Theater Auf dieser Welt keine Hölle auf Dauer

Rima Khcheich erzählt in den Kammerspielen München ihre Geschichte. Wie es war, Rima Kamel gewesen zu sein.

(Foto: Judith Buss)

Der libanesische Theatermacher Rabih Mroué und sein Stück "Rima Kamel" an den Kammerspielen

Von Petra Hallmayer

Rabih Mroué ist ein sehr freundlicher, liebenswert uneitler und ruhig konzentrierter Gesprächspartner. Nur wenn man ihn nach dem frühen Tod seiner Mutter fragt, stöhnt er auf. "Vielleicht können Sie es ja in dicken Lettern drucken: Meine Mutter lebt! Sie hat acht Kinder großgezogen und nie eine Waffe in der Hand gehalten." Immer wieder war zu lesen, sie sei als Milizsoldatin im Bürgerkrieg umgekommen. "Irgendein Journalist hat dies erfunden, um seinem Artikel mehr Dramatik zu verleihen." Dabei muss man die Biografie des in Beirut geborenen Theatermachers und bildenden Künstlers nicht zusätzlich dramatisieren. Sein Großvater, ein Schriftsteller, Marxist und Philosoph, wurde von islamischen Fundamentalisten "mit der Billigung des syrischen Geheimdienstes" ermordet. Als sein Bruder Yasser zum Haus der Großeltern lief, trafen ihn die Kugeln eines Heckenschützen im Kopf, die Teile seines Gehirns zerstörten und sein Sprachzentrum beschädigten.

In "Riding on a Cloud", der persönlichsten und berührendsten Inszenierung von Rabih Mroué, erzählt Yasser selbst seine Geschichte, vom Erwachen aus dem Koma, der schrittweisen Eroberung eines neues Lebens. Die Performance, die 2015 beim Festival Spielart zu Gast war, ist nun noch einmal bei einer Rabih-Mroué-Werkschau in den Kammerspielen zu sehen. Eröffnet wird diese mit einer Uraufführung, der zweiten Kammerspiel-Produktion Rabih Mroués nach der umstrittenen Inszenierung "Ode to Joy" über das Olympia-Attentat 1972, die die Perspektive der Palästinenser in den Fokus rückt. In "Rima Kamel" entführt uns die Sängerin Rima Khcheich, eine weltweit gefeierte Interpretin klassischer arabischer Lieder, auf eine Zeitreise durch ihre Kindheit und Jugend, die eng mit der Geschichte des Libanon verbunden ist.

Wie Rima Khcheich ist auch Rabih Mroué im Bürgerkrieg aufgewachsen. Doch wenn er an seine Kindheit denkt, tauchen nicht nur finstere Erinnerungen auf. "Für uns Kinder war der Wahnsinn, der um uns herum tobte, die Normalität. Inmitten der entsetzlichen Tragödie, die Krieg bedeutet, hatten wir Spaß, erlebten wir Momente des Glücks. Menschen sind unheimlich anpassungsfähig", sagt er. "Es gibt auf dieser Welt kein Paradies, aber auch keine Hölle auf Dauer."

Es war sein Großvater, der ihn darin bestärkte, sich dem Theater zuzuwenden. Heute ist der 50-Jährige, der in Berlin lebt, einer der international gefragtesten libanesischen Theatermacher. Sein zentrales Thema sind die blutigen politischen Konflikte im Nahen Osten, doch er will nicht den Horror ausstellen, sondern sich vielmehr mit der Ikonografie von Krieg und Terror, der Entstehung, Wirkung und Instrumentalisierung von Bildern auseinandersetzen. "Image War Machine" lautet denn auch der Titel der Werkschau. "Wir werden", so Mroué, "mit Bildern überschwemmt von dieser großen Maschine, die wir die Medien und die sozialen Medien nennen. Statt neue Bilder auf der Bühne zu erschaffen, versuche ich die vorhandenen zu analysieren und zu dekonstruieren." Dafür collagiert Rabih Mroué in seiner Form eines minimalistischen Autorentheaters, in dem er auch als Performer auftritt, dokumentarisches Material - Zeitungsartikel, TV-Aufnahmen, Fotos und Internet-Videos - und setzt auf die Kraft der Reflexion und der Wortes.

In "Looking for a Missing Employee" rekonstruiert er den Fall eines verschwundenen Angestellten des libanesischen Finanzministeriums, wobei er via Screen in sich widersprechenden Zeitungsausschnitten blättert. In "Three Non-Academic Lectures" befasst er sich anhand von drei Performances mit "Bildern des Krieges und der Repräsentation des Todes". In "So little time" erzählt seine Frau Lina Majdalanie die tragikomische Geschichte eines libanesischen Märtyrers namens Deeb Al-Asmar, der nach seinem vermeintlichen Opfertod für die palästinensische Befreiungsbewegung zur Propaganda-Ikone wird. Jahre später taucht der tote Held quicklebendig wieder auf und fällt vor seinem eigenen Denkmal in Ohnmacht.

"Märtyrertum und Heldenverehrung", sagt Rabih Mroué, "sind eines der wirkmächtigsten politischen Instrumente in der arabischen Welt. Wir schaffen es, jede Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Auf diese Weise haben wir immer Helden zuhauf." In seiner Heimat, erklärt er, hätten die Toten eine gespenstische Macht über die Lebenden. "Ich hoffe, dass ich den Tag noch erleben werde, an dem die Menschen endlich begreifen werden, dass keine Ideologie, keine Religion und keine Idee es wert ist, dafür zu sterben."

Deeb Al-Asmar ist eine fiktive Figur, in deren Biografie historische Fakten eingebunden sind. Die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation sind in Mroués Arbeiten durchlässig. "Es gibt", betont er, "keine objektive Sicht der Realität. Jede noch so authentische Geschichte, die wir erzählen, ist eine subjektive Interpretation der Wirklichkeit." Schon die Auswahl von Nachrichten lenkt unseren Blick auf die Welt, färbt unsere Wahrnehmung und entscheidet darüber, wie schwer ein Toter wiegt. "Es geht mir nicht darum, irgendeine ,Wahrheit' zu enthüllen. Ich stelle Fragen: Von wem und wie wird Geschichte geschrieben? Was sind Fakten? Ich versuche, die Mechanismen offenzulegen, mit denen die große Bilderproduktionsmaschine Realität inszeniert."

Rima Kamel, Donnerstag, 9. Februar, 20 Uhr, Kammer 3 der Kammerspiele, Hildegardstraße 1