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Sylvester Stallones neues Filmprojekt:Rambo der Armenier

Harter Stoff von Sylvester Stallone: Er will einen Roman verfilmen, der vom Völkermord an den Armeniern handelt. Seine Pläne sorgen nun für Aufregung in der Türkei.

Kai Strittmatter

Er hat Rocky wiederbelebt und will dasselbe auch mit Rambo tun, der in zwei Jahren noch einmal auf der Leinwand zu sehen sein soll, wenn er sich als Einzelkämpfer durch Birma schlägt. Im Dezember aber verriet Sylvester Stallone einer amerikanischen Lokalzeitung, dass er in den Jahren, die ihm bleiben, auch noch Literatur verfilmen will.

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Das ungerechte und ungerächte Schicksal der Armenier hat ihn melancholisch gestimmt: Sylvester Stallone.

(Foto: Foto: dpa)

Nichts weniger als "ein Epos über die völlige Vernichtung einer Zivilisation" schwebt ihm vor, und zwar "Die vierzig Tage des Musa Dagh", der Roman von Franz Werfel, der den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts zum Thema hat: den an den Armeniern.

Ein Schiff wird kommen

Er sei sich wohl bewusst, dass das Vorhaben "politisch eine heißes Eisen" sei, meinte Stallone: "Die Türken haben das Thema 85 Jahre lang totgeschwiegen." Wie heiß, zeigte sich sofort. In der Türkei wurde er über Nacht zum Feind erklärt. Kritiker verrissen seinen "Rocky Balboa" und Rechtsnationale prophezeiten Stallone solchen Ärger, dass "der Aufruhr um Mel Gibsons ,The Passion of Christ' dagegen zahm erscheinen" werde.

Noch ist das Projekt nur ein Traum Stallones, auch wenn er sich die letzte Einstellung schon ausgemalt hat: "Die französischen Schiffe kommen, sie haben die Leitern herabgelassen, alle sind hochgeklettert. Das Schiff fährt davon.

Der Held, der die Rettung organisiert hat, ist eingeschlafen, hinter einem Felsen auf dem Hang. Die Kamera fährt zurück, das Schiff und das Meer sind auf der einen Seite, und da ist eine einsame Figur oben auf der Spitze des Berges, während auf der anderen Seite Tausende von Türken den Berg hochkommen."

Roman von Franz Werfel als Vorlage

Hollywoodtauglich ist die Vorlage allemal. Da ist die Geschichte im Buch: auf wahren Ereignissen fußend; ein kleines Happy End inmitten einer großen Tragödie. Und da ist die Geschichte, deren Teil das Buch nach Erscheinen wurde: Das Schwanken zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen historischen Fakten und nationalen Tabus. Bis heute ringen Armenier und Türken erbittert; Schauplatz ihrer Gefechte sind mittlerweile Medien und Parlamentsflure in aller Welt. Nun auch Hollywood?

Franz Werfel fand den Romanstoff, als er 1929 in Damaskus weilte: "Das Jammerbild verstümmelter und verhungerter Flüchtlingskinder, die in einer Teppichfabrik arbeiteten, gaben den entscheidenden Anstoß, das unfassbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen."

Das Buch spielt im Jahr 1915, als die Regierung der Jungtürken um Kriegsminister Enver und Innenminister Talat die systematische Vertreibung und Vernichtung der anatolischen Armenier beginnt. Werfel bedient sich auch der Aufzeichnungen des deutschen Pastors Johannes Lepsius, der Enver Pascha in Istanbul besuchte, um bei ihm um Gnade für die Armenier zu bitten.

"Zwischen dem Menschen und den Pestbazillen gibt es keinen Frieden", sagt Enver. Es gehe also, erwidert der Pastor resigniert, um nichts anderes als "um die planvolle Ausrottung einer anderen Nation." "Die vierzig Tage des Musa Dagh" war in der Türkei lange Zeit verboten. Die Nazis verboten das Buch des Prager Juden Werfel übrigens als erste, zwei Monate nach dem Erscheinen im November 1933.

Nichts ist vergessen

Helden des Buches sind die 5000 Armenier, die sich auf dem Gipfel des Berges Musa Dagh, dem 1281 Meter hohen Moseberg nahe der syrischen Grenze, verschanzen und wochenlang dort türkische Angriffe abwehren, bis schließlich französische Schiffe zur Rettung kommen. Sieben armenische Dörfer gab es einmal auf dem Berg.

Heute gibt es noch eines, das "Vakifli"-Dorf. Orangen und Granatäpfel pflanzen sie dort. Avedis Demirci ist der Älteste im Dorf. Als sie sich auf dem Berg verschanzten, vor mehr als neun Jahrzehnten, war er gerade geboren. Ja, sagte Demirci bei einem Besuch der SZ, er habe gehört, dass es diesen Roman gebe. Ob man ihm das Buch denn besorgen solle? "Ach, wozu soll das gut sein", sagt er: "Das ist eh alles vergessen." Das war Ende vergangenen Jahres.

Nichts ist vergessen. Stallone plant seinen Film und der Belge-Verlag fürs Frühjahr eine Neuauflage der vergriffenen Ausgabe. Die Nationalisten schäumen. "Rambo ist ein Asala-Mann", schrieb eine Zeitung in Anspielung auf die armenische Terrorgruppe Asala, die in den siebziger und achtziger Jahren türkische Diplomaten umbrachte.

"Das Buch ist voller Lügen, der Autor hat sich seine Informationen von nationalistischen und radikalen Armeniern geholt", ereifert sich der Vorsitzender des "Vereins zur Bekämpfung der unwahren Völkermord-Behauptungen" Savas Egilmez, der an der Atatürk-Universität in Erzurum Geschichte lehrt. Der Verein will den Film stoppen, Tausende von wütenden E-Mails haben sie nach Hollywood geschickt.

Proteste in der Türkei

Stallone solle nach Erzurum kommen, meint Egilmez. Dort kann er sich das Museum ansehen, in dem die türkische Sicht auf die "Armenier-Massaker" ausgestellt ist - hier wird der Greueltaten gedacht, die die Armenier an den Türken begangen haben.

Für die Türkei kommt die Aufregung um den Film - wie auch die um den Mord an dem armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink - zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Im US-Kongress wurde Ende Januar eine Resolution eingebracht, die den Präsidenten verpflichten soll, den Begriff "Völkermord" zu verwenden, wenn er über die Massaker an den Armeniern spricht.

Die türkische Diplomatie arbeitet auf Hochtouren. Gleichzeitig kursieren Vorschläge für einen PR-Gegenschlag: Die armenische Diaspora bezahle Hollywood für Völkermord-Filme, meinte der Istanbuler AKP-Abgeordnete Egemen Bagis, warum also tue die Türkei nicht das Gleiche?

Ein erstes Projekt zur Ehrenrettung wurde diese Woche vorgestellt: ein Film über Behic Erkin, den türkischen Botschafter in Paris zur Nazi-Zeit, der vielen Juden zur Ausreise verhalf - er soll zum türkischen Oskar Schindler werden: "In einer Zeit, in der Europa schwieg und teilnahmslos blieb", sagt der Filmagent und Mitinitiator Mehmet Celebi, "ist dies ein weiterer Beweis für einen Muslim und Türken, der nicht stumm blieb angesichts der Inhumanität, die sich im Herzen Europas zutrug."

© SZ vom 14.2.2007
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