Tanztheater Die Herrschaften quälen immer noch Albträume

Macht, Gier, Mord, Schuld, Angst. War da sonst noch was? Vielleicht dies: Wenige Originalzitate. Getanzt wird fast nicht: Szene aus Pina Bauschs noch immer eindrucksvollem Stück „Er nimmt sie an die Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen“.

(Foto: © Uwe Stratmann)

Wuppertal feiert das Wiedersehen mit Pina Bauschs "Macbeth"-Paraphrase "Er nimmt sie an der Hand ..."

Von Anne Linsel

Der Salon einer alten Villa. Hinter hohen Fenstern und einer Flügeltür dämmert der Morgen. Nach und nach werden Personen erkennbar, die auf Sesseln, Sofas oder auf dem blutroten Boden lagern. Völlige Stille. Nach langer Weile eine erste Regung, ein kurzes Stöhnen. Ein Mensch bewegt sich, dann andere, bis alle sich drehen, rekeln, hochschrecken, aufschreien, sich von einer Seite auf die andere wälzen - langsam, dann immer schneller und immer lauter. Bis die Unruhe abebbt und alle wieder im Schlaf versinken. Kein Zweifel: Die Herrschaften quälen Albträume.

Es ist der Beginn des Stückes mit dem Titel "Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen" von Pina Bausch, eine Macbeth-Paraphrase nach William Shakespeare aus dem Jahr 1978. Unter der neuen Intendantin Bettina Wagner-Bergelt ist diese Wiederaufnahme und Neueinstudierung im Wuppertaler Opernhaus die zweite nach 29 Jahren. Geleitet wurde sie von Jo Ann Endicott, die 1978 als junge Tänzerin bei der Uraufführung dabei war.

Pina Bauschs Macbeth-Bearbeitung holt das Stück in den Alltag, in die Wirklichkeit hinein. Die Themen und Motive des Dramas - Machtgier, Mord, Schuld, Verrat, Angst - werden in eine eindringliche Körpersprache übersetzt und als Fragmente montiert. Zu hören sind wenige Originalzitate von Shakespeare. Getanzt wird (fast) nicht.

Die sieben Tänzerinnen und Tänzer und die beiden hervorragenden Schauspieler (Johanna Wokalek als Lady Macbeth und Maik Solbach als Macbeth) laufen und rennen über die Bühne, springen, schreien, werfen sich auf die Möbelstücke. Die Männer tragen die Frauen fort, legen sie auf einem Schrank oder auf einem Klavier ab. Zwischendurch schütten sie Spielzeug aus großen Pappkartons auf den Boden. Kinderlieder erklingen, Kinderspiele und der Streit um das Spielzeug weisen den Blick zurück in die Kindheit: Macht- und Besitzgier beginnt schon im Kinderzimmer.

Gesten und Zeichen verraten verzweifelte Versuche von Vertuschung, Verdrängung und Verlegenheit. Sprachfloskeln und Anstandsanweisungen demonstrieren, dass die gutbürgerliche Fassade muss aufrecht gehalten werden muss. Wenn alle Akteure gegen Ende in rasendem Tempo in der Diagonale die Bühne überqueren und das gesamte Repertoire ihrer Gesten vorführen, dann sind dies fulminante Momente.

Begeistert erzählt Johanna Wokalek von Morden - als wären es Kinderüberraschungen

Die Macbeth-Handlung erzählt Johanna Wokalek fortlaufend als Märchen vom "Ritter M". In der Premiere war dies die Rolle von Mechthild Großmann. Mit kindlich hohem Ton und muskelprotziger Triumphgeste berichtet Wokalek begeistert, wie das Blut fließt, wenn Köpfe abgeschlagen werden - da klingen die Morde wie eine Überraschung auf einem Kindergeburtstag.

Als letztes Bild wiederholt Oleg Stepanov noch einmal dieses anrührende Bild von Sehnsucht und Einsamkeit, zur Musik von Chet Atkins, wie er mit ausgebreiteten Armen, in denen er eine imaginäre Partnerin hält, fast über die Bühne schwebt. Es ist ein großer Tanztheaterabend, der in seiner Radikalität und Kühnheit zeitlos geblieben ist. Und der Beifall ist groß.

Das war 1978 anders. Dieser Macbeth war eine Auftragsarbeit für Pina Bausch von Peter Zadek, damals Intendant des -Bochumer Schauspiels. Die Uraufführung geriet zum Skandal. Die Mitglieder der in Bochum tagenden Shakespeare-Gesellschaft, darunter eine große Anzahl an Professoren, pöbelten lautstark gegen diese Inszenierung. Da trat Jo Ann Endicott an die Rampe und forderte die Schreier auf, nach Hause zu gehen, damit sie in Ruhe auf der Bühne weiterspielen könnten. Ein -Donnerschlag. Danach war Ruhe.

Dieser Macbeth ist ein Schlüsselwerk von Pina Bausch. Nach vierzig Jahren und nach über 40 Pina-Bausch-Stücken ist zu entdecken, dass die Körpersprache und Stilmittel schon damals bis ins Detail angelegt waren: das Prinzip von Wiederholung, Verfremdung, simultaner Abläufe, das Benutzen der Diagonalen, Kleiderwechsel auf offener Bühne und vieles mehr.

Pina Bausch hat bei dieser Arbeit auch zum ersten Mal Fragen an ihr Ensemble gestellt, Fragen, so erzählte sie später, die sie selbst an das Stück hatte. Diese Methode des Fragens hat die Choreografin bis zu ihrem Tod vor zehn Jahren beibehalten.

Macbeth war das letzte Stück von Pina Bausch, das sie nach einem vorgegebenen Text oder mit festgelegter Musik wie beispielsweise Orpheus, Iphigenie oder das Frühlingsopfer choreografiert hat. Nach dem Bochumer Macbeth begann für Pina Bausch der Weg der Menschenerkundung im Tanz frei von Vorgaben. Es war ein Weg, der sie zum Weltruhm führte.