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Tanztheater:"Ich entwickle die Kunst weiter"

Benjamin Millepied bei den Proben zu den „Bach Studies“: ein Abenteuer, das mit barocker Strenge liebäugelt und Technizismen der Gegenwart huldigt.

(Foto: Filip van Roe)

Der Choreograf Benjamin Millepied beherrscht den Mix aus Lässigkeit und Elitismus. Er ist mit seiner Kompanie "LADP" in Wolfsburg zu sehen. Eine Begegnung.

Von Dorion Weickmann

Zuerst die schlechte Nachricht: Natalie Portman wird nicht in Wolfsburg aufkreuzen. Das heute beginnende Tanzfestival "Movimentos" muss ohne die Hollywood-Größe auskommen, kann aber, und das ist die gute Nachricht, mit dem "L.A. Dance Project" (LADP) ihres Mannes renommieren. Benjamin Millepied ist zwar nicht ganz so berühmt wie seine Gattin, die er 2009 bei den Dreharbeiten zu "Black Swan" kennenlernte. Aber er ist einer der ambitioniertesten und erfolgreichsten Choreografen der Gegenwart, abgesehen von einem allerdings heftigen Ausrutscher in Paris. Von diesem Einschnitt berichtet Millepied ganz offenherzig, als man ihm nach langem Termingerangel endlich gegenüber sitzt. Doch dazu gleich mehr.

Chaos entsteht jedenfalls schon mal, weil der viel beschäftigte Künstler auf Assistenten verzichtet. Er organisiert sich selbst per Smartphone: "Ich sorge persönlich für das Durcheinander". Fest steht, dass die Movimentos-Macher mit Millepieds LADP ein erstklassiges Deutschlanddebüt eingekauft haben. Wie es sich für ein privat finanziertes Kulturunternehmen mit Sitz Los Angeles gehört, versteht sich die 2012 gegründete Kompanie auf High-End-Erzeugnisse wie Low-Budget-Produktionen gleichermaßen.

Bei den Movimentos bringt sie ihre Hochglanzpalette zum Einsatz, passend zum Profil der Festwochen, die dieses Jahr mit einer Novität aufwarten: Der neue, am Nordrand des VW-Hafenbeckens errichtete Aufführungsort "Hafen 1" wird in Betrieb genommen.

Ob der Riesenkasten den Verlust der bisherigen Spielstätte, des denkmalgeschützten "Kraft-Werk", wettmachen kann, bleibt abzuwarten. Dagegen liest sich das Aufgebot an internationaler Tanzelite spektakulär wie eh und je. Für die Eröffnung hat Ballett-Avantgardist Édouard Lock eine Auftragsarbeit mit der "São Paulo Dance Company" vorbereitet, danach präsentieren die "Ballets Jazz" aus Montréal eine Hommage an Leonard Cohen. Deborah Colkers "Companhia de Dança" stimmt eine getanzte Eloge auf die brasilianische Heimat an, der britische Beitrag greift nach dem Mythenschatz Europas: Russell Maliphants "The Thread" begibt sich ins Labyrinth des Minotaurus.

Ziemlich genau zwischen Aufputscher und Absacker des Festivals geht Millepieds LADP an den Start, mit einem dreiteiligen Programm, durchweg vom Chef choreografiert. "Orpheus Highway" beeindruckt als spannungsreiche Aktualisierung des antiken Stoffs, "Homeward" als Tribut an den Minimalismus. Dazwischen sitzen die "Bach Studies": ein Abenteuer, das mit barocker Strenge liebäugelt und zugleich den Technizismen der Gegenwart huldigt. Millepieds Ansatz ist ein Mix aus amerikanischer Lässigkeit und französischem Elitismus, was seiner eigenen Prägung entspricht.

Warum er ausgerechnet in LA arbeitet? "Null Subvention, das ist die Herausforderung!"

Geboren in Bordeaux, ausgebildet in Lyon und New York, tanzte er sich als Erster Solist des New York City Ballet durch den Kosmos von George Balanchine und Jerome Robbins. 2005 renovierte er in Genf den abgegriffenen "Nussknacker", wenig später lieferte er ein brillantes Solo für Mikhail Baryshnikov ab. Seinen Marktwert vergoldeten fortan Auftraggeber bis hin zur Pariser Oper. Als Dividende erhielt er lukrative Werbeverträge und das "Black Swan"-Mandat.

