Tanz Der Überflieger

Sergei Polunin in seinem Element - der Luft.

(Foto: imago)

Er sprang höher als alle anderen und war der jüngste Tanzstar am Londoner Royal Ballet. Bis die Qualen der Disziplin zu groß wurden. Danach galt Sergei Polunin als böser Bube der Tanzwelt - aber München gibt ihm noch eine Chance.

Von Sonja Zekri

Es gibt eine Szene von den Dreharbeiten zu Sergei Polunins bekanntestem Video, darin sieht man einen hölzernen Saal auf Hawaii, blendendes Weiß in endlosem Grün. In einer Ecke drängen sich der Regisseur David LaChapelle, der Choreograf, Kameraleute und eine Drohne, in der anderen kauert Polunin. Niemand weiß, dass dies der Moment ist, in dem er innerlich Bilanz zieht, in dem er sich vom Ballett schon fast verabschiedet hat. Dann setzt er zu einem Sprung an, einem Spagat in der Luft. Er macht drei Schritte. Und fliegt. So gewaltig, so mühelos ist dieser Satz, und widerlegt auf so lässige Weise die Behauptung, der Mensch sei durch die Schwerkraft an die Erde gebunden, dass der Kameramann verblüfft, fast erschütter ruft: "Jesus."

Bis heute wurde Polunins Tanzvideo zu Hoziers Song "Take me to Church" 17 Millionen Mal geklickt. Kleinkinder tanzen dazu vor dem Bildschirm, Ältere strömten in die Ballettschulen. Soeben ist in Amerika und einigen englischsprachigen Ländern der Dokumentarfilm "Dancer" von Steven Cantor über Sergei Polunin herausgekommen. Polunin macht noch mehr Mode-Shootings als früher, wird demnächst in Kenneth Branaghs "Mord im Orient-Express" mit Johnny Depp spielen, dann mit Jennifer Lawrence in dem Agentenfilm "Red Sparrow". Am nächsten Donnerstag tanzt er in München im "Spartacus". Es ist das Ereignis der Ballettsaison.

Sergei Polunin, so sehen es die einen, ist der spektakulärste Tänzer seiner Generation, ein Erbe, ja, Vollender der Kunst Rudolf Nurejews und Mikhail Baryshnikovs, ein Rebell, ein Erneuerer, der eine wunderbare, aber durchaus isolationistische Kunst für andere Ausdrucksformen öffnet und möglicherweise rettet. Im Gegenteil, argumentieren die anderen, Sergei Polunin enthält dem Ballett aus Ruhmsucht und Bequemlichkeit das Wertvollste vor, was er zu geben hat: sich selbst.

Wenn er dann vor einem sitzt, im schummerigen Aufenthaltsraum des Probengebäudes am Münchner Platzl, dann ist nichts zu spüren von jener brennenden Intensität und dem virilen Glamour, die auf der Bühne alles überstrahlt, dann kauert da ein junger Mann von 27 Jahren mit tadellosen Umgangsformen, und einer sanften, fast kindlichen Melancholie.

"Man muss das Ballett öffnen für andere Künste, man muss es populärer machen", sagt er: "Sonst wird es sterben, fertig." Er hat eine Mission, eine Aufgabe, es geht nicht nur um ihn, das ist ihm wichtig. Jede Talkshow sieht er als Kränkung: Sportler, Schauspieler, Filmstars äußern sich zu diesem und jenem, aber niemals ein Tänzer. Weil sie von morgens bis abends trainieren, weil sie ihre kurze Karriere nicht gefährden wollen, weil ihre Kunst eine wortlose ist. "Tänzer leben in einem Traum. Sie opfern ihre Kindheit, ihr Leben für ihre Kunst", sagt er. "Nach zehn Jahren ist alles vorbei, und am Ende können sich nicht mal die größten Tänzer eine anständige Wohnung leisten."

"Ich sah seine Physis, die Präsenz, die Proportionen. Noch vor seinem ersten Plié dachte ich: Er ist es."

