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Teatro dell'Opera di Roma:Zwischen Abscheu und Verlockung

Hans Werner Henzes "The Bassarids" in Rom: Es bleibt Sergio Tramonti und Pasquale Mari überlassen, die erotische Grundierung einzufangen.

(Foto: Filippo Arriva/Opera Roma)

Die menschenfreundlichen Verheißungen des Dionysos: Hans Werner Henzes "The Bassarids" eröffnet die Saison.

König Pentheus ist wie alle Politiker von der Invasion der Fremden überfordert. Und jetzt ist er auch noch enttäuscht. Denn dieser Fremde da vor ihm ist so gar nicht anders als er selbst. Hat Pentheus einen Aufwiegler erwartet, einen Terroristen, einen Wilden? Nichts von dem, was die immer wieder aus der Ferne herüber wehende Musik an Enthemmung und Sinnlichkeit verspricht, findet sich in diesem angegraut schlanken Mann, der jetzt so sanft lockend auf Pentheus einsingt. Und doch wird dieser Fremde, es ist Dionysos, den König bald furchtbar entwürdigen und dann von der eigenen Mutter zerreißen lassen.

Die "Bakchai" (Bakchen) von Euripides sind dessen verstörendste Tragödie. Hier wird schonungslos vorgeführt, wie wenig der Verstand im Leben auszurichten vermag. Der seltsame Titel meint die Anhängerinnen des Dionysos, einer rätselhaft zwischen Menschen- und Götterwelt vermittelnden Gestalt. Er ist ein Gott, ja, aber ungewöhnlicherweise ein Zwitter, entstammend der Liaison zwischen Zeus und der Thebanerin Semele, also der Sohn einer Menschin. Ein Menschenfreund, steht er doch, damit seinen Antipoden Apollon korrigierend, für Wein, Rausch, Erotik, Fleischgenuss. Er ist aber auch ein rachsüchtiger Gott, der heimtückisch all jene vernichtet, die seine Göttlichkeit bestreiten. Und jetzt ist die Familie seiner Mutter an der Reihe, die sich in Sachen Dionysos-Bezweiflung besonders hartnäckig zeigt.

Roms Operntheater hat seit zwei Jahren mit Carlo Fuortes einen ausgesprochen eigenwilligen Intendanten. Vor einem Jahr, gerade hatte Riccardo Muti das marode Haus im Protest verlassen, zog Carlo Fuortes die Reißleine. Unterfinanzierung, Streiks und künstlerische Belanglosigkeit brachten ihn dazu, allen Musikern in Chor und Orchester zu kündigen. Es war ein sensationeller Befreiungsschlag. Kurz danach einigte man sich gütlich, die Kündigungen wurden zurückgenommen. Seither kann das Haus wieder vernünftig arbeiten, Chor und Orchester sind derzeit in Topform.

Nun hat Fuortes auch das Publikum in die Mangel genommen. Zum Saisonauftakt, der zwar weniger spektakulär als der der Mailander Scala, aber dennoch ein großes gesellschaftliches Ereignis ist, gab es nicht wie landesüblich italienische Kulinarik von Verdi oder Puccini. Sondern deutschen Hardcore, die Vertonung der "Bakchai" durch Hans Werner Henze (1926-2012), quasi einen Sohn der Stadt, hat er doch jahrzehntelang im nahen Marino gelebt.

Henzes Oper nach der Tragödie des Euripides wurde vor knapp 50 Jahren uraufgeführt

Henzes vor knapp fünfzig Jahren bei den Salzburger Festspielen erstaufgeführtes Stück, es ist sein stärkstes, heißt "The Bassarids" - es ist dies wie auch Mänaden ein anderer Name für die Dionysos-Anhängerinnen. Gesungen wird in Rom auf solidem Niveau in Englisch, es gibt in den zwei Stunden keine der sonst unverzichtbaren Pausen zum Abendkleidschaulaufen und Smalltalken.

