Theater:Beziehungsende in Nürnberg

Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Der Liebe ging es auch schon mal besser, trotz der wärmenden Haustierhausschuhe: Mareile Blendl und Marco Steeger.

(Foto: Marion Bührle)

Klaus Kusenberg inszeniert zu seinem Abschied "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas"

Von Egbert Tholl, Nürnberg

Die Erklärung für den Titel des Stücks kommt in der 14. von 19, eigentlich 20 Szenen, aber in einer wird nicht geredet, sie ist nur ein Bild, an dem man Freude haben kann oder nicht, an diesem Abend kommt sie nicht vor, nichts fehlt. Also die andere, die 14. Ein Mann besucht seine Frau im Krankenhaus. Oder wohl eher einem Heim. Sie siezt ihn. Sie weiß nicht, wer er ist. Sie erfährt von ihm, jeden Tag aufs Neue, dass sie seit 17 Jahren verheiratet sind. Sie findet das eine "komische Idee". Sie findet auch, dass für sie, die sie ihren Mann bei jedem Besuch neu kennenlernt, das mit dem Verlieben doch sehr schnell gehe. Sie hat ihr Gedächtnis verloren und hat eine erfrischendere Haltung zur Liebe als er, der verzweifelt. Sie wird gespielt von Adeline Schebesch, die in dieser einen Szene wirklich toll ist. Er, Michael Hochstrasser, erzählt ihr, dass ihre Liebe dereinst so gewesen war, als wären Menschen aus der Nord- und Südhälfte Koreas aufeinandergetroffen, wundersame, nicht mehr geglaubte Vereinigung.

Klaus Kusenberg inszeniert zum letzten Mal als Schauspielchef des Staatstheaters Nürnberg. Fast 18 Jahre war er hier, und seine Ära wird nicht in Erinnerung bleiben als Rock 'n' Roll der Bühnenkunst, egal wie viele Ur- und deutsche Erstaufführungen er auf den Spielplan setzte, der an sich sehr gut komponiert war aus eigenen Vorlieben und Schielen auf das Programm der Theatermetropolen. Zwar ist Nürnberg an sich eine Metropole, heißt zumindest im weiteren Zusammenhang "Metropolenregion", aber das Schauspiel war unter Kusenberg ästhetisch viel zu brav, viel zu rechtschaffen korrekt. Und das Ensemble, Kusenbergs Ensemble, in seiner Gesamtheit viel zu wenig faszinierend.

Halt! Es gibt tolle Schauspieler hier. In Kusenbergs letzter Inszenierung stehen auch ein paar davon auf der Bühne. Joel Pommerat schreibt in seinem vier Jahre alten Erfolgsstück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" eine Besetzungsidee von "27 Frauen, 24 Männern und jemanden, der singt" vor. Kusenberg hätte also mit leichter Hand sein gesamtes Ensemble auf die Bühne stellen können. Nun sind es zehn, und der Hälfte davon möchte man interessante Alternativen für die Berufswahl ans Herz legen. Doch dafür ist es zu spät.

Doch, betrachtet man nur diesen Abend, wo ist die Henne und wo das Ei? Kusenberg inszeniert grundsätzlich so, als verfüge er über Schauspieler wie einst Johan Simons an den Münchner Kammerspielen. Doch die naturbelassene Schönheit des originären Genius des einzelnen Darstellers blüht nur dann, wenn da auch ein Genius ist. Wo nicht, und alle hier können ihr Handwerk, braucht es einen Regisseur mit Ideen, mit Vorstellungen, mit einer Haltung, mit einer ästhetischen Fantasie. Kusenberg kann tolle Spielpläne machen, aber er ist kein Künstler. Das behindert zwar seine weitere Karriere nicht, er wechselt als Schauspieldirektor nach Regensburg, aber die Überzeugungskraft eines Abends wie den von den zwei Koreas.

Pommerat schreibt in seinen 19 (oder 20) Szenen davon, dass ein Glück in der Liebe so wahrscheinlich sei wie die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea. Also nicht sehr wahrscheinlich. In manchen seiner Szenen hat er eine tolle Idee - ein kinderloses Ehepaar engagiert eine Babysitterin, um die Wunden der Absenz von Nachwuchs besser lecken zu können -, in manchen skizziert er mit dürren Worten Allgemeinplätze. Manchmal ist er urkomisch. Einem besonderen dramaturgischen Verlauf folgen die Szenen nicht, gute wechseln sich ab mit blöden, zur Pause denkt man, es könnte aus sein oder noch drei Tage so gehen, es könnte sich die hübsche Bühne weiterdrehen, auf der ein manchmal leuchtender Kubus und eine Velours-Felsenlandschaft stehen, könnte sich drehen und drehen und nie mehr aufhören.

Je nach Lage der Aufführungsrechte sollte man einfach manche Szenen rausschmeißen, die völlig nutzlos sind, und sich anderen ausführlicher widmen. Aber Kusenberg, dessen beste inszenatorische Ergebnisse im Bereich des Well-made-plays liegen, inszeniert die Szenensammlung einfach runter wie sie ist, einige schöne Momente entstehen, weil sie sich nicht verhindern lassen, weil eine Darstellerin wie Mareile Blendl eine nicht zu bändigende, von ihr präzis geführte Energie hat, weil ein Darsteller wie Heimo Essl die Fähigkeit zur explodierenden Menschlichkeit hat. Und weil Josephine Köhler mitspielt. Sie spielt die schwangere Behinderte, die unbedingt ihr Kind zur Welt bringen will, weil sie an ihre für alle anderen unmögliche Liebe glaubt. Sie spielt in einer an sich unfassbar kümmerlichen Szene die Frau, die ihren Liebhaber verlässt, weil Liebe allein nicht reiche. Pommerat glaubt hier offenbar weise zu schreiben, in Wahrheit ist es nur Köhler, die eine unendliche Traurigkeit entstehen lässt. In der am besten gebauten Szene des Abends vernichtet Köhlers Figur mit großartig enervierendem Insistieren die Hochzeit ihrer Zwillingsschwester, weil sie nach einem einzigen Kuss mit dem Bräutigam diesen für ihre große Liebe hält, mit ihren freilaufenden Irrsinn aber offenbar werden lässt, dass alle anwesenden fünf Schwestern mit diesem mal geknutscht haben. Aber mehr war auch nie.

© SZ vom 20.12.2017
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