Theater auf Distanz:Personalintensiv

Lesezeit: 2 min

Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind - Nur in Zusammenhang mit der aktuellen Aufführung!

Sterbende Schwäne, einsame Lieder, Lektionen in Distanz: Die Staatstheater Stuttgart öffnen ihre Türen.

(Foto: Bernhard Weis/Schauspiel Stuttgart)

Immerhin vier Zuschauer pro Rundgang: Ein erster Parcours in Stuttgart weckt süße Theater-Sehnsucht.

Von Adrienne Braun

Schwindelfrei sollte man sein. Der Boden hebt sich. Er beginnt sich zu drehen, sodass die Lichter hüpfen, die Wände fliegen und die Schauspieler wie im Nichts versinken. Denn kaum hat das Land Baden-Württemberg die vorsichtige Wiederaufnahme des Spielbetriebs erlaubt, haben die Staatstheater Stuttgart umgehend ihre Türen geöffnet, und zwar jene, die dem Publikum gewöhnlich verschlossen bleiben. Oper, Ballett und Schauspiel haben einen Theaterparcours entwickelt, der in Foyers und Magazine führt, durch die Stallgasse und auch auf die Drehbühne des Schauspielhauses. "Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind" nennt sich der Streifzug durch die Welt des Theaters, bei dem sich berühmte Theatergeschöpfe Gehör verschaffen - Romeo und Julia, Leonce und Lena, Tristan und Isolde.

"Es passiert aber auch gar nichts", jammert André Jung auf der Unterbühne des Schauspielhauses, wo er mit seiner Kollegin Sylvana Krappatsch als Wladimir und Estragon auf, natürlich, Godot warten. Aber der Ausschnitt aus Becketts Klassiker erinnert eher an ein altes Ehepaar, das der Lockdown auf sich selbst zurückgeworfen hat.

Das Projekt ist personalintensiv. Sechzehn Durchläufe finden pro Abend mit wechselnder Besetzung statt, vier Zuschauer können pro Rundgang teilnehmen. Und obwohl jede Gruppe einen persönlichen Guide an der Seite hat, stehen an jeder Ecke zusätzliche Aufsichten und weisen stumm wie Geister den Weg. Er führt treppauf, treppab und auch ins Foyer des Opernhauses, wo sich vertrocknetes Laub zwischen den umgefallenen Stühlen eingenistet hat. In den Windfängen, durch die doch eigentlich das Publikum strömen sollte, sitzen nun Musiker und spielen ihr einsames Lied.

Man setzt in den Kleingruppen bewusst auf Pathos, um die Macht des Theaters vorzuführen

Immer wieder blitzt bei diesem Parcours das Thema Distanz auf - vor allem, wenn die Tänzerinnen und Tänzer in einer Choreografie von Roman Novitzky bewusst großen Abstand halten. Der Percussionist Marc Strobel diktiert ihnen die Bewegungen. Der Opernchor hat sich dagegen im Parkett des Opernhauses verteilt und singt Brahms für die Handvoll Zuhörer, die auf der leergefegten Bühne sitzt. Verkehrte Welt.

Mit diesen Appetizern will der Stuttgarter Intendant Burkhard C. Kosminski nichts als Sehnsucht wecken und setzt dabei bewusst auf Pathos, um schmerzlich-süß die Macht des Theaters vorzuführen. So taumeln die Kleingruppen wie benommen durch die Gänge und Flure, begleiten hier Romeos Liebeswerben und sterben dort Wagners "Liebestod" mit. Im Lastenaufzug, der sonst zwischen Schreinerei und Malersaal im Einsatz ist, hat sich Frederike Wagner mit ihrer Harfe eingerichtet und spielt in einem Meer aus weißen Federn Soli aus dem 20. Jahrhundert, wie ein Englein über den Wolken. Zum Schluss singen im Innenhof zwei einsame Sänger ein Madrigal von Monteverdi. Und wie sie so ansingen gegen das Stimmengewirr der Menschen, die rund um die Staatstheater längst wieder die Bänke, Wiesen und Treppen bevölkern, klingt ihr Lied plötzlich wie ein Klagegesang darüber, was Corona aus dem Theater gemacht hat.

Während viele Bühnen den Betrieb frühestens im September wieder aufnehmen wollen, weil sie sich Vorstellungen für nur ein Drittel des Publikums schlicht nicht leisten können, haben die Staatstheater in Stuttgart ein stattliches Programm aus dem Hut gezaubert. Igor Strawinskys "Die Geschichte vom Soldaten" wird auf einem Truck auf dem Cannstatter Wasen gespielt, der zum Autokino umfunktioniert wurde. Stefan Kaegi von Rimini Protokoll wird ein "Phantomtheater für 1 Person" entwickeln, es wird ein "Sommertheater" im Innenhof geben. Im flexibel bestuhlbaren Kammertheater soll auch wieder klassisch Theater gespielt werde - weil es einfach sein muss, wie ein gealterter Schauspieler während des Parcours in einem Ausschnitt von Thomas Bernhards "Der Schein trügt" erklärt: "Theater war eine Möglichkeit. Ich hatte keine andere."

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