Trotz dieses Affronts gegen das Herkommen reagiert das kaum aufs Neue und Fremde eingeschworene römische Publikum mehr als nur höflich, von herzlich zu sprechen wäre allerdings ein Übertreibung.

Wenn es keinen herben Aufschrei gegen diese "porcheria tedesca" gab (so angeblich Kaiserin Mari Luisa über Mozarts "Tito": deutsche Schweinerei), dann liegt das vor allem an Henzes Musik, die in Stefan Soltesz, dem langjährigen Essener Opernchef, einen den Nuancen, dem Fluss und der Leidenschaft treuen Dirigenten findet. Henze war, trotz seiner von Dissonanzen durchzuckten Klänge, auch nie ein streng gläubiger Avantgardist.

In Rom, dieser ganz der Vergangenheit ergebenen Stadt, fällt sein Herkommen von Monteverdi, Verdi, Puccini besonders auf: Nur was Gefühl ist, kann Henze zu Musik werden. Deshalb hat der Pentheus des Russell Braun musikalisch erst mal schlechte Karten. Nicht einmal Henze konnte diesen enthaltsam sexfeindlichen Vernunftsvegetarier ansprechend sinnlich vertonen. Doch zuletzt, im Sterben, bekommt Pentheus eine anrührend packend von Braun gesungene Arie. Während seine sonst so stolze Mutter, Veronica Simeoni, ihn mordet, wird er wieder zum Kleinkind. Er versteht die Welt, die er ganz genau zu verstehen meinte, überhaupt nicht mehr.

Was Soltesz, Henzes Musik, W.H. Audens Libretto und sogar das Euripides-Stück recht deutlich zum Ausdruck bringen, darf auf Roms Bühne nicht sichtbar werden: das Schwulendrama, das sich hier untergründig abspielt zwischen dem stolz sinnlichen Dionysos des Ladislav Elgr und dem widerstrebenden, weil seiner Veranlagung nicht bewussten Pentheus. Dieses Drama bestimmt den Dialog der beiden, wenn der König dem erotischen Locken des Gottes ausnehmend leicht nachgibt und sich zuletzt sogar als Frau verkleiden lässt, um die Bassaridinnen unerkannt bei ihren vermeintlichen Dauersexorgien beobachten zu können. Ein tödlicher Fehler.

Wer in ein italienisches Opernhaus geht und Regietheater erwartet, wird immer enttäuscht. Auch der in Italien nicht zuletzt wegen seiner Filme und TV-Produktionen bekannte Regisseur Mario Martone macht kein Regietheater, sondern pflegt den üblichen stile italiano. Der Chor steht unbeweglich am Rand, die Solisten geben sich bewegter, Personenregie und tiefschürfende Analyse werden absichtlich gemieden.

Das zentrale Thema - das Schwulendrama- wird nie explizit

Das ist schade bei einem Stück, dessen zentrales Thema von sein Autoren nie explizit gemacht wird, aber eben auch nicht völlig unterschlagen werden darf. Die Zurückhaltung der Autoren hatte Gründe. Für eine Schwulenoper war die Nachkriegszeit durchaus nicht reif, auch Benjamin Britten hat es lange so gehalten, erst in seinem Letztling "Death in Venice" wagte er in den 70er Jahren den Tabubruch.

So bleibt es in Rom dem Bühnenbild von Sergio Tramonti und der Ausleuchtung durch Pasquale Mari überlassen, die erotische Grundierung mit dunklen Farben und Chiaroscuroeffekten einzufangen. Die beiden spüren den sirrenden Klängen Henzes nach, die das Phänomen Dionysos zwischen Abscheu und Verlockung verorten. Zu den großen Stärken der "Bassarids" gehört es, dass sie diesen sich in Dionysos angelegten Widerspruch nicht auflösen, sondern bis zuletzt aufrecht erhalten.

© SZ vom 30.11.2015
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