So sagt er es selbst, als man ihn endlich in Antwerpen zu fassen kriegt. Auf einen Cappuccino, genau eine Stunde, bevor sich beim "Ballet Vlaanderen" der Vorhang für eine erweiterte Version der "Bach Studies" hebt. Millepied lässt sich in den Stuhl fallen, nestelt sein Handy heraus: "Ok, let's go!" Wer den Anflug von Übellaunigkeit ignoriert und seine Selbstbeschreibung berücksichtigt - "Ich bin ungeduldig und impulsiv" -, der erhält ein paar aufschlussreiche Antworten.

Zum Beispiel auf die Frage, wieso er sich ausgerechnet in L.A. eine eigene Company zugelegt hat. Millepied streicht sich den Bart, rutscht Richtung Stuhlkante: "Null Subvention, das ist die Herausforderung! Und ich muss nicht länger als One-Man-Show unterwegs sein."

Inzwischen beschäftigt er zwölf angestellte Tänzer für ein Repertoire, das Experimentelles von Ohad Naharin ebenso beinhaltet wie getanztes Art déco von Justin Peck. Und er findet zahlende Zuschauer dafür. Nicht umsonst eilt ihm der Ruf voraus, ein 1A-Kontakter zu sein. Er hat schnell einen Draht zu Leuten, obwohl er kein Blatt vor den Mund nimmt.

Ob Nahostpolitik, Rechtspopulismus oder US-Präsident, im Gespräch zeigt sich Millepied informiert wie meinungsfreudig. Die USA geißelt er für das Klima der Unfreiheit unter Trump, Europa sieht er "in schwerem Fahrwasser." Bei aller Politskepsis fällt dem Zweiundvierzigjährigen aber auch ein Anti-Verdruss-Rezept ein: seine Kinder. Mit der Ankunft von Aleph und Amalia Portman-Millepied, acht und zwei Jahre alt, habe sich die Sinnfrage geklärt und die Überzeugung durchgesetzt: "Jeder kann die Welt verändern. Ich entwickle die Kunst weiter, das ist mein Beitrag." Damit ist er allerdings auch schon auf Grund gelaufen: In Paris, wo er 2014 die Direktion des Pariser Opernballetts und damit den prestigeträchtigsten Posten der westlichen Tanzwelt übernahm.

Im Oktober starten die Dreharbeiten für seinen ersten Spielfilm "Carmen"

Eineinhalb Jahre später verkündete Millepied via Twitter seinen Rückzug. Angetreten mit dem Vorsatz, das Profil der Traditionskompanie zu entstauben und für mehr Diversität, Offenheit, Innovation zu sorgen, ist er auf ganzer Linie gescheitert. Dass er ohne eine Hausmacht das Amt antrat, sieht er heute selbstkritisch: "Ich wollte die Chance nicht verpassen, so ein Angebot kriegst Du wahrscheinlich nur ein einziges Mal im Leben!" Die Verlockung endete in der Sackgasse, als er begriff: "Man kann in diesem verhärteten System nichts verändern. Für diesen Job musst du Politiker oder Diplomat sein. Mich aber hat er unglücklich gemacht, zutiefst unglücklich." Der Abschied fiel schwer, doch "zu bleiben, wäre noch schlimmer gewesen."

Millepied hält die Ballettwelt insgesamt für konservativ und Machtmissbrauch für ein verbreitetes Phänomen. Überkommene Hierarchien, altmodische Frauenbilder, der Choreograf kritisiert eine Menge an der klassischen Tanzkunst. Natürlich liebt er sie trotzdem, aber er hat auch schon Alternativen für sich entdeckt. Die Filmregie zum Beispiel, bislang vor allem für Mehrminutenformate. Im Oktober starten nun die Dreharbeiten für seinen ersten Spielfilm "Carmen". Mit Bizets Oper ist er aufgewachsen, in der Hauptfigur erkennt er vertraute Züge der eigenen Mutter . . . "aber halt! Soviel wollte ich öffentlich ja gar nicht verraten!"

Das Zeitlimit ist jetzt sowieso überschritten, Millepied packt seine Siebensachen. Er muss sich noch in Schale werfen und seine Frau einsammeln. Zwei Stunden später feiert das Promi-Paar ganz bescheiden im Foyer der Vlaamse Opera. Eine Handvoll Freunde, Kollegen, kein Fotograf ist in Sicht. Auf Diskretion verstehen sie sich doch auch in Wolfsburg. Vielleicht geht da ja doch noch was?

© SZ vom 19.07.2019

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