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Tanz:Schönheit um jeden Preis!

In „Shakespeare-Sonette“ zeigen junge Choreografen, wie sie auf dem Weg sind, eine eigene Handschrift zu entwickeln.

(Foto: Kiran West)

Drei Choreografen machen in Hamburg aus Shakespeares Sonetten einen Ballettabend und eine Analyse der Gegenwart.

Wenn sein Vertrag 2023 ausläuft, wird John Neumeier das Ballett der Freien und Hansestadt Hamburg ein halbes Jahrhundert regiert haben. Kronprinz oder Kronprinzessin? Bisher nicht in Sicht. Im Februar ist der Maestro 80 Jahre alt geworden, im Dezember bringt er seine nächste Premiere heraus. Die Eröffnung der Ballett-Tage aber, Krönung und Abschluss der Saison, hat Neumeier in diesem Jahr drei Nachwuchskräften überlassen. Sehr gute Idee, weil die Bühne der Staatsoper bislang mehr oder minder exklusiv vom Chef bespielt worden ist. 2012 gab es zwar einen Verjüngungsversuch namens "Renku", der aber blieb epigonal in den Umrissen der Neumeier-Ästhetik stecken. Insofern war die Frage, die das nunmehr auf "Shakespeare-Sonette" angesetzte Trio zu beantworten hatte, ganz klar: Kann es sich vom Stil des Altmeisters emanzipieren? Zumal von ihm ja der Einfall kam, die 154 Gedichte - beziehungsweise ihre Liebes-, Leidens- und Todes-Essenzen - in einen Ballettabend zu verwandeln.

Wider alle Erwartungen und trotz dramaturgischer Macken ist der Ertrag künstlerisch überzeugend. Was Aleíx Martinez, Marc Jubete und Edvin Revazov aus dem Shakespeare-Material herausholen, ist eine kantige, hellsichtige Analyse der Gegenwart.

Die drei Neulinge sind Hausgewächse des Hamburg Balletts, sprich: Tänzer aus den eigenen Reihen, Publikumsmagneten, für die selbst vornehme Hanseaten Schlange stehen. Der älteste, Edvin Revazov, bleibt ein Quäntchen zu unterkühlt und konventionell in seinen von Minimal-Music-meets-Techno untermalten Passagen. Auf den Spitzenschuh will er so wenig verzichten wie auf das Ganzkörpertrikot, nicht zum Vorteil seiner Akteure. Dagegen drehen Martinez und Jubete nicht nur alle Regler ihrer Fantasie voll auf, sondern suchen die Nähe zeitgenössischer Tanzsprachen von Sidi Larbi Cherkaoui, Hofesh Shechter oder Akram Khan. Damit wird Neumeiers klassische Rhetorik überblendet und annonciert: Hier sind zwei Youngster auf dem Weg, eine eigene Handschrift zu entwickeln, was hierzulande bislang fast ausnahmslos in der Talentschmiede des Stuttgarter Balletts geglückt ist.

In zwei Teilen, deren Unterkapitel die Choreografen jeweils wechselweise bestücken, baut "Shakespeare-Sonette" zwei metaphorische Schauplätze auf: Natur und Kultur, versinnbildlicht durch einen interstellaren Raum und eine Art Menschenfabrik, die an Gunther von Hagens Plastinier-Werkstätten erinnert. Aleíx Martinez lässt dort unter Purcell- und Gershwin-Klängen aus Humanmaterial - Armen, Beinen, echten Tänzern - Avatare zusammenstöpseln: lauter Klone mit weißgrauem Bob, Gesichtsmaske, elisabethanischer Halskrause und rosa Outfit. Zuletzt stehen diese queeren Lady-Gaga-Lookalikes in riesigen Vitrinen herum, wenn sie nicht gerade zu Marilyn Monroes "I wanna be loved by you" ein paar Bewegungsreflexe trainieren. Martinez zeichnet das Bild einer oberflächlich optimierten, subkutan verfaulten Welt, die nichts anderes kennt als Schönheit um jeden Preis. Auch den der Auslöschung des Individuums. Der Opfergang wird als surreales Spektakel zelebriert, das an Luis Buñuels kinematografische Exzesse anknüpft, grausam und elektrisierend zugleich.

Shakespeares Sonette huldigen der Schönheit, in Gestalt eines mysteriösen Freundes, der Dichtung und jener Dark Lady, deren sinnlicher Schatten sich zwischen die Zeilen krallt. Die Kraft dieser Obsessionen verdichten Martinez und Jubete im zweiten Teil, indem sie Werden und Vergehen, Einsamkeit und Exzentrik gegeneinander schneiden. Anrührend, wie sich Alt und Jung im Spiel der Handflächen begegnen, wie der knapp 50-jährige Lloyd Riggins und der allenfalls zehn, elf Jahre alte Joaquin Alcazar einander in die Augen und die Seelen schauen. Aufwühlend, wie sich Patricia Friza gegen die Wände ihres gläsernen Gefängnisses wirft, lebendig begraben, dem Tod geweiht, Henry Purcells Klage der Dido als letzte Begleitung: "When I am laid in Earth." Ein Moment, der die Zeit stillstehen lässt. Bis Marc Jubete die Überwältigung hinweg zaubert, mit dem Endlosband eines Pas de trois auflöst, der drei Körper so sanft bewegt wie ein Frühlingswind die Bäume.

"Shakespeare-Sonette" ist ein Anfang, vielleicht wegweisend für die Zukunft des Hamburg Balletts. Von Silvia Azzoni über Hélène Bouchet bis Patrizia Friza haben sich dessen erfahrene Spitzenkräfte derart hingebungsvoll in die Entwürfe ihrer jungen Kollegen gekniet, dass es eine Freude ist. Auf diese Leistung kann jeder von ihnen stolz sein. Und vorneweg der, der sie ermöglicht hat: John Neumeier.