bedeckt München 21°
vgwortpixel

Theater:Kokosnussritter

Christian Krachts "Imperium" basiert auf der Geschichte des deutschen Aussteigers August Engelhardt zur Zeit des deutschen Kaiserreichs. Jan Bosse hat den Roman nun als Abenteurerparodie am Thalia Theater Hamburg inszeniert.

Aussteigen ist nichts für Weicheier, jedenfalls, wenn man es ernst nimmt. So wie August Engelhardt, der 1902 die Kolonialpolitik des Kaiserreichs dafür nutzte, im pazifischen Schutzgebiet "Neu-Pommern" eine Insel zu kaufen. Auf der ernährte er sich allein von der von ihm so bezeichneten "Gottesfrucht", der Kokosnuss. In seinem Roman "Imperium" hatte Christian Kracht 2012 diesen solistischen Lebensreformer als schüchternen Nudisten und Rebell ohne politisches Programm neu erfunden, dabei aber auch beschrieben, wie selbst das radikalste Lebensexperiment sich nicht von der Zivilisation lösen lässt, die es so innig ablehnt.

Nun hat der Regisseur Jan Bosse am Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße Krachts Roman als Persiflage auf die Geschichte des Aussteigertums nacherzählt. Ein lieber Märchenonkel mit langem Bart (Christoph Bantzer) liest Krachts Romantexte aus einem großen Folianten, während ein kleines Ensemble sich darin zu übertrumpfen versucht, den Kokos-Robinson als Clown paradiesischer Fluchtträume vorzustellen. Diese Konkurrenz gewinnt eindeutig Jörg Pohl, der vor allem im letzten Abschnitt, wenn die geistige Umnachtung bei Engelhardt einsetzt, das Bild einer ganzen Affenbande wachruft, der man die Kokosnuss geklaut hat.

Von der Verbissenheit irrer Überzeugungen bleibt hier nur insofern etwas übrig, als es sich in Parodie auflösen lässt. Mit vielen Kostümwechseln erweckt Bosse den Jet-Set eines Gunter Sachs wie die verrenkten Wohlstandskinder, die in Goa auf einem schlechten Trip hängen geblieben sind. Und um den Parallelen zwischen dem Kokos-Fanatiker und dem antisemitischen Vegetarier und Vedutenmaler Rechnung zu tragen, die Krachts Roman andeutet, eröffnet Daniel Lommatzsch mit einer Hitler-Parodie den Abend. Mit Schnauzer der frühen Jahre, aber schon ganz Brauhausredner, schwadroniert Adolf von den schädlichen Einflüssen des Überflusses, den Kokos-Konsequenzen der Ernährungsfrage, um schließlich zu tollen Panzerhaubitzen zu gelangen.

Auch Christian Krachts Roman ist natürlich im Kern eine Parodie auf alles Radikale und seine tragische Rechthaberei. Aber dort ist es die Recherche über den geschichtlichen Hintergrund, die den einseitigen Helden zu einer interessanten Zeitfigur macht. Als lächerlicher Querschnittshippie für hundert Jahre Zivilisationsflucht vereinsamt dieser Eremit doch ein wenig im Imperium der Scherze.

© SZ vom 28.04.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite