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Tanztheater:Mit dem roten Herzen

Was macht die Kombination von Mode und Tanz so unwiderstehtlich? Neue Chorografien von Sharon Eyal und Richard Siegal geben die Antwort.

Serge Diaghilew, der legendäre Impresario der Ballets russes, hatte nicht nur ein Händchen für die Kunst, sondern auch für ihre Vermarktung. Das Qualitätssiegel, mit dem er seine Tanztruppe ab 1909 zum Verkaufsschlager machte, hieß "Gesamtkunstwerk". Es entstand als Kooperation sämtlicher Gewerke unter besonderer Berücksichtigung von Bühnen- und Kostümbild. Kein Zufall also, dass der Maestro 1924 die Modemacherin Coco Chanel anheuerte, als er aparte Sporttrikots für sein Riviera-Ballett "Le Train bleu" auftreiben musste. Die Zusammenarbeit markiert den Auftakt der Liaison zwischen Tanzbühne und Laufsteg, deren Timeline mit prominenten Paarungen - etwa Rei Kawakubo und Merce Cunningham, Karl Lagerfeld und das Ballett der Pariser Oper - bestückt ist. Längst ist aus dem einseitigen Deal ein Geschäft auf Gegenseitigkeit geworden. Immer mehr Tänzer posieren als Models, produzieren sich im Fotostudio, auf dem Catwalk oder als Sidekick besonders extravaganter Schauen. Auf diese Weise kam auch das Match zustande, dessen Ergebnis zum Abschluss der Ruhrtriennale über die blankschwarze Bühne der Bochumer Jahrhunderthalle lief: Diors Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri entwarf die hinreißenden Outfits für Sharon Eyals "Chapter 3" und revanchierte sich so für ein Defilee, das die israelische Choreografin 2018 ausgestaltet hatte. Keine vierundzwanzig Stunden nach Eyals Premiere war in Köln ein zweiter Knüller zu besichtigen: "New Ocean", Richard Siegals jüngste Maßanfertigung für sein Ballet of Difference (BoD). Die Garderobe hat der Kompaniechef bei der jungen, hochtalentierten Kleiderkünstlerin Flora Miranda geordert und sich damit - wie einst Diaghilew - einen exquisiten Promofaktor gesichert.

Eyal und ihre Mitstreiter feiern den Spaß des Parship-Zeitalters als salsafiebrige Techno-Party

Was aber macht die Mode-Tanz-Kombination jenseits aller Verkaufsargumente so unwiderstehlich? Darauf geben die beiden höchst unterschiedlichen Produktionen ein und dieselbe Antwort: Alles eine Frage der Form!

Sharon Eyals "Chapter 3 - The Brutal Journey of the Heart" ist das Finale einer Trilogie über die Liebe. Während die Vorläufer "OCD Love" und "Love Chapter 2" ein Inferno der Leidenschaft entfesselten und den Abstieg in die Paarhölle hinterherschoben, heitert das Schlusskapitel nun ins Sinnliche, Genießerische und Genussvolle auf. Eyal, ihr Mitstreiter Gai Behar, der DJ Ori Lichtik und die Tänzer des L-E-V-Kollektivs feiern den unendlichen Spaß des Parship-Zeitalters als salsafiebrige Techno-Party. Dafür steckt Maria Grazia Chiuri die neun Protagonisten in hautfarbene Ganzkörperetuis, überzogen von einem Netz feinster kalligrafischer Adern: Blüten, Sterne, Traumlandschaften und Fabelwesen schimmern auf der Haut wie Tattoos oder aufgemalte Japonerien. Dabei gleicht kein Outfit dem anderen, jedes erzählt eine andere Geschichte. Genauso ver-hält es sich mit den Tänzern, die Diversitäts- und Uniformitäts-Diktate im Handumdrehen entzaubern. Indem sie sich - ungeachtet Herkunft, Geschlecht, Klasse - wie Riffkorallen aneinanderschmiegen, um wenig später einen Platz für sich allein zu beanspruchen. Einzel- und Gesellschaftslogik greifen hier reibungslos ineinander, zumal die Universalie der Icons-Kultur auf jeder Brust prangt: ein knallrotes Herz.

