Symposium Streitet euch

In Frankfurt veranstalteten ehemalige Kollegen und Freunde der Tel Aviv University ein Symposium mit dem Titel "Streitkultur", das an den 2013 verstorbenen FAZ-Literatur-Chef und Fernsehmoderator Marcel Reich-Ranicki erinnerte.

Von Volker Breidecker

Streitkultur lautete der Titel eines Symposiums im Hörsaal der privaten Musikschule Doktor Hoch's Konservatoriums in Frankfurt. Es wurde veranstaltet von Marcel Reich-Ranickis ehemaligen Kollegen, gemeinsam mit den Frankfurter Freunden der Tel Aviv University. Gedacht wurde dem streitbaren Geist des im September 2013 verstorbenen Literaturchefs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der auch Moderator der Fernsehsendung "Literarisches Quartett" war. Thomas Anz ist der Herausgeber von Marcel Reich-Ranickis nachgelassenen Schriften. Ihm zufolge gehörte das Wort "Streitkultur" allerdings gar nicht zum Vokabular des Kritikers. "Dialog des offenen Visiers" umschrieb das Volker Weidermann, Spiegel-Redakteur und Moderator des neuen Literarischen Quartetts. Das Wort Streitkultur trifft es nicht; trotz seines Temperaments nahm Reich-Ranicki die Sache selbst und die Gründe, derentwegen er stritt und polemisierte, viel zu wichtig und ernst.

Die Sache, das war für den einst verfolgten Juden, dem die deutsche Literatur im Warschauer Ghetto zum Lebens- und Überlebensmittel geworden war, die Sache der Kritik. Er meinte die Kritik, die in Deutschland unter den Folgen des Nationalsozialismus verfemt, diffamiert und noch später manchmal beargwöhnt wurde. Anz erinnerte daran, dass Kritik auch in Form der Kunstkritik in Deutschland seit 1936 als "jüdisch zersetzend" verboten und durch "Kunstbetrachtung" ersetzt wurde, wie übrigens in den Redaktionen auch das stereotyp als "französisch" und "jüdisch" verpönte Feuilleton durch Seiten für "Kultur".

Reich-Ranickis Anliegen war es, den Status von Kritik, die ihren Namen verdient, wiederherzustellen und den Deutschen als Geschenk bis in die Fernsehzimmer zu bringen. Auch in der Form der Polemik, die zur Kritik gehört wie Witz, Ironie und Scharfsinn, wiederum trotz einer "spürbaren deutschen Abneigung", wie sie Reich-Ranicki selbst häufig genug entgegenschlug. Wer polemisiert - so Anz - will zwar recht haben, sucht jedoch den Widerspruch, idealiter in einem Streitgespräch, das eine Handreichung enthält.

Da regte sich eine Stimme aus dem Publikum, die von offenen Wunden sprach

Über die aus jüdischer Tradition - in Heine und Börne, Tucholsky und Kerr erkannte Reich-Ranicki seine Ahnen - stammenden Verständigungsnormen der Literaturkritik sprach der ehemalige Feuilletonredakteur Lorenz Jäger: Literatur unterliege für Marcel Reich-Ranicki einer "Vorentscheidung" zur demokratischen Öffentlichkeit, woraus "Kanzel, Katheder und Kanzlei" kategorisch ausgeschlossen sind, weil sie gebieterische oder widerspruchslose Autorität beanspruchen. Von daher rührt Reich-Ranickis Deutlichkeit, die unverträglich ist mit allem Geraune und allem "Heimlichen", das letztlich aufs "Heimelige" zielt.

Bleibt als unheimlicher Rest - wie die Lyrikerin Ulla Hahn aus persönlichen Erinnerungen an Marcel Reich-Ranicki beisteuerte - etwas "Verschwiegenes" seiner Sätze, das "wie aller Schmerz" zwischen den Sätzen zu suchen ist.

Anlass des Symposiums war das zehnjährige Jubiläum des von Frankfurt aus der Israelischen Partnerstadt und ihrer Universität gestifteten Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhls an der Tel Aviv University. Neben Rektor Yaron Oz, der das kritische Instrumentarium der Geisteswissenschaft auch in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Curricula verankert sehen möchte, war mit Galili Shahar der Inhaber des Lehrstuhls gekommen.

Leidenschaftlich sprach er über die Schwierigkeiten, deutsche Literatur in Israel zu lehren: "Mit fremden Worten von der deutschen Literatur zu sprechen", führe allerdings weniger weg von Philosophen wie Kant und von Dichtern wie Hölderlin und Celan, sondern über die "fremden Wege" mit allen Seiten- und Umwegen auch der Gattungen und so favorisierten kleinen Formen mitten in sie hinein.

Shahars Lob gesuchter Entfremdungen schlossen sich die aus unterschiedlichen jüdischen Milieus stammenden, heute in Berlin lebenden Autoren Deborah Feldman und Ron Segal an. Feldman, deren autobiografische Erzählungen - zuletzt "Überbitten" - ihre Emanzipation aus den starren Feindbildern einer ultraorthodoxen New Yorker Familie schildern, setzt auf andere, selbst gewählte Überlieferungen, die die Hoffnung enthalten, dass es selbst mit den überkommenen Feinden Israels auch einmal anders bestellt sein könnte. Ron Segal, der israelische Nachkomme aus Berlin stammender jüdischer Großeltern, versichert, dass er an dem anfangs unheimlichen Beginn heute dennoch halbwegs ruhig schlafe und - "wenn auch noch nicht auf Deutsch" - träumen könne.

Mit Dorit Rabnyan schließlich war eine iranischstämmige jüdische Einwanderin Israels gekommen, deren Temperament dem Reich-Ranickis in nichts nachsteht: Auch hier ging es um Feinderklärungen, nämlich solche, die die Autorin des weltweit gelesenen Romans mit dem Titel "Wir sehen uns am Meer" selber traf, seitdem ihr Buch vom israelischen Erziehungsministerium als Schullektüre verboten wurde, weil es von der - gescheiterten - Liebe einer Israelin zu einem Palästinenser erzählt.

Daraufhin regte sich erstmals und letztmals an diesem Tag eine leidenschaftlich, aber offenbar auch leidgeprüfte Stimme aus dem Publikum, die von den offenen Wunden sprach.