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Tanz:Her mit den Gärtnerinnen!

Im Tanz regieren Frauen die Bühne, aber selten das Direktionsgeschäft. Diese patriarchale Schlagseite erzeugt eine Schieflage im ganzen System. Und das, obwohl an talentierten weiblichen Köpfen kein Mangel herrscht.

Von Dorion Weickmann

In Sachen Tanz haben Wuppertal und Trier neuerdings etwas gemeinsam. Hier wie dort stand bislang eine Frau an der Spitze des städtischen Tanzensembles. Hier wie dort musste sie das Feld räumen. In Wuppertal ist Intendantin Adolphe Binder gekündigt worden: Ob der Rauswurf wirksam ist, wird demnächst das Arbeitsgericht entscheiden. In Trier endete Susanne Linkes Vertrag, ihr Job wandert nun in männliche Hände. Keine originelle Lösung, haben im Tanz doch traditionell die Herren das Sagen, getreu der Devise, die der Choreograf George Balanchine vor Jahrzehnten ausgab: "Das Ballett ist eine rein weibliche Angelegenheit", nämlich "ein Garten voller schöner Blumen, und der Mann ist der Gärtner".

Die Ballerinen-Gewächse seines New York City Ballet wurden seit Balanchines Tod fast dreißig Jahre lang von Peter Martins gezüchtet. Nach dem Abgang des Topmanagers, dem #MeToo zum Verhängnis wurde, wetteten Insider auf die rasche Bestellung einer Nachfolgerin. Eine vage Hoffnung, mehr nicht. Dabei muss man gar nicht lange suchen, um passende Kandidatinnen - mit dem Balanchine-Repertoire vertraute und leitungserfahrene Künstlerinnen - auszumachen. Suzanne Farrell oder Kyra Nichols, einst Musen des Meisters, könnten das Direktionsgeschäft vermutlich aus dem Stand übernehmen. Stattdessen wird Nordamerikas einflussreichste Truppe bis auf Weiteres von einem Interims-Quartett geführt, bestehend aus: drei Männern und einer Frau. Was sich immer noch fortschrittlicher ausnimmt als die Besetzungsquote an deutschen Theatern. Derzeit befindet sich nur ein Fünftel der insgesamt knapp sechzig Tanzensembles in weiblicher Obhut. Tendenz: fallend.

Wie lange will es sich der Tanz noch leisten, hochbegabte Frauen links liegen zu lassen?

Aber ist die männliche Dominanz überhaupt ein Problem? Zählt nicht am Ende allein die Befähigung? Schön wär's. Wer sich umhört, macht die erstaunliche Entdeckung, dass die Berufungspolitik anderen Gesetzen gehorcht. Virve Sutinen, Kuratorin des gerade laufenden Berliner Festivals "Tanz im August", schwankt im Blick auf die Rekrutierungspraxis zwischen Empörung und Resignation: "Generell ist es so, dass Männer den Job kriegen, obwohl sie weniger Qualifikationen und Erfahrungen vorzuweisen haben als Frauen. Es herrscht immer noch patriarchale Hegemonie, und die einschlägigen Netzwerke sind intakt." Geradezu bestürzend findet Sutinen die Entlassung Binders in Wuppertal - auf Betreiben des Geschäftsführers: "Im Zweifelsfall werden die Männer geschützt, die Frauen geopfert. Die Struktur gibt das her, denn die Mehrheit der Entscheider sind Männer. Übrigens auch in meiner angeblich so fortschrittlichen Heimat Finnland."

Die patriarchale Schlagseite erzeugt in der Tanzwelt eine Schieflage des ganzen Systems. Denn Ballerinen stellen von jeher mindestens die Hälfte der Belegschaft. Sie prägen häufig die Bühnenästhetik, haben es jedoch hinter den Kulissen fast immer mit männlichen Choreografen und Vorgesetzten zu tun. Was gespielt, wie besetzt, wann geprobt, wer gefördert und befördert wird - darüber befinden mehrheitlich Prinzipale. Ob Prinzipalinnen andere Prinzipien und Prioritäten verfolgen, lässt sich empirisch kaum einschätzen. Insgesamt hat die Wissenschaft allerdings hinlänglich dokumentiert, dass Frauen anders führen, kommunizieren, konkurrieren und agieren - es sei denn, sie müssen es unter allen Umständen den Kerlen gleichtun.

Allen Widrigkeiten zum Trotz kann sich die weibliche Leistungsbilanz im Tanz durchaus sehen lassen. Es war Konstanze Vernon, die das Bayerische Staatsballett aus der Taufe hob - und ihre Dramaturgin Bettina Wagner-Bergelt, die einen Betriebskindergarten miterkämpfte. Es war die scheidende Heidelberger Spartenleiterin Nanine Linning, die ein verglastes Studio einführte, um Alltagsbrücken zur Stadtgesellschaft zu schlagen. Es war Silvana Schröder, Chefin des Thüringer Staatsballetts, die das Nachwuchsprogramm hälftig von Choreografinnen und Choreografen bestücken ließ. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, faktisch indes ist ein auf Ausgleich zielendes Denken, Disponieren und Planen noch immer die Ausnahme. Wie lange aber kann und will sich der Tanz hierzulande noch leisten, hochbegabte Frauen links liegen zu lassen? Choreografinnen wie die in Frankfurt beheimatete Kanadierin Crystal Pite, die niemand in Deutschland hielt, obwohl ihre künstlerische Exzellenz sich frühzeitig abzeichnete?

Pite arbeitet inzwischen an den renommiertesten Häusern der Welt. Den Weg dorthin haben ihr vor allem eine Handvoll Frauen in Führungspositionen geebnet. Zuletzt Aurélie Dupont, seit 2016 Direktorin des Pariser Opernballetts - und zugleich ein Beispiel dafür, dass Intendantinnen ohne männliche Patronage noch immer aufgeschmissen sind. Dupont geriet kürzlich ins Kreuzfeuer der Kritik, nachdem die niederschmetternden Ergebnisse einer Betriebsumfrage publik wurden. Je länger sie schwieg, um so lauter wütete der Protest. Erst als Generalintendant Stéphane Lissner sich schützend vor Dupont stellte, ebbte die Aufregung ab.

Konflikte laufen auch im Tanz nicht selten nach stereotypen Mustern ab. Männer kalkulieren das Risiko und gehen zum Angriff über, sobald sie die Chance auf Durchsetzung ihrer Interessen wittern. Frauen setzen eher auf Diplomatie und Deeskalation und ziehen damit nicht selten den Kürzeren. So erging es offensichtlich nicht nur Adolphe Binder in Wuppertal, auch Aurélie Dupont scheint in Paris von den Ereignissen überrollt worden zu sein.

Doch die Machtfrage muss gestellt und die Hälfte der Herrschaft beansprucht werden. An talentierten Köpfen herrscht kein Mangel. Vielleicht brauchen sie nur Ermutigung - Frauen wie die Stuttgarter Ex-Ballerina Katarzyna Kozielska oder ihre Berliner Kollegin Nadja Saidakova: eigenwillige, durchsetzungsfähige Künstlerinnen, die das Zeug zur Ansage haben. Falls sich die Choreografin Sasha Waltz ab 2019 als Co-Intendantin des Berliner Staatsballetts bewährt, wäre das ein Aufbruchssignal. Ein Wegweiser für dann hoffentlich auch paritätisch besetzte Findungskommissionen.

© SZ vom 27.08.2018

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