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Tanztheater:Verbonzung der Städte

Der Palast

Immer schön die Kamera bedienen! Anne Ratte-Polle (vorne links) als Casting-Showgirl in Constanza Macras’ Stück „Der Palast“ an der Berliner Volksbühne.

(Foto: Thomas Aurin)

Zwei knallige Berliner Tanzpremieren zum Thema Gentrifizierung - die eine an der Volksbühne, die andere im Museum Hamburger Bahnhof.

Wo immer man derzeit in Berlin hinhört, geht es um Gentrifizierung, die Abzocker von Deutsche Wohnen & Co und das Heer der Immo-Hasardeure, die Berlin-Mitte mit klotzigen Luxusdomizilen möblieren. Kommunaler Ausverkauf, absterbende Kieze - das Thema hat dramatisches Potenzial. Prompt kommt die Choreografin Constanza Macras daher und knallt einen zweiteiligen Abend auf die Bretter der Volksbühne, der Verdrängern wie Verdrängten Tanzbeine macht und nebenbei mit den Exzessen der Castingshows abrechnet. Ein starkes Stück ist dieser "Palast", errichtet am mietenmäßig hochgejazzten Rosa-Luxemburg-Platz.

Ein paar Kilometer westwärts, gegenüber dem Museum Hamburger Bahnhof, entsteht gerade die Europa-City: Zweckgebäude, so weit das Auge reicht. Der Kontrapunkt ist im Museum installiert, in Form eines Hip-Hop-Spektakels der Flying Steps, die in der E-Kultur mitmischen, seit sie 2010 die Neue Nationalgalerie als Bach-meets-Break-Arena bespielten. Jetzt segeln sie mit der Produktion "Flying Pictures" durch den Hamburger Bahnhof, in Anlehnung an Modest Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung". Das Unternehmen zielt auf Kommerz, liefert trotzdem Kunst - und eine Antwort auf die Frage: Wem gehört die Stadt?

Constanza Macras erzählt ihre "Palast"-Revolte mit lebenden Playmobilfiguren

Für Politik hat Constanza Macras von jeher ein Händchen, wobei ihre jüngeren Arbeiten bisweilen recht fahrig und berechenbar ausfielen: Trash-Ästhetik, voller Witz, Wut und Empörung. Dem Prinzip nach ist auch "Der Palast" nicht anders gebaut. Aber die Stückarchitektin hat hier deutlich mehr Sorgfalt walten lassen, was die Auswahl des Baumaterials betrifft. Das gilt für die Hintergrundfotografien von Tom Hunter, der Alltagsszenen wie Renaissancegemälde arrangiert und so die Plattenbaumisere in ihrer grotesken Hässlichkeit entlarvt. Das gilt für eine famose Spielerschar und fabelhafte Musiker, deren Stimmen und E-Sounds den "Palast" wie Blitze durchzucken. Vor allem aber gilt es für das szenische und dramaturgische Design.

Auftritt rechts: eine Postbotin. Auftritt links: ein Typ im Anzug. Auftritt auf der Empore dahinter: Mann und Frau und Tochter und Schwiegersohn, die gerade eine heiße Nummer schieben. Auf allen Köpfen thronen Plastefrisuren, die Arme sind stocksteif, die Hände im Zangenmodus arretiert, die Schritte ein mechanisches Vorwärts-Stakkato - Macras erzählt eine Gentrifizierungs-Soap mit lebenden Playmobilfiguren. Die Postbotin liefert das Schreiben aus, das der Typ im Anzug ihr übergeben hat. Mama zetert, Papa fällt in Ohnmacht, Frau Doktor rückt an und defibrilliert, dann kommt die Polizei. Denn die Bilderbuchfamilie wirft Backsteine (aus Schaumstoff) auf den Übelkapitalisten und pflanzt Protestschilder auf: "Wir bleiben", "Das ist unser Haus", "Mietenwahnsinn stoppen". Die Botschaft ist klar: Heute müssen Normalos und Leute mit wenig Geld die Trendquartiere räumen, aber morgen fliegen auch ihre besser verdienenden Nachrücker raus. Die Verbonzung der City schreitet munter voran, die Gentrifizierung frisst ihre Kinder.

Um den Wohn- und Daseinsdarwinismus zu überleben, muss jeder maximal effektiv performen. Nicht umsonst hat der Prozess der Selbstoptimierung längst weite Teile der Gesellschaft erfasst, greifen Selfiesucht und Instagram-Manie um sich. Infektionsherd Nummer eins sind die Castingformate, die sich Constanza Macras halb fasziniert, halb angeekelt vorknöpft. Ausgangspunkt ist eine Tanzshow nach dem Muster von "Let's Dance", die turniermäßig aufgemotzten Cha-Cha-Cha und schlüpfrigen Mambo präsentiert, alles hinreißend getanzt, keine Frage. Aber das Drumherum aus hohlköpfiger Jury, Moderatorensprachmüll und Glitter-Flitter-Kulisse - Hommage an den legendären Volksbühnen-Ausstatter Bert Neumann - lässt nur einen Schluss zu: Abschalten, sofort!

Das Tolle an dieser "Palast"-Revolte ist die Penetranz, mit der Macras ihre Beobachtungen so lange zwischen Kopf und Bauch hin und her schaukelt, bis uns die eigene Ambivalenz ins Gesicht springt. Ob Heidi Klums Topmodel-Mimikry oder Bachelor-Budenzauber: All das wird analytisch verdammt und dennoch klammheimlich konsumiert. Mutmaßlich mit toxischer Wirkung für das Ego und sein soziales Netzwerk im wahren Leben.

Die Flying Steps machen eine klare Ansage: Die Stadt gehört allen - und die Kunst sowieso

Bei den Flying Steps im Hamburger Bahnhof ist weniger Gesellschaftskritik im Spiel. Längst haben die urbanen Tanzprofis den räudigen Charme des Straßenpflasters in ein Markenzeichen verwandelt. Was ihnen hier die Mission erleichtert, eine andere, jüngere Klientel ins Museum zu ziehen und Hochkultur-Barrieren abzubauen. Das gelingt "Flying Pictures" mit einer smarten Mixtur aus Break Dance und Ballett, vor allem jedoch dank der gelbgesichtigen Riesenpuppen, die das brasilianische Graffito-Gespann Os Gêmeos entworfen hat: Mit- und Gegenspieler, Traumgestalten und Albtraummonster, die aus dem Nirgendwo auftauchen und genauso plötzlich wieder verschwinden. Der allergrößte Sportsfreund sitzt, aufgeblasen bis zum Hallendach, dem Publikum im Nacken und hat nichts anderes zu tun, als hin und wieder die Leuchtröhren seiner Neonbrille anzuwerfen und auszuknipsen - ein Kerl, imposant wie ein Mammutbaum.

Hinter dem Label Os Gêmeos stecken Zwillingsbrüder, deren Street Art inzwischen auf Fassaden rund um den Globus prangt und auch in München zu finden ist. Dass die Mauerkünstler nun erstmals eine Performance ausstatten, das Museum erobern und so Besucher anlocken, die derlei Veranstaltungen sonst eher fernbleiben - das ist die Ansage dieser "Flying Pictures"-Produktion: Die Stadt gehört allen, und die Kunst sowieso! Wer widerspricht, muss im Macras-"Palast" nachsitzen. Was immerhin eine vergnügliche Lektion ist.

© SZ vom 09.04.2019

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