Sergei Polunin spricht so ohne jede Peinlichkeit über die Sehnsucht, Filmstar, eine Marke und natürlich Millionär zu werden, wie es nur jemand tut, der Armut kennt. In seinem Fall ist es die Armut einer Kindheit in der ukrainischen Provinz nach dem Ende der Sowjetunion. Er wurde 1989 in Cherson an der Mündung des Dnepr geboren, und das hieß Plattenbauten, kein Strom, schlechtes Essen. Trotzdem war schon früh alles klar. Als die Krankenschwester den Säugling untersuchte, konnte sie seine Beine so weit spreizen, dass sie erschrak. Viele Jahre später, als Polunin zum Vortanzen nach London fuhr, warf die Direktorin der Royal Ballet School nur einen Blick auf ihn: "Ich sah seine Physis, die Präsenz, die Proportionen. Noch vor seinem ersten Plié dachte ich: Er ist es." Er habe weiche Muskeln und leichte, starke Knochen, er mache nicht mal Dehnungsübungen, sagt Polunin. Dann, leichthin: "Löwen wärmen sich vor der Jagd auch nicht auf."

Der Körper ist sein Glück, der Körper ist sein Schicksal, und dass er zu ihm wie zum Tanz überhaupt ein Verhältnis zwischen Liebe und Hass, zwischen Dankbarkeit und Zerstörung hat, zeigen die wahllosen Tattoos - Heath Ledger als Joker, ein Kreuz, ein heulender Wolf, Mickey Rourkes Name - und so etwas wie Krallenspuren unter dem linken Schlüsselbein. Da hat er sich eine misslungene Tätowierung selbst herausgeschnitten.

Damals in Cherson meldete ihn seine Mutter Galina in der Gymnastikstunde an, dann beim Ballett. In Steven Cantors Film "Dancer" sieht man den Achtjährigen bei Improvisationen, er dreht und biegt sich mit einem unbefangenen Stolz und einer Begeisterung für die Schönheit der eigenen Bewegung, die das Geheimnis seiner späteren Ausstrahlung ahnen lässt. "How can we tell the dancer from the dance?", hat der irische Dichter William Butler Yeats gefragt, wie lässt sich der Tänzer vom Tanz trennen? Bei Polunin klingt das so: "Wenn ich tanze, ist das eine fast religiöse Erfahrung. Es ist, was ich bin."

Seine Mutter fördert den Jungen mit der unbarmherzigsten Liebe, die je eine Ballettmutter einem Wunderkind hat angedeihen lassen, schickt ihn auf immer bessere, anspruchsvollere Schulen, zieht mit der Familie nach Kiew, treibt ihn an, wenn er nicht sein Bestes gibt. Er liegt Stunden im Spagat vor dem Fernseher. Damit er bei Kräften bleibt, kauft Galina roten Kaviar. Mit den Jahren wird die Förderung des Sohnes, der es mal besser haben soll, für die Familie zur fixen Idee. Sein Vater Wladimir fährt nach Portugal, um Geld für Sergeis Ausbildung zu verdienen, seine Großmutter arbeitet als Altenpflegerin in Griechenland. Alles für Sergei. Es sind wortkarge Menschen, die in Cantors Film große Verletzungen in dürren Worten beschreiben, aber nur auf Nachfrage.

Polunin trägt seiner Mutter den Drill nach, und tanzt gleichzeitig um die Zukunft der ganzen Familie. Spätestens als er in London bei der Royal Ballet School aufgenommen wird, wächst der Druck ins Unerträgliche. "Ich trainierte drei- und viermal so viel wie alle anderen, ich ging immer als Letzter", erinnert er sich. Oft wirft ihn erst der Hausmeister hinaus. Als die Ehe der Eltern zerbricht, implodiert er. So sehr wollte er die Familie zusammenbringen, nun steht er vor dem Nichts.

Aber sein Talent ist unaufhaltsam, trägt ihn weiter, er wird ins Royal Ballet aufgenommen, wird mit 19 Jahren der jüngste Hauptsolist in der Geschichte des Hauses. Die Kritiker sind hingerissen, nur er selbst wird immer düsterer, experimentiert mit Drogen, beteiligt sich an einem Tattoo-Shop, schreibt großmäulige Tweets: "Hat jemand Heroin im Angebot? Ich brauche ein bisschen Aufheiterung." Seine Bitten beim Royal Ballet, ihm Freiheiten zu lassen für Gastspiele oder Filmrollen, laufen ins Leere. Er träumt davon, sich zu verletzen, damit er auf natürliche Weise aussteigen kann. Dann geht er.

