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"The Peanut Butter Falcon" im Kino:Flucht mit Flüssigseife

Ein großes Kinoglück: Die Tragikomödie "The Peanut Butter Falcon" von Tyler Nilson und Michael Schwartz erzählt von zwei Außenseitern auf einer wilden Abenteuerreise.

Von Sofia Glasl

Das Altenheim ist kein guter Ort für Zak. Das wissen alle, und doch gibt es im ländlichen North Carolina weit und breit keine Einrichtung für ihn - Zak hat das Down-Syndrom und darf nicht alleine leben. Deshalb wurde er mit dem weißhaarigen Carl in ein winziges Zimmer gesteckt. Seitdem träumt er davon abzuhauen und in der Wrestlingschule seines großen Vorbilds "Saltwater Redneck" zum Fighter ausgebildet zu werden. Aus Mitleid hilft Carl ihm, das Fenstergitter aufzustemmen und sich mittels Flüssigseife durch den winzigen Spalt zu winden. Diese kauzige Flucht in Unterhosen setzt den Ton im Film "The Peanut Butter Falcon", einer verschrobenen Buddy Comedy, die vor Lebenslust schier überschäumt.

Das hat der Film vor allem seinem Hauptdarsteller Zack Gottsagen zu verdanken, eine der Entdeckungen des Kinojahres. Der 34-Jährige, der das Down-Syndrom selbst hat, stand von Kindesbeinen an auf der Bühne und freundete sich mit dem Regieduo Tyler Nilson und Michael Schwartz bei einem integrativen Schauspielworkshop an. Die beiden schrieben ihm die Rolle des Zak in ihrem Debütfilm auf den Leib. Dabei gelingt ihnen vermeintlich beiläufig ein großer Schritt. Denn Zaks Behinderung ist zwar der Handlungsmotor, der den Film in Gang bringt, doch spielt sie danach keine Rolle mehr. Diese Form der Repräsentation ist im amerikanischen Kino noch sehr selten.

The Peanut Butter Falcon; The Peanut Butter Falcon

Kraftakt: Zak (Zack Gottsagen) flieht aus dem Heim und macht sich auf einen Roadtrip entlang der Inselkette Outer Banks.

(Foto: Tobis)

Menschen mit Behinderung kommen zwar regelmäßig in Filmen vor, doch meistens spielen diese Rollen große Stars, die selbst keine Behinderung haben - denn diese Parts erhöhen bekanntermaßen die Chance, einen Oscar zu gewinnen. Bestimmte Themen oder Figuren wirken wie Köder für die amerikanische Filmakademie und haben schon vielen Künstlern zu Preisen verholfen. In den letzten dreißig Jahren ging etwa ein Drittel der Darstellerpreise an Rollen, die von einer Krankheit oder Behinderung bestimmt waren, unter anderen an Dustin Hoffman für "Rain Man", Tom Hanks für "Forrest Gump" oder Eddie Redmayne für "The Theory of Everything". In der über 90-jährigen Geschichte der Oscars wurden dagegen nur zwei Darsteller mit Behinderungen für ihre Arbeit ausgezeichnet - 1947 Harold Russell für "Die besten Jahre unseres Lebens" und Marlee Matlin 1986 für "Gottes vergessene Kinder".

Wie einst Tom Sawyer und Huckleberry Finn fahren die beiden auf ihrem Floß

"The Peanut Butter Falcon" bietet also einen Perspektivwechsel an. Klar, Schauspieler sind gerade deshalb Schauspieler, weil sie glaubhaft machen können, jemand anderes zu sein, mit allen körperlichen wie seelischen Verstrickungen. Doch scheint es in den Rollen für Schauspieler ohne Behinderung dann oft doch nur darum zu gehen, gerade die Einschränkung der Figur lebensnah oder authentisch nachzustellen. Auch die Bewertung ihrer Leistung wird daran festgemacht, die Figur hingegen auf ihre Behinderung reduziert.

Zack Gottsagen ist in diesem Sinne frei von der Bürde, Mimikry betreiben zu müssen. Seine Figur Zak ist eine willensstarke, herzliche und humorvolle Persönlichkeit, die er mit Leichtigkeit auf die Leinwand bringt, voller Spielfreude und Witz.

Der Ausreißer Zak trifft auf der Suche nach dem Wrestler Saltwater Redneck den Streuner Tyler, der auch auf der Flucht vor einem früheren Leben ist. Mit seiner Offenheit knackt Zak den mürrischen Eigenbrötler und überzeugt ihn davon, ihn zu begleiten. Auf einem selbstgebauten Floß fahren die beiden wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn die Outer- Banks-Inselkette entlang, Zaks fürsorgliche, aber bevormundende Betreuerin Eleanor stets auf den Fersen. Ein einfacher Plot, der vom Zusammenspiel zwischen Gottsagen und seinem Ko-Star Shia LaBeouf aber mühelos getragen wird. Die sich langsam anbahnende Freundschaft zwischen Tyler und Zak ist ein Bravourstück an kleinen Gesten, freundschaftlichen Foppereien und einer Begegnung auf Augenhöhe. Denn Tyler verfällt nie in einen gönnerhaften Gestus, er nimmt Zak als den wilden und quirligen Charakter, der er ist, und bewahrt die Figur vor einem Schicksal als inspirierendem Außenseiter ohne eigene Persönlichkeit.

Hollywoods einstiger Satansbraten LaBeouf scheint obendrein eine Demut gefunden zu haben, die es Tyler Nilson und Michael Schwartz erlaubt, ihm den wohl interessantesten Auftritt seiner Karriere zu entlocken. Dakota Johnson, Thomas Haden Church und Bruce Dern sind stark in ihren Nebenrollen und tragen mit ihren Namen dazu bei, diesem mutigen Film das Publikum zu verschaffen, das er verdient.

The Peanut-Butter Falcon, USA 2019 - Regie und Buch: Tyler Nilson, Michael Schwartz. Kamera: Nigel Bluck. Mit Shia LaBeouf, Zack Gottsagen, Dakota Johnson, Thomas Haden Church, Bruce Dern, John Hawkes, Lee Spencer, Deja Dee. Verleih: Tobis, 98 Minuten.

© SZ vom 28.12.2019

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