Eyal Chapter 3

Wie Riffkorallen schmiegen sich die Tänzer in Sharon Eyals „Chapter 3“ aneinander.

(Foto: Ursula Kaufmann /Ruhrtriennale)

Sharon Eyals luftiges "Chapter 3" betört das Auge wie ein Schmetterlingsschwarm. Statt Bewegung zu arretieren und den Muskeltonus ins Dauerstakkato zu peitschen, tunt die Choreografin dieses Mal lässige Wechselschritte zum Tanzmotor einer Show, die perfekt komponiert ist - vom Anfangssolo bis zum Spalier in "Soultrain"-Manier gegen Ende.

Mit geradezu mathematischer Exaktheit brandet auch Richard Siegals "New Ocean" gegen die ersten Sitzreihen im Kölner Depot, Ausweichquartier des Schauspiels, das den US-Choreografen und sein BoD als Residenzkünstler beherbergt. Die Dramaturgie des zweiteiligen Abends wird per Zufallsgenerator bestimmt und von einem Algorithmus gesteuert, der mit Eckdaten des Klimawandels operiert - seit 1994.

Damals inszenierte Merce Cunningham, Pionier der Kontingenz-Choreografie, das Opus "Ocean". Siegal greift das Konzept auf, ohne es zu plündern. Schließlich liegen beider Tanzwelten - Postmodernist der eine, Postklassizist der andere - weit auseinander. Was sich bereits an der Kleiderordnung ablesen lässt: Wo seinerzeit bläuliche Leotards dominierten, liefert Flora Mirandas Atelier nun Unisexoberteile in Bandeau-Optik, transparente Leggings und Silberaccessoires, die Lichtkaskaden aus dem Schnürboden auf Hochglanzglitzer polieren.

Siegals Tänzer wirbeln über ein Wellenmeer - zusehends exzessiv und gefährdet

Siegal choreografiert bilderbuchmäßig das Nacheinander von Ebbe und Flut. Vor der Pause entfaltet er sein Bewegungsmaterial in meditativer Andacht und pflanzt es in eine minimalakustische Klangkulisse. Danach dreht nicht nur Alva Notos E-Partitur auf. Vielmehr wirbeln die Tänzer über ein Wellenmeer, das sich als schwarz-weiße Projektion unter ihren Füßen ausbreitet: zusehends exzessiv und gefährdet, weil in der Zivilisationsfalle gefangen und von Naturkräften zermalmt.

New Ocean

In der Zivilisationsfalle gefangen und von Naturkräften zermalmt: Die Tänzer Jemima Rose Dean, Andrea Mocciardini und Long Zou in Richard Siegals Choreografie "New Ocean".

(Foto: Thomas Schermer)

Siegal kommuniziert diese Ideen mit körpersemiotischer Raffinesse, übersetzt sie in verschraubte Positionen, die weder Vor- noch Rückwärts zulassen, oder hochfliegende Beine, sprich: rauschhafte Energieverschwendung. Bis der letzte Tänzer im vernebelten Off verschwindet und ein neuer, ohrenbetäubender Urknall den Kreislauf von Werden und Vergehen schließt.

Das Ballet of Difference macht seinem Namen an diesem Abend alle Ehre: Der langmähnige Long Zou betanzt den Spitzenschuh wie eine russische Primaballerina, und Mason Mannings superblondierte Erscheinung zischt so mysteriös dahin wie Rutger Hauer im Science-Fiction-Film "Blade Runner". München wird aufpassen müssen, dass die Muffathalle nicht zum bloßen Zweitwohnsitz des achtköpfigen Ensembles verkommt. Das Design ist jedenfalls längst international satisfaktionsfähig - sowohl bei Siegal wie bei Eyal. Und beweist zudem, dass Mode als Treibstoff für Tanzeleganz taugt. Fortsetzung erwünscht!