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Theater-Premiere:Labyrinth der Lügen

"Gespenster" von Henrik Ibsen, Regie: Mateja Koležnik

Versteinerte Bitterkeit unter Schichten des Unglücks – die großartige Corinna Kirchhoff.

(Foto: Matthias Horn/Berliner Ensemble)

Glasklar, beklemmend: Mateja Koleznik inszeniert am Berliner Ensemble Ibsens "Gespenster" mit einer großartigen Corinna Kirchhoff.

Von Peter Laudenbach

Es gibt Familien (und ein ganzes Theatergenre von Familienstücken), in denen auch ganz ohne Seuchengefahr Abstandsregeln und eine Art seelischer Kontaktsperre wirken. Schon aus Selbstschutz achten die Familienmitglieder darauf, das eigene Gefühlsleben nicht von allzu großer Nähe kontaminieren zu lassen. Die Verbitterung, das Misstrauen und die Maske der falschen Vertrautheit, hinter der man einander belauert, sitzen fester als jeder Mund-Nasen-Schutz. Die Stücke des bürgerlichen 19. Jahrhunderts, die im Vorgriff auf die Erkenntnisschocks der Psychoanalyse die seelischen Beschädigungen und schockgefrosteten Emotionen solcher Intimität sezierten, entwickelten eine große Virtuosität darin, ihre Figuren in das innerfamiliäre In- und Gegeneinander von Nähe und Entfremdung zu stürzen. Mateja Koleznik findet dafür am Berliner Ensemble in ihrer Inszenierung von Ibsens "Gespenster" ein bezwingendes Bild.

Auf drei beweglichen Podesten sind die Türen, Wände eines Labyrinths, Andeutungen bürgerlicher Interieurs so aufgebaut, dass sich die Bewohner dieses Familienverlieses nie direkt begegnen: Eine Wohnwelt der Isolationsräume aus lauter verschlossenen Türen (Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Leonie Wolf). Auch wenn sie miteinander sprechen, kommt kein direkter Kontakt zustande, immer sind die Körper und Blicke voneinander abgewendet und für das Gegenüber unerreichbar. Alle stehen sie allein auf ihren Podesten, von einer subtilen Lichtregie (Licht: Ulrich Eh) nicht heller als unbedingt nötig aus einer alles verschlingenden Dunkelheit geleuchtet. Immer wieder wird an den verschlossenen Türen gelauscht, und immer endet das in Katastrophen.

Einst hat Helene Alving (Corinna Kirchhoff) hinter einer dieser Türen ihren sinnesfrohen Gatten beim Schwängern des Dienstmädchens ertappt. Der Gatte ist längst tot, sein Fehltritt wurde schnell vertuscht, ein nölender Trunkenbold (Wolfgang Michael) ließ sich dafür bezahlen, die Ehre der Familie zu retten und die Vaterschaft zu übernehmen. Regine, die Frucht dieser Alving-Eskapaden (Judith Engel), ahnt nichts von ihrer Herkunft, sie ist jetzt selbst Dienstmädchen bei Frau Alving. Zu Beginn der Vorstellung öffnet sie ihre langen Haare als wollte sie sich aus diesem Dienstmädchenkorsett befreien und von einem ganz anderen, wilderen Leben träumen. Ganz am Ende des Abends wird sie genau das tun, abreisen und sich in aufregendere Abenteuer stürzen, als sie in der Enge des Alvingschen Hauses zu haben sind.

Für die protestantischen Moralzwangsjacken hat sie da längst nur noch Hohn übrig. Damit dreht sich die Inszenierung in den letzten Minuten: Alles was die Menschen in diesem Familiengefängnis gequält hat, wirkt plötzlich überflüssig und bizarr bis zur Absurdität, allen voran der geldgierige Geistliche, den der Präzisionskomiker Veit Schubert als Schmierenkomödianten der Ehrbarkeit spielt.

Bis es so weit ist und das souveräne Dienstmädchen sich für den Lebensgenuss entscheidet, droht kurz eine Tragödie. Sie verliebt sich in Osvald, den heimgekehrten Sohn des Hauses (Paul Zichner). Hinter einer der verschlossenen Türen belauscht dessen verzweifelte Mutter den Flirt der Halbgeschwister. Paul Zichner spielt das Aufbegehren, das Antoben gegen die Gewissheit, vom Vater und dessen Ausschweifungen die Syphilis geerbt zu haben, mit schöner Unverstelltheit.

Im Kontrast zu seiner kraftvollen Naivität steht das Spiel der großen Corinna Kirchhoff. Sie zeigt die über Jahrzehnte versteinerte Bitterkeit, die Kränkungen eines langen Ehelebens, die viele Schichten des Unglücks, den kalten Stolz, der vielleicht nur kalter Hass ist. Kirchhoff zeichnet mit großer Genauigkeit, mit komplett unsentimentaler Einfühlung und enormer Könnerschaft das Charakterporträt einer klugen Frau, die die Zwänge und Lügen ihres Lebens bis ins letzte durchschaut, ohne sich von ihnen befreien zu können.

Ihr dabei in Mateja Kolezniks glasklar erzählter Aufführung zuzusehen, ist beklemmend. Und es ist ziemlich atemberaubend.

© SZ vom 13.10.2020
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