-Stunde vom Ursprungsort entfernt noch einmal.

Und so geht es weiter bis in die Rollenbesetzung. Katharina Lorenz als Rosalinde in Hannover - klein, quirlig, kurzhaarig und mit quiekender Stimme - erinnert doch sehr stark an Mira Bartuschek, die Hamburger Original-Besetzung. Und dort, wo Gosch seine Ideen nicht eins zu eins wiederholt, überträgt er sie zumindest so ähnlich oder nimmt einfach eines seiner altbekannten Stilmittel her.

Weder umetikettiert noch neu inszeniert

Die Schauspieler, die gerade nicht dran sind, verlustieren sich mit irgendeinem modernen Zeitvertreib auf der Bühne, nur ist in Hannover der Raum zu klein, um Fahrrad zu fahren, im Gegensatz zu Deutschlands größtem Sprechtheater. In der niedersächsischen Anstalt wird dafür ins Handy gesprochen; hier wie dort stimmt man immer mal wieder ein naives Liedchen an.

Mit Blut und Lebensmitteln eingeschmierte nackte Körper gibt es ebenso wie die bei Gosch-Inszenierungen obligatorischen Äste. Und der ganze Gestus der Inszenierung besteht aus weidlich ausgekosteten Albernheiten - muss man noch dazu sagen, wie in Hamburg?

Wahrscheinlich wird man lange nach einem vergleichbar dreisten Fall in der Theatergeschichte suchen müssen. Zwar ist es gang und gäbe, dass reisende Regisseure ihre Einfälle immer wieder modifiziert zum Einsatz bringen. Bevor die nachreisenden Kritiker das langweilig finden, nennt man es Stil, danach künstlerische Erschöpfung. Aber dass ein Regisseur dasselbe Stück mit denselben Mitteln, nur mit anderen Schauspielern in einer Nachbarstadt einfach nochmal inszeniert, macht doch ein wenig baff.

Warum macht sich Jürgen Gosch nicht die geringste Mühe, seine Zweitverwertung zu kaschieren? Ist ihm längst egal, was andere denken, dass ein Publikum von einem Künstler Originalität erwartet und er dafür gut bezahlt wird? Ist das ein freches Spiel mit den Reflexen des Betriebs, an dessen Empörung sich der Regisseur heimlich ergötzt, oder sollte Jürgen Gosch tatsächlich der Meinung sein, dass keinem sein Cloning auffällt?

Die Täuschung der Massen

Hat er nach der künstlichen Aufregung um seine Blut-und-Kot-Inszenierung von Shakespeares "Macbeth", die die "Ekeltheater"-Debatte ausgelöst hat, Freude am Skandal gefunden und einen neuen Weg gesucht, sich öffentliche Erregung zu organisieren? Oder soll dieses Replikat ein kritisches Licht auf den kreativen Leistungsdruck im Theater werfen, der schon so manchen Künstler ausgebrannt zurückgelassen hat?

Und warum macht ein Theater diesen Etikettenschwindel mit? Hannovers Intendant Wilfried Schulz, ein erfahrener und aufrichtiger Theatermann, steht nicht im Geringsten im Verdacht, sein Publikum betrügen zu wollen. Warum hat er nicht, als er merkte, dass Gosch eine Dublette inszeniert, dem Regisseur empfohlen, die Hamburger Inszenierung als Gastspiel einzuladen und auf sein Honorar zu verzichten? Weil es auch in dem Stück "Wie es euch gefällt" um Verkleidung geht, also um die Täuschung der Masse durch einen einfachen Trick - dort durch Männerkleider, hier durch den Ortswechsel?

Aber das ist vermutlich viel zu weit um die Ecke gedacht, denn um den paar Theaterprofis, die beide Inszenierungen gesehen haben, einen solchen Gedankengang aufzunötigen, begibt man sich nicht in die Gefahr des Plagiatvorwurfs. Vielmehr riecht diese ganze Aktion nach extremer Faulheit und Wurschtigkeit. Verhält es sich anders, müssen das Regisseur und Intendant ihrem Publikum erklären - das übrigens in entschuldbarer Unwissenheit über diese Zusammenhänge von der flotten Kalauerparade begeistert war.