Tanztheater Wuppertaler Schwebezustand

Adolphe Binder, die Intendatin des Tanztheaters Pina Bausch, wird am heutigen Freitag möglicherweise fristlos entlassen. Die Tänzer sind empört. Aber es gibt auch eine positive Seite.

Von Anne Linsel

An diesem Freitag soll die Entscheidung über die Zukunft des Tanztheaters Pina Bausch in Wuppertal fallen, genauer: über die künstlerische Leiterin und Intendantin Adolphe Binder. Eine Sitzung des Beirats am Mittwoch endete ergebnislos. Der Beirat, in dem Vertreter von Stadt, Land, dem Tanztheater und der Pina-Bausch-Foundation sitzen, will am frühen Freitagabend bekannt geben, ob Binder nach gut einem Jahr im Amt fristlos gekündigt wird. Aber vielleicht gibt es auch eine ganz andere, überraschende Wendung.

Binders Entlassung ist eine Forderung des Geschäftsführers Dirk Hesse. Von Anfang an, so hörte man aus dem Theater, sei Binders Beziehung zur Geschäftsleitung nicht einfach gewesen und habe sich in den vergangenen Monaten zugespitzt. Nach Aussage Hesses habe Binder Absprachen nicht eingehalten, war für wichtige Gespräche wochenlang nicht erreichbar oder habe personelle und finanzielle Absprachen getroffen ohne Wissen der Geschäftsleitung. Mitarbeiter wurden krank, oft wochenlang. Eine Mediation scheiterte.

Hesses schwerwiegendster Vorwurf aber lautet: Adolphe Binder habe keinen realistischen Spielplan für die nächste Saison vorgelegt. Während Oper, Schauspiel und Sinfonieorchester in Wuppertal schon vor Wochen ihre Jahrespressekonferenz abgehalten haben, hörte man vom Tanztheater nichts. Schließlich informierte Hesse den Beirat und forderte Binders fristlose Kündigung. Am Donnerstag vergangener Woche tagte der Beirat zum ersten Mal, ohne eine Entscheidung zu treffen.

Unterdessen ist die Kompanie - wie immer um diese Jahreszeit - auf Gastspielreise in Paris mit dem Stück "Nefès", eine jahrzehntelange Tradition. Die Nachrichten aus Wuppertal platzten mitten in die Umbesetzungsproben: Nazareth Panadero hatte sich verletzt, ihre Rolle musste umbesetzt werden. Binders drohende Ablösung löste Empörung aus. Man habe nichts von den Vorwürfen gewusst, die Tänzer seien nicht an Gesprächen beteiligt gewesen.

Am Samstag dann machten sich Geschäftsführer Hesse und Wuppertals Kulturdezernent Matthias Nocke auf den Weg nach Paris, um die Kompanie zu beruhigen. Ihr Argument: Sie hätten die Tänzer nicht mit den Problemen belasten und beunruhigen wollen. Noch aus Paris ließ die Kompanie wissen, dass sie sich - mit wenigen Ausnahmen - hinter Binder stellt.

Die ganze Affäre, so befürchten viele, belastet das große Vorhaben der Stadt, ein Pina-Bausch-Zentrum im ehemaligen Schauspielhaus zu errichten. Doch es gibt auch eine andere Seite. Sollte es auf eine Trennung von Binder hinauslaufen, gäbe es die Chance, einen Tänzer oder eine Tänzerin, einen Choreografen oder eine Choreografin zu holen. Es müsste jemand vom Fach sein, allerdings ohne den Ehrgeiz, selbst zu choreografieren.

Das hat Tradition in Wuppertal. Arno Wüstenhöfer, ehemaliger Generalintendant, war "gelernter" Schauspieler und Regisseur. Sein Gespür für Talente war legendär. 1973 holte er Pina Bausch nach Wuppertal, nachdem er sie in Essen an der Folkwangschule gesehen hatte.