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Theater:Pärchen-Dynamik

Bei den Ruhrfestspielen wurde das neue Stück von Tankred Dorst und Ursula Ehler uraufgeführt: "Das Blau in der Wand", ein durch die Zeiten gleitender Mann-Frau-Dialog.

Von Cornelia Fiedler

Die Wirklichkeit als Schlag ins Gesicht. Und der Wunsch als das, was einen taumelnd wieder aufstehen lässt. Das sind die Spannungspole, zwischen denen das Werk von Tankred Dorst entsteht. Um die 50 Stücke hat der auch international gefeierte, inzwischen 90-jährige Dramatiker geschrieben, seit 1971 gemeinsam mit seiner Partnerin und Koautorin Ursula Ehler. Die Formen und Stoffe variieren, von der skurril ausufernden Rittersaga "Merlin" bis hin zum Sozialdrama. Immer aber ist dieser Versuch spürbar, das Unbegreifliche am Menschsein zu fassen zu kriegen. Ihr neues Stück "Das Blau in der Wand" ist ein unzuverlässig durch die Zeiten geisternder Paar-Dialog. David Mouchtar-Samorai hat die Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszeniert - eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Düsseldorf, wo die Inszenierung im Oktober in den Spielplan kommt.

"Schau, wir sterben nicht", sagt sie zu ihm und macht zum Beweis schnell ein Foto

Was Mann und Frau sich hier gut 70 Minuten lang um die Ohren hauen, klingt durch all die Streitlust und den Spaß am Pärchenquatsch hindurch leise nach Abschied. Die Handlung springt kreuz und quer durch die Phasen einer Ehe. Los geht es mit einer platten Anmache auf der Parkbank, wo die schwangere "Sie" und der hartnäckige "Er" dann ausgerechnet in ihrer ironischen Verächtlichkeit doch zueinander finden. Dann folgen Gesprächsfetzen aus verschiedenen Jahrzehnten.

Die neonblau leuchtenden, perspektivisch zulaufenden Faden-Raster auf der Bühne wirken wie ein Versuch des Bühnenbildners Heinz Hauser, die zwei flüchtigen Zeitreisenden irgendwie in Raum und Zeit festzunageln. Zu dieser Idee will die altbackene Sprech- und Spielweise von Heikko Deutschmann und Karin Pfammatter nicht wirklich passen, die Zeitsprünge sind oft kaum wahrnehmbar. In grauer Strickjacke und knielangem schwarzen Kleid lässt Mouchtar-Samorai die beiden überraschungsfrei das spielen, was der Text anbietet: Beim Stichwort "Augen zu" schlägt Pfammatter die Hände vors Gesicht. Denken sie sich spaßeshalber Geschichten aus, etwa die von der geklauten Damenunterwäsche in der Aktentasche, hält Deutschmann einen roten Slip in der Hand. Dass sich hier zwei Menschen mit den Mitteln der Poesie aus dem tristen Alltag davonstehlen, ist als charmante Überlebensstrategie eigentlich zentral für dieses Stück. Der Text wird aber so holzschnittartig in biedere Theatergesten gepresst, dass diese Fluchten kaum wirken können.

Ruhrfestspiele

Karin Pfammatter und Heikko Deutschmann in "Das Blau in der Wand".

(Foto: Matthias Horn)

Die Paarkonstellation, die Dorst und Ehler entwickeln, klingt nach patriarchalem Klassiker. Er ist Journalist mit literarischen Ambitionen, sie zwar auf verbaler Ebene eine ebenbürtige Sparringspartnerin, ansonsten aber in erster Linie Mutter. Spannend ist die Dynamik zwischen ihnen: Wie sie sich in rotzigen Wortgefechten jeweils ihren Raum erkämpfen. Wie ein "Ich liebe dich" unendlich viel Überwindung kosten kann. Wie sie versuchen, dem Altwerden den Schrecken zu nehmen, indem sie es als Slapstick durchspielen. Die Sache mit der Sterblichkeit werden sie dennoch nicht begreifen. "Schau, wir sterben nicht", sagt sie einmal und macht zum Beweis ein Foto. Dumm nur, dass als Dritter im Spiel immer auch der Tod anwesend ist, bei Ralf Harster ein hilfsbereiter Hausgeist in Schwarz, der beim Aufsammeln der Scherben auch mal eine Pirouette dreht.

Vom Sohn namens Ganymed erfährt man zunächst nur, dass dessen biologischer Vater Kisuaheli sprach. Die Mutter begegnet dem Kind mit überempathischem Verständnis, der Stiefvater mit rassistischen Vorurteilen. Dass der junge "Gany" einen Hang zu Gewalt entwickelt, scheint beide mächtig zu wundern. Das alles wird eins zu eins dargestellt und erzählt, ohne dass die Inszenierung dazu eine Haltung findet. Die eindrucksvollsten Momente des Abends entstehen allein aus der Sprache: Das titelgebende "Blau in der Wand" etwa ist eine Stelle im alten Haus des Paares, an der unter dem Putz eine historische Wandbemalung hervorlugt. Um das Blau zu bewahren, muss es wieder zugespachtelt werden: Denkmalschutz. So wird der verheißungsvolle Farbfleck zum Symbol für all die verpassten Möglichkeiten eines Lebens.

© SZ vom 10.06.2016
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