Die Ballettgeschichte kennt viele Fluchten von Ost nach West, Nurejews berühmter Sprung in die Freiheit, Baryshnikovs letztes Gastspiel mit dem Leningrader Kirow-Ballett in Kanada, wo er Asyl beantragt. Aber dass ein Tänzer aus dem Ballett-Olymp des Westens flieht, war unerhört. "Bad Boy of Ballet", der böse Ballettjunge, war noch eines der milderen Urteile. Wie konnte er es wagen! Das Royal Ballet erklärte, er habe keine Arbeitserlaubnis mehr. Der Star aus der Ukraine war nur noch ein Migrant, ein Gastarbeiter, zumal mit zweifelhaftem Arbeitsethos.

In der Münchner Maximilianstraße sieht man in diesen Tagen häufiger Menschen, die Schilde und Schwerter über die Straßenbahnschienen tragen. Noch eine Woche bis zum "Spartacus", es sind die letzten Proben. Sergei Polunin und seine Lebensgefährtin Natalja Osipowa tanzen die Rollen des Crassus und seiner Geliebten Aegina in der Bearbeitung von Jurij Grigorowitsch. Polunin kennt die Spartacus-Rolle, aber der Crassus ist ihm neu, er studiert mit den Ballettmeistern Pirouette für Pirouette, Chassé für Chassé ein. Wie er den Stab hält, wie er ihn ablegt, wo er die Füße zusammenschlägt.

Am Rand sitzt Igor Zelenski, Münchens Ballettchef, ohne den Polunin weder im "Spartacus" noch als Gasttänzer in München noch womöglich überhaupt noch tanzen würde. Als Polunin sich aus der Welt des institutionalisierten Balletts herauskatapultiert hatte, als ihn niemand auch nur als Zweitbesetzung für das Corps de Ballet genommen hätte, rief ihn Zelenski nach Moskau, ans Stanislawski-Theater. Polunin tanzte ohne Gage, um herauszufinden, ob der Tanz ihm noch etwas bedeutete. Eine Antwort auf diese Frage fand er zwar erst später, auf Hawaii, während der neun Stunden Dreharbeiten zu "Take me to church". Ohne Zelenski aber wäre sie womöglich anders ausgefallen.

Ihn, Polunin, verbinde mit dem Älteren ein "spirituelles" Verhältnis, hatte er gesagt: "Er ist eine Vaterfigur." Zelenski beobachtet ihn, tröstet ihn, wenn er falsch landet, zieht die Schuhe aus, um etwas vorzutanzen. Zelenski akzeptiert nichts anderes als Perfektion: "Wenn Polunin mehr arbeiten würde, wäre er ein anderer Mensch. Talent ist Talent und Disziplin ist Disziplin, aber erst, wenn man beides zusammenbringt, erhält man so etwas wie Genie." Die hochfliegenden Pläne seines Zöglings sieht er nüchtern: "Es ist eine Schande. Er verliert seine goldenen Jahre, und die Zeit für Tänzer ist begrenzt. Vielleicht hat er noch zehn Jahre. Dann sagt der Körper 'Danke schön' und es ist vorbei."

Polunin ist ruhiger, versöhnter als früher, aber seine Neugier ist unersättlich. Er hat Pläne für eine Art Stiftung, Projekt Polunin, allerdings ziemlich wolkige. Die Zeit läuft, jeder Tag ohne Training bedeutet einen Formverlust. Er deutet die Sprünge nur an, um Kraft zu sparen, das tun viele Tänzer. Zelenski verspottet ihn sacht, als sein Arm bei einer Hebefigur zittert.

Aber dann, in einer Pause, neben dem Flügel, erhebt sich Polunin ohne erkennbaren Grund, wirbelt in einer einzigen kreiselnden, vollkommen kontrollierten Bewegung in die Höhe, das Bein angewinkelt. Und bleibt einfach oben.