Theater Er ist wieder da

Der einst geschasste Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann inszeniert in Dresden Dostojewskis "Der Idiot" als munteren Reigen von Beziehungswirrnissen.

Von Peter Laudenbach

Es dürfte wohl das Theater-Comeback des Jahres sein: Matthias Hartmann, der geschasste Intendant des Wiener Burgtheaters, meldet sich zwei Jahre nach seinem skandalträchtigen Rauswurf als Theaterregisseur zurück . Hartmann, kein Mann feinsinniger Subtilitäten und als Regisseur eher ein Wirkungstechniker als ein Grübler, hat am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman "Der Idiot" inszeniert. Die Geschichte des kindlich unschuldigen Fürsten Myschkin ist zumindest eine aparte Stoffwahl: Der Egoshooter-Regisseur mit den trainierten Karriere-Ellbogen nähert sich dem reinen Toren und "Gottesnarren" Dostojewskis. Gegensätze scheinen sich auch in der Theaterregie anzuziehen.

Dieses Comeback hat durchaus etwas von einer Rehabilitation. Auch wenn die juristische Auseinandersetzung um eigenwillige Formen der Buchführung am Burgtheater noch nicht abgeschlossen und Hartmanns Mitschuld keineswegs erwiesen ist, hätte der Burg-Rauswurf auch sein Karriere-Aus als Schauspielregisseur bedeuten können. Vor Dresden hat ihn jedenfalls kein anderes Theater engagiert. Vielleicht rächte sich nach dem Burgtheater-Crash auch, dass sich Hartmann, nicht im Überfluss gesegnet mit der Fähigkeit zur Diplomatie, im Lauf einer steilen Karriere mit seinem forschen Auftreten nicht nur Freunde gemacht hat. Der Regisseur, der noch vor zwei Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, schien stigmatisiert. Es war ein unfaires Stigma: Gescheitert und möglicherweise in Unregelmäßigkeiten verstrickt ist Hartmann als Intendant, nicht aber als metiersicherer Regisseur. Man kann es als Geste der Solidarität verstehen, dass ihn der für seine Integrität allseits geschätzte Dresdner Intendant Wilfried Schulz an sein Haus eingeladen hat.

Es ist die Fortsetzung einer langen Zusammenarbeit: Schon in den Neunzigerjahren hat Schulz, damals noch als Chefdramaturg an Frank Baumbauers Hamburger Schauspielhaus, den Jungregisseur Hartmann engagiert. Und auch für seine nächste Station, das Schauspielhaus Düsseldorf, das er ab kommender Spielzeit leitet, ist er mit Hartmann im Gespräch.

Als Rehabilitation des Regisseurs Hartmann funktioniert der gut vierstündige Abend natürlich auch, weil er vom Dresdner Premierenpublikum kurz vor Mitternacht so heftig bejubelt wird. Die straff erzählte, geschickt kompilierte Roman-Adaption ist für Dostojewski-Verhältnisse erstaunlich unterhaltsam. Die dem Boulevard nicht abgeneigte Regie mag es klar und übersichtlich. Von den Fieberzuständen der Romanvorlage ist sie jedenfalls weit entfernt.

Da brennt dann auch mal die Hütte. Doch keine Sorge: Metaphysische Höllen werden in dieser boulevardesken Inszenierung großräumig umfahren.

(Foto: Matthias Horn)

Der Regisseur erzählt den Plot, ohne sich auf schwindelerregende Abgründe einzulassen

Die Zentralfigur Myschkin ist, wie ihr Autor, Epileptiker. Seine Anfälle und Wahnzustände verklärt Dostojewski zur religiösen Erfahrung. Dass dieser reine Tor frei von berechnenden Egoismen und animalischen Trieben ist, macht ihn so schillernd, gleichzeitig verführerisch und unheimlich. Als wolle er Myschkins Geheimnis und die religiöse Aufladung der Figur gleich zu Beginn abhaken, um danach nicht mehr davon behelligt zu werden und für deren Entrückung eine praktische Erklärung zu liefern, lässt Hartmann sie als Prolog von den Ekstasen eines Anfalls erzählen: "Den Kopf, das Herz erhellt ein unvorstellbares Licht. Ja, es lohnt sich, für diesen Moment sein ganzes Leben aufzugeben." André Kaczmarczyk ist als Myschkin ein schönes Irrlicht: Zerzauste Locken, zu große Jacke, flackernder Blick. Doch auf der sachlich leeren Bühne (Johannes Schütz), auf der immer wieder mal Wände aus rückwärtigen Versenkungen geschoben werden, wird die Geschichte dann eher als episches Theater berichtet als gespielt. Die Darsteller wechseln zwischen Nacherzählung und Dialogpartien, als wollten sie sich die düsteren Dostojewski-Figuren sicherheitshalber etwas vom Leib halten. Im Kontrast zu Castorfs "Idiot"-Inszenierung, die 2002 ebenso fiebrig und gefährlich flackerte wie das Roman-Monster Dostojewskis, wirkt Hartmanns Readers-Digest-Fassung nett und harmlos.

Dass Figuren wie die als Kind missbrauchte Luxusprostituierte Nastassja (Yohanna Schwertfeger) oder ihr Verehrer Rogoschin (Christian Erdmann) das Leben verachten und sich gierig in die Selbstzerstörung stürzen, weil sie nur so sich selber zu spüren vermögen, ist ein beunruhigender Gedanke, den Hartmann seinem Publikum nicht zumuten möchte. Dass Myschkin nicht einfach krank und selbstlos bis zur Selbstaufgabe, sondern eine Erlöserfigur ist, deutet Hartmann neckisch an, wenn der Held hilflos zwischen Nastassja und Aglaja (Lieke Hoppe) steht, den beiden Frauen, die ihn lieben. Er hebt kurz und hilflos die Arme, markiert so die Figur des Gekreuzigten. Das ist entweder eine ungeheure Anmaßung - oder, wenn man diese Geste ernst nimmt, der Einbruch einer anderen, religiösen Wirklichkeit ins Spiel. Bei Hartmann wird das en passant und unverbindlich angedeutet, ohne für größere Irritationen zu sorgen. Der Regisseur erzählt den Plot, ohne sich auf seine schwindelerregenden Abgründe ernsthaft einzulassen. Lieber entdeckt er Szenen einer Beziehungskomödie. Dafür, dass es sich bei Dostojewskis Roman um ein literarisches Kunstwerk mit eigener Formsprache handelt, interessiert sich diese Oberflächenregie ebenso wenig wie für den metaphysischen Thriller.