Theater Sehen und gesehen werden

Die Mexikanerin Violeta Luna lebt in San Francisco. Illegale Einwanderung ist ihr Performance-Thema.

(Foto: Oliver Ludwig)

Bis zur Gleichberechtigung der Geschlechter ist es noch ein weiter Weg - auch im Theater. Das "Magdalena Project" bringt internationale Künstlerinnen zusammen und gastiert von diesem Freitag an in München

Von Christiane Lutz

Es war in einem Café irgendwo in Trevignano, Italien, im September 1983, als der britischen Künstlerin Jill Greenhalgh der Kragen platzte. Wie konnte es sein, fragte sie sich und die anderen Frauen am Tisch, dass hier, bei einem Theaterfestival der Freien Szene, so viele herausragende Performerinnen auftraten, die innerhalb ihrer Häuser oder Theatergruppen aber überhaupt nichts zu sagen hatten? Wäre es nicht wunderbar, all diese Frauen zusammen zu bringen, damit sie ihre künstlerischen Fähigkeiten einmal ungebremst ausleben könnten? Jill Greenhalgh gründete so 1986 das "Magdalena Project, ein internationales Netzwerk für Performerinnen, Regisseurinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen, in dem sie genau das tun: sich ungebremst ausleben.

"Gesehen werden", nennt es Helen Varley Jamieson heute, mehr als 30 Jahre später. "Wenn Frauen nicht gehört werden, geht so viel kreatives Potenzial verloren", sagt Jamieson. Nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Kunst. Das Magdalena Project ist inzwischen weltweit bekannt, Festivals finden in Neuseeland, Europa und vielen Ländern Südamerikas statt. "Es gibt noch immer zu wenig weibliche Regisseure, die Strukturen an Stadt- und Staatstheatern vor allem hier in Deutschland sind sehr hierarchisch. Schauspielerinnen müssen noch immer tun, was der - meist männliche - Regisseur von ihnen will und können selten eigene Ideen einbringen." Jamieson ist 50 und Webkünstlerin, das heißt, ihre Werkzeuge sind Internet und der Computer. Sie gehört zum festen Kern des "Magdalena Projects", auch wenn sie bei jener legendären Kaffeerunde damals nicht dabei war. Sie ist verantwortlich dafür, dass Magdalena nun in München stattfindet, von Freitag bis Sonntag auf dem Gelände des künftigen Kreativquartiers.

Rund 30 internationale Künstlerinnen treffen sich zu Workshops, Gesprächen und gemeinsamen Essen. Jede bringt einen Teil ihrer Arbeit mit, das kann ein Gesangs-Workshop sein, eine fast fertige Performance, eine Installation, an der sie die anderen teilhaben lässt. "Magdalena ist ein safe space", sagt Jamieson, die aus Neuseeland kommt und zwischen Englisch und Deutsch wechselt. Ein geschützter Raum also, in dem es nicht um Beurteilung geht. Einige der Performances sind aber auch für Zuschauer geöffnet. Zum Beispiel die Arbeit der mexikanischen, in San Francisco lebenden, Künstlerin Violeta Luna. In ihrer Performance "Parting Memories" (Samstag, 15. Oktober, 20 Uhr) befasst sie sich mit illegaler Einwanderung von Mexiko in die USA. Die Künstlerin Kordula Lobeck de Fabris zeigt ihre Installation "Unsichtbare Räume" (Sonntag, 16. Oktober, 11.30 bis 18 Uhr), für die sie Menschen im Gefängnis besucht hat. Während des Wochenendes erarbeiten einige Künstlerinnen gemeinsam eine Performance namens "In Between", die sich mit dem Thema Zwischenraum beschäftigt. Natürlich kann man es bedauerlich finden, dass weibliche Künstler den "safe space" eines Magdalena Projects offenbar brauchen. Dass im Jahr 2016 die Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht mal in der Kunst Realität ist. Die Kunst, die sich doch so gern als Vorreiterin begreift und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten möchte. Aber sie ist eben häufig auch nur ein Abbild derselben.

Jamieson jedoch möchte das "Magdalena Project" nicht als Haufen wütender Feministinnen verstanden wissen. "Dafür sind die Teilnehmerinnen auch viel zu verschieden." Und natürlich: Feminismus bedeutet für eine indische Künstlerin etwas völlig anderes, als für eine deutsche, weil die Kulturen und die gängigen Geschlechterrollen überhaupt nicht vergleichbar sind, Emanzipation anders bemessen wird. "Viele junge deutsche Frauen glauben, sie brauchen den Feminismus nicht mehr. Bis sie selbst ein Kind bekommen oder sich an hierarchischen Strukturen die Zähne ausbeißen. Ich sehe sogar Rückschritte. Heute werden Frauen beispielsweise wieder viel stärker nach ihrem Aussehen beurteilt als in den Siebzigerjahren." Gleichberechtigung also gäbe es nicht. Noch nicht.

Magdalena München - In between, Freitag, 14. Oktober bis Sonntag, 16. Oktober, Schwere-Reiter-Gelände, Dachauer Straße 112, themagdalenaproject.org