Theater Eine Stadt schaut hin

Regensburger Bürger spielen unter der Regie Joseph Berlingers ein Stück über Simon Oberdorfer, der das moderne Leben in die Hauptstadt der Oberpfalz brachte und von den Nazis ermordet wurde

Von Sabine Reithmaier

Der Messerwerfer ist ein Profi. Das leuchtet ein. Regisseur Joseph Berlinger hätte sich sonst wahrscheinlich ziemlich schwergetan, eine Frau für die Scheibe zu finden, schließlich soll der Mann im Varieté-Theater des Simon Oberdorfer mit echten Messern werfen. Aber das war das einzige Zugeständnis: Alle anderen Schauspieler sind Laien, Mitglieder des Bürgertheaters Regensburg, das mit "Hoffnung Havanna" an diesem Samstag im Velodrom seine dritte Produktion präsentiert.

Bürgertheater, also professionelles Theater mit nichtprofessionellen Darstellern, stellt auch für Berlinger ein Novum dar. Bisher setzte er in seinen Inszenierungen auf eine Mischung aus gelernten und ungelernten Kräften. Er schwört auf die Präsenz und Unmittelbarkeit von Laien. Vermutlich kommt der 65-Jährige auch deshalb seit Wochen mit der schwierigen Probenplanung klar; schließlich sind die 50 Schauspieler fast alle berufstätig. "Einer fehlt eigentlich immer."

Dabei kann er noch froh sein, dass, aus statischen Gründen, nur 50 Spieler auf der Bühne stehen dürfen. Dadurch gab es einen sachlichen Grund, die Zahl der Mitwirkenden zu begrenzen. "Berlinger kann nämlich keinem absagen", behauptet Eva Sixt, Schauspielerin, Sängerin und ebenfalls Autorin. Wäre alles wie immer, würde sie eine der Hauptrollen in Berlingers Stück spielen. Dieses Mal aber hat sie mit ihm das Stück geschrieben, hat gemeinsam mit ihm über Bühnenbild und Inszenierung gebrütet. Dass die Geschichte des Regensburger Juden Simon Oberdorfer jetzt von Regensburger Bürgern erzählt wird, deren Großeltern und Urgroßeltern den erfolgreichen Geschäftsmann vielleicht noch kannten, finden beide gut. Das sei vielleicht dann doch eine winzig kleine Wiedergutmachung. Das Thema war für Berlinger nicht neu. Bereits 2003 hatte er das Schicksal Oberdorfers in einem Radio-Feature nachgezeichnet. Der "Oberdorfer Simmerl" - so nannten ihn die Regensburger, bevor er zum "Volksschädling" wurde - gründete mit 19 Jahren in seiner Heimatstadt einen Radlerverein, heimste als Kunstradler Preise ein und verdiente sein Geld als Fahrradhändler. 1898 realisierte er im Garten seines Anwesens am Arnulfplatz ein ehrgeiziges Projekt: Er baute eine Radrennbahn, das Velodrom. Bald wandelte er sein Haus in einen Vergnügungstempel mit exquisiten Programmen um. Er zeigte Pistolenkünstler, dressierte Wölfe, indische Elefanten, aber auch "elektrische Projektionsschauspiele" und "Kolossal-Gruppenbilder" des Turnerbundes. Als das Publikumsinteresse nachließ, baute er das Velodrom 1929 in ein Lichtspielhaus um. Genau genommen habe Oberhofer jede neue Technik in Regensburg eingeführt, sagt Berlinger: erst Radeln, dann Autofahren und Fliegen. "Er war ein Pionier und immer vorn dran."

Velodrom-Gründer Simon Oberdorfer.

(Foto: Theater Regensburg)

Der Regensburger Magistrat fand das erst super, lag ihm doch daran, das Provinznest in eine Metropole zu verwandeln. Allzu gut sollte das Velodrom aber natürlich auch nicht laufen. Oberdorfer hatte mit vielen Neidern und Schwierigkeiten zu kämpfen. Weil ein Notausgang nicht funktionierte, schloss man ihm 1914 das Haus. Vor Gericht setzte er die Wiedereröffnung durch. "Fast könnte man ihn als Prozesshansel bezeichnen", sagt Sixt. Vielleicht erklären aber gerade die anhaltenden Auseinandersetzungen, warum es ihm so lang entging, dass der übliche Antijudaismus in massiven Antisemitismus umschwenkte. Er war es einfach gewohnt, alles zu regeln. Daher blieb er, obwohl seine Söhne 1933 emigrierten. Er ging erst 1939, nachdem er eine Internierung im Konzentrationslager Dachau überstanden hatte. Das Velodrom durfte er nicht mehr betreten, seine Autohandlung hatte er "Treuhändern" übergeben müssen.

Mit dem Velodrom-Gründer Simon Oberdorfer haben sich Eva Sixt und Joseph Berlinger auseinandergesetzt.

(Foto: privat)

Mit Frau, Schwester, deren Ehemann und 900 weiteren Leidensgenossen schiffte er sich in Hamburg auf dem Luxusdampfer St. Louis ein. Zielhafen Havanna. Aber wie das eben so ist mit Bootsflüchtlingen: Die Kubaner und die Amerikaner ließen nur 29 der jüdischen Passagiere ans Land, obwohl alle viel Geld für die Einreiserlaubnis gezahlt hatten. Nach verzweifelten Hilfegesuchen erklärten sich Belgien, Frankreich, Holland und England bereit, einen Teil der Passagiere aufzunehmen. Oberdorfer landete in Naarden in der Nähe von Amsterdam, lebte dort bis 1943. Dann holten ihn die Nazis wieder ein. 1943 wurde er ins Vernichtungslager Sobibor transportiert und dort am 30. April 1943 ermordet.

Eine billige Parallele zu den Flüchtlingen der Jetztzeit zu ziehen, ist ungefähr das letzte, was Berlinger und Sixt beabsichtigen. "Eine Gleichsetzung wird der Geschichte nicht gerecht, dadurch erklärt sich nichts", sagt Sixt. Sie kümmerte sich übrigens um den politisch-historischen Teil des Stücks, Berlinger um Entertainment und Varieté. Und vermutlich ist trotz des tragischen Schicksals ein sehr kurzweiliges Stück entstanden mit Bildern von suggestiver Schönheit und Intensität.

Hoffnung Havanna. Simon Oberdorfer und das Velodrom; Samstag, 8. Juli, 19.30 Uhr, Velodrom in Regensburg; weitere Vorstellungen am 9. Juli und 15. Oktober