Theater Augsburg:Mustang Sally

Prima Donna

Die großartige Sally du Randt und ihr Bewunderer Roman Poboinyi.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Musik und Geschichte bilden in der deutschen Erstaufführung von "Prima Donna", eine Art Oper von Rufus Wainwright, eine Symbiose kongenialer Banalität

Von Egbert Tholl

Es ist schön, wenn der Komponist des Abends einem auch noch das Material für den Ausdruck der eigenen Verfassung liefert. 2001 veröffentlichte Rufus Wainwright seine Version des Leonard-Cohen-Hits "Hallelujah", damit wurde er noch berühmter, als er davor als eine Art Jungpopgenie bereits war. Und Halleluja möchte man jubeln, wenn man endlich die Ausweichspielstätte des Theaters Augsburg gefunden hat. Denn kommt man mit dem Auto, fällt einem eine ganz bemerkenswerte Absenz von Hinweisschildern auf. Kein Schild weist den Weg zum Martinipark, einem glänzenden Gewerbeareal, an dessen Rand nun das Theater für die nächsten Jahre beheimatet ist. Kein Schild verweist auf das Theater, der Eingang ist ein lilafarbenes Neon-Tor, hinter dem man einen hippen Club, aber keine Opernpremiere erwarten würde. Und doch, Halleluja, ist man dann erst einmal auf dem richtigen Areal angekommen, erweist sich dieses als großartig. Einst war hier eine Textilfabrik, dann nichts mehr, dann wurde in die langsam bröselnde Halle das Theater installiert, in einem halben Jahr für fünf Millionen Euro, da war kein Geld mehr für Schilder übrig, aber die Münchner Ausweichquartierplaner sollten sich das mal anschauen. Gut, hier haben nur 600 Zuschauer Platz, aber es ist wunderschön. Und klingt sogar gut. So gut, dass man hier auch gescheite Musik spielen könnte.

Bei seinen eigenen Auftritten sitzt Wainwright meist allein auf der Bühne, spielt Klavier oder Gitarre und singt mit brüchiger Stimme weinerliche Folk-Songs. Für "Prima Donna", seine erste "Oper", uraufgeführt 2009, hat er eine dicke Orchesterpartitur geschrieben, die auf dem Prinzip der Wiederholung überschaubarer Einfälle basiert, mit Aromen von Puccini oder der Minimal Music gewürzt ist, dank einiger sanfter Dissonanzen leicht in Richtung Neue Musik schielt, letztlich aber aus tonalen Blähungen besteht, zwischen denen hübsche Gesangsmelodien herumwuseln. Wenn das Zeug einem nicht die Gehörgänge verklebt, läuft es gut runter.

Musik und Geschichte bilden eine Symbiose kongenialer Banalität: Régine, eine einstige Operndiva, wartet seit sechs Jahren auf ein Comeback in der Rolle, die gleichzeitig ihr größter Triumph und ihre größte Niederlage war. Philippe, ihr Butler, führt ihr dafür einen Journalisten zu, der sich bald als durchgeknallter Fan entpuppt. Gemeinsam träumen sie sich in ein Duett aus jenem, als französische Grand Operá imaginierten Schicksalswerk hinein; Régine scheitert abermals und beschließt, fürderhin die Klappe zu halten. Das wirkt ein bisschen wie eine Doku über Florence Foster Jenkins, nur ohne Fallhöhe, was Regisseur Hans Peter Cloos dazu bringt, mit bis zur Verblödung redundantem Videoeinsatz von Allerlei zu raunen, ohne das Potenzial des Stücks als queere Hommage an eine Sängerin zu erkennen.

Aber: Die Augsburger Philharmoniker unter Lancelot Fuhry adeln mit Inbrunst die Simplizität der Musik, und die Régine singt und spielt Sally du Randt. Ihre Mitstreiter sind auch gut dabei, Roman Poboinyi etwa ist ein bemerkenswerter französischer Tenor. Du Randt aber überstrahlt den Abend mit grandioser Würde. Sie hat in den Momenten der Hoffnung das Strahlen eines Mädchens, dann wieder rührt sie in Traurigkeit oder amüsiert sich selbst in zynischer Selbstverachtung. Für ihre ewig junge Stimme ist die Partie, trotz sportlicher Amplituden, keinerlei Problem, sie durchdringt sie mit faszinierender Natürlichkeit. Halleluja, könnte man rufen, aber das lassen wir jetzt lieber.

Prima Donna, Theater Augsburg, bis Juni 2018

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