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SZ-Serie: Drehmomente, Folge 1:Ruhmreiche Ruhestätte

Für seinen Film "Beruf: Reporter" aus dem Jahr 1975 hat Michelangelo Antonioni den Schauspieler Jack Nicholson quer durch Europa geschickt - und auf den Friedhof Bogenhausen

München ist hier in guter Gesellschaft. Denn weitere Drehorte in diesem Film sind: London, Barcelona, Sevilla. Und die südspanische Kleinstadt Osuna. Dort wird Jack Nicholson am Ende erschossen. Also nicht er, sondern die Person, die er in Michelangelo Antonionis Film "Beruf: Reporter" (Original: The Passenger") spielt. Wobei er nicht als Starreporter David Locke erschossen wird, sondern als der Waffenhändler David Robertson. Aber das ist ja die Geschichte, die sich um Identität und Faszination des Doppelgänger-Phänomens dreht. Und die zehn wunderbare Minuten in München spielt, die meisten in der verwunschenen Kirche Sankt Georg, dem Bogenhauser Kircherl im berühmten Bogenhauser Friedhof.

Dramatischer Ausgangspunkt der Geschichte ist die Sahara, wo der Reporter David Locke beim Versuch, mit den Freiheitskämpfern des Tschad in Kontakt zu treten, an seinem Beruf verzweifelt und seine Identität mit der eines ihm unbekannten, aber irgendwie ähnlichen Menschen namens David Robertson tauscht, der hier im Tschad, im Hotel, ja in seinem Zimmer offenbar an Herzinfarkt gestorben ist. Locke also ist tot, lebt nun als David Robertson und reist als solcher mit dessen Papieren und Tickets auf den Spuren des Toten. Dass es sich um einen Waffenhändler handelt, merkt Locke alias Robertson erst in München, in der Kirche Sankt Georg.

Diese München-Passage in Antonionis Identitäts-Thriller ist zehn Minuten lang und macht wehmütig: Locke alias Robertson landet auf dem alten Flughafen in Riem, mit dezenter Nostalgie erinnert man sich an die niedrigen Hallen, an die engen Gepäckaufbewahranlagen, wo Jack Nicholson, dem Nachlass des Toten folgend, aus einem Schließfach eine Aktentasche mit einem Waffenkatalog fischt. Offenbar ist irgendwie auch ein Ort genannt, wo ein Treffen mit irgendjemandem stattfinden soll.

Nicholson steigt auf dem Parkplatz mit Blick auf die Startbahn in einen BMW mit dem Kennzeichen M-ME 1180, einem Modell der ersten Fünferreihe und düst davon. Schnitt. Edle Straße (die Möhlstraße?); vor dem BMW zuckelt eine Hochzeitskutsche; kurz glaubt man, auf deren Sitz Hans Holzmann zu erkennen, einen der legendären Münchner Pferdekutscher; dann Stopp vor der Kirche Sankt Georg. Nicholson steigt aus, geht durch den Südeingang des Friedhofs, schaut auf die Gräber; dort, wo heute der Grabstein des Musikmanagers Monti Lüftner in der Sonne strahlt (er starb 2009, 34 Jahre nach dem Film), werkelt ein alter Mann. Nicholson geht in die Kirche, drinnen findet, in diesem prächtigen Rokoko-Ambiente mit der Kanzel von Ignaz Günther, eine Hochzeit statt. Er wartet, bis die Gesellschaft den Raum verlassen hat, betrachtet den Altar mit dem Drachentötermotiv und hört plötzlich Stimmen. "Sind Sie Mr. Robertson?"

Die zwei Männer, ein weißer mit deutschem Akzent, ein schwarzer mit französischem, wollen Waffen kaufen für den Freiheitskampf im Tschad (der Bürgerkrieg dort tobt seit 1966). Nicholson zeigt ihnen den Katalog, sie sind begeistert und lassen einen Umschlag in seinen Händen zurück. Jack Nicholson als David Locke, der David Robertson spielt, lässt sich auf einen mephistofelischen Pakt ein, der damit enden wird, dass Agenten des Tschad den vermeintlichen Waffenhändler in dem südspanischen Dorf erschießen.

Dass in diesem Film Maria Schneider die Partnerin von Jack Nicholson ist, spielt in den Münchner Szenen keine Rolle. Sie war damals der Star erotischer Filmkunst dank des "Letzten Tango von Paris". Nicholson selbst war 1969 als "Easy Rider" durchgestartet und hatte spätestens seit Polanskis "Chinatown" (1974) seinen Ruf weg als gestisch wie mimisch grandioser Akteur. Antonioni musste, so Notizen über die Dreharbeiten, ihn für die Rolle des identitätssuchenden Locke/Robertson mehrmals bitten, sich als Schauspieler doch zurückzunehmen, um so die Unsicherheit der Charaktere deutlich zu machen. Gerade in der Szene in Sankt Georg, wo im Lichte barockgewaltigen Katholizismus der Handel mit Gewalt und Tod stattfindet, zeigt sich, wie brillant Nicholson den unsicheren Zweifler zu geben imstande war. Offiziell ist Sankt Georg heute eine Filialkirche des Erzbistums München-Freising, in der immer noch geheiratet wird. Und auf dem Friedhof findet Platz, wer mindestens 30 Jahre in bestimmten Stadtbezirken gelebt hat - oder von der Stadt als Person gewürdigt wird, die sich in besonderer Weise um München verdient gemacht hat.

© SZ vom 02.08.2018
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