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Tanztheater:Das Wunder von Wuppertal

Pina Bauschs Truppe soll in Wuppertal eine Spielstätte erhalten. Im Bild Joana de Andrade 2016 bei einer Bausch-Premiere in München.

(Foto: Winfried Hösl)

Das Werk von Pina Bausch wurde zum national bedeutsamen Erbe erklärt. Nun müssen dem nur noch Taten folgen. Mit einigem Aufwand und Kosten soll darum ein Tanztheater-Zentrum an ihrer berühmten Wirkungsstätte in der Stadt Wuppertal entstehen.

Von Anne Linsel

Am 24. September 1966 wurde in Wuppertal, in Sichtweite zur Wupper und Schwebebahn, ein Schauspielhaus mit 750 Plätzen eröffnet. Entworfen von Gerhard Graubner, ist es eines der schönsten Theaterbauten der Nachkriegszeit. Wenn an diesem 24. September an die Eröffnung vor 50 Jahren erinnert wird, dann blickt das Schauspielhaus auf eine ruhmreiche Vergangenheit, eine triste Gegenwart und doch eine hoffnungsvolle Zukunft: es soll zu einem Pina-Bausch-Zentrum umgewandelt werden.

Als Arno Wüstenhöfer 1964 zum Generalintendanten der Wuppertaler Bühnen berufen wurde, übernahm er ein Schauspiel, das überregional bekannt war. Mit einem Gespür für Talente - hier inszenierten unter anderem Claus Peymann, Jürgen Flimm, Luc Bondy, Peter Zadek, Hans Neuenfels, es spielten Rosel Zech, Bernhard Minetti, Matthias Habich, Gottfried John -, mit Mut zum Risiko und etlichen Ur- und Erstaufführungen festigte er schnell den Ruf eines aufregenden Theaters in politisch unruhigen Zeiten.

Wüstenhöfer setzte um, was Heinrich Böll in Anwesenheit von Bundespräsident Heinrich Lübke zur Eröffnung des neuen Schauspielhauses in einer skandalträchtigen Festrede über die Freiheit der Kunst gesagt hatte: Kunst müsse Grenzen überschreiten, sie müsse "zu weit gehen".

Wüstenhöfers wichtigste künstlerische Entscheidung war das Engagement von Pina Bausch 1973 zur neuen Ballettdirektorin. Er hatte die noch unbekannte Tänzerin in Essen an der Folkwangschule entdeckt. Sie ging mit ihrem Tanz-Theater immer "zu weit", kämpfte in den ersten Jahren gegen Zuschauer-Tumulte, bis sie als "Königin des Tanzes" gefeiert wurde. Zuerst bespielte sie nur die Opernbühne, seit Mitte der Achtzigerjahre gab es jährlich auch eine Produktion für das Schauspielhaus. Pina Bausch hat weitere fünf Intendanten erlebt und sich an deren Seite, wann immer die Schließung des Schauspiels aus Spargründen drohte, für den Erhalt aller drei Sparten eingesetzt. In allen Interviews betonte sie, wie wichtig der Austausch und das Miteinander der verschiedenen Künste sei, so, wie sie es als Tanzstudentin an der Folkwangschule erlebt hat.

Schon lange war in Wuppertal klar, dass beide Häuser, Oper und Schauspiel, saniert werden mussten. Aber die Politik hatte diese Aufgabe jahrelang ignoriert. Schließlich wurde das Opernhaus von 2006 bis 2009 grundsaniert. Danach war in der verschuldeten Stadt für die vom Stadtrat ebenfalls beschlossene Sanierung des Schauspielhauses kein Geld mehr übrig. Zunächst gab es noch eine Betriebserlaubnis für eine kleine Spielstätte im Foyer, bis das Haus durch die Bauaufsichtsbehörde im Juni 2013 geschlossen wurde.

Alle bundesweiten Protestaktionen und Menschenketten vom Schauspielhaus bis zur Oper durch das Wupper-Tal konnten diese Schließung nicht verhindern. Seitdem verrottet das denkmalgeschützte Haus vor sich hin. Schauspiel gibt es nur noch unter Minimalbedingungen mit einem Ensemble von neun festen Mitgliedern, das manchmal mit Gästen aufgestockt wird. Gespielt wird im Opernhaus, meist aber im "Theater am Engelsgarten", einer mit Spenden und Stiftungsgeldern umgebauten Lagerhalle mit 150 Plätzen.

Der plötzliche Tod von Pina Bausch im Juni 2009 war ein Schock, ein tiefer Einschnitt für das Tanztheater, für die Stadt. Denn Pina Bausch war längst zum Markenzeichen geworden, das weltberühmte Tanztheater Wuppertal der wichtigste Kulturexport. Wie konnte man das Erbe von Pina Bausch lebendig erhalten?

Die Bundespolitik reagierte mit einer überraschenden Entscheidung: Pina Bausch und ihr Werk wurden 2012 als zu wahrendes, national bedeutsames Erbe im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Die Aufgabe der Wahrung soll nun in Wuppertal mit einem Pina-Bausch-Zentrum, das im Schauspielhaus angesiedelt wird, umgesetzt werden. Die ersten Hürden auf dem Weg bis zur geplanten Eröffnung 2022 bei Kosten in Höhe von 58,4 Millionen Euro sind genommen. Für den Umbau und einen Anbau hat der Bund 29,2 Millionen zugesagt, die andere Hälfte müssen sich Land und Stadt teilen, "in einem noch festzulegenden Verhältnis", wie Stadtdirektor und Kämmerer Johannes Slawig betont.

Die Stadt wird die Folgekosten dieses prestigeträchtigen Projekts nicht allein tragen können

Das Nutzungskonzept für das Zentrum wurde von Stefan Hilterhaus, dem künstlerischen Leiter von Pact Zollverein, dem Tanz-Zentrum in Essen, erstellt. Danach soll das Bausch-Zentrum von "vier Säulen" getragen werden: dem Tanztheater Wuppertal, der Pina-Bausch-Foundation, einem Produktionszentrum für internationale Kompanien und einem Bürgerforum. Das Tanztheater, das im nächsten Jahr mit Adolphe Binder eine neue künstlerische Leiterin bekommen wird, soll eine eigene Spielstätte erhalten. Die Pina-Bausch-Foundation mit Salomon Bausch als Geschäftsführer digitalisiert den künstlerischen Nachlass von Pina Bausch und schafft ein Archiv "als offenen Ort des Lernens und der Begegnung". Ein Produktionszentrum bietet Projekten freier internationaler Ensembles Raum für Proben, Uraufführungen und Deutschlandpremieren. Im noch kaum umrissenen Forum "Wupperbogen" will man Fragen der Zeit im Dialog mit den Bürgern verhandeln.

Ob das Ziel eines "international leuchtenden" Pina-Bausch-Zentrums erreicht wird, hängt vor allem von den Folgekosten ab. Die Stadt allein kann sie nicht tragen. Würde die Stadt also notfalls ihre Sparten Schauspiel oder/und Oper aufgeben, um das Zentrum zu halten? Das schließe er aus, so Kämmerer Slawig. Und Dirk Hesse, Geschäftsführer des Tanztheaters Wuppertal: "Das würden wir niemals mittragen." Es wäre ja auch ein Verrat an Pina Bausch.

© SZ vom 01.09.2016

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