Theater Parasit und Brandstifter

(Foto: Sven Serkis)

Menschlichkeit an der Oberfläche, gleich darunter das Diabolische: In Göttingen spielt Bardo Böhlefeld den Brandstifter Schmitz in Max Frischs Klassiker "Biedermann und die Brandstifter".

Von Martin Krumbholz

So hat man sich den Brandstifter Schmitz aus Max Frischs Theaterklassiker "Biedermann und die Brandstifter" nicht vorgestellt! Statt des verlangten Ringerkostüms trägt der ohnehin eher schmächtige Schauspieler Bardo Böhlefeld einen schwarz-weiß gemusterten Anzug mit Schleife im Stil gewisser Rock 'n' Roll-Bands der Fünfzigerjahre (das Stück ist von 1958).

Die Haare sind frisch gegelt, und Schmitz schmatzt nicht mal beim Gänsebraten, mit dem Biedermann die Eindringlinge bestechen will - im Gegenteil, er benimmt sich sozusagen tadellos! Allein die Fingernägel, nun ja, die passen so gar nicht zum Übrigen, die sind nämlich struwwelpetermäßig lang ausgefallen und könnten Schmitz als das kennzeichnen, was er ist: ein Parasit und ein Brandstifter zudem.

Bardo Böhlefeld, in Rom geboren, ausgebildet an der Berliner Universität der Künste, spielt den Brandstifter Schmitz am Deutschen Theater Göttingen, in der Regie der jungen Lucia Bihler und in der Ausstattung von Josa David Marx. Hier ist manches anders, als es im Buch steht. Niemand hantiert mit Benzinfässern und Streichhölzern; stattdessen bildet eine vergrößerte Handgranate das optische Zentrum, und die war vorher ein Parfümflakon. Aus dem Dienstmädchen mit wenig Text wird ein Dalmatiner, beredt ganz ohne Text. Biedermann selbst - statt Schweizer Akzent spricht er englischen - wurde vom Haarwasserhersteller zum Parfümproduzenten umfunktioniert.

Vor allem aber ist es eben dieser fabelhafte Böhlefeld-Schmitz, der alles auf den Kopf stellt, was man über Frisch, die Schweiz und die Brandstifter zu wissen glaubte. Statt grobschlächtiger Manieren und dreister Reden: Charme und Süffisanz. Die "Menschlichkeit", die Schmitz bei seinem unfreiwilligen Gastgeber heuchlerisch einklagt, trägt er an der Oberfläche perfekt zur Schau. Darunter aber rumort das eigentlich Diabolische. Bis hin zum großen Knall.