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Suzanne Vega und ihr Hit "Luka":Wie man einen Treffer überlebt

Wir brauchten ganze drei Jahre, um den Song zu arrangieren, zu produzieren und ihn auf Hochglanz zu polieren. Ich war viel zu abgelenkt mit den anderen Songs, um speziell wegen "Luka" nervös zu sein. Ich hatte das Gefühl, als würde ich an meinen Nägeln von einer Klippe hängen - ich sollte es noch oft haben in meiner Karriere.

An den Tonspuren arbeitete ich dann mit einem Mann namens Shelley Yackus - damals ein Top-Soundingenieur - und es war eine Riesensache, dass wir ihn überhaupt bekamen und er sich am Ende eines großen Teils der Platte annahm. Ich wollte, dass er die Drums betonte. Alle anderen hatten Angst, dass man die Akustik-Gitarren dann nicht genug hörte, aber in "Luka" war der Gitarrenklang so schön und satt, dass man sich auch mit den Drums nicht zurückhalten musste.

Kaum hatten wir das Album fertig, sollte es auch schon sechs Wochen später erscheinen. Wir waren auf Tournee, als es rauskam - und über Nacht änderte sich alles. Buchstäblich. Gerade hatten wir noch in halbleeren Clubs gespielt - am nächsten Tag war der Laden voll. Und das bis zum Ende des Jahres. Inklusive Carnegie Hall und Radio City Music Hall.

Eine riesige, gesellschaftliche Sache

"Luka" war an die Radiostationen verteilt worden. Und sofort ein Erfolg. Wieso? Warum diese enorme Resonanz? Wegen des Themas, unter anderem. Viele Hörer schrieben mir über ihre Erfahrungen mit Missbrauch. Übrigens bis heute. Letztes Wochenende hat mir ein Teenage-Mädchen geschrieben, das als Kind missbraucht wurde, wie sehr es sich mit "Luka" identifiziere. Das war auch damals das Erstaunliche daran: So viele Menschen in Amerika, aber auch aus anderen Ländern und Kulturen dieser Erde, identifizierten sich mit meinem erfundenen Charakter. Ich hatte gedacht, es sei eine kleine, persönliche Sache. Aber mein Manager Ron hatte recht behalten: Es war eine riesige, gesellschaftliche Sache.

Dann wieder hing der Erfolg des Songs mit seinem Klang, seiner Chemie zusammen, zumal viele Hörer gar nicht verstanden, wovon das Lied handelte. Es klang gut im Radio, klang gut vor und nach anderen Songs, die verschiedenen Qualitäten der Produktion waren in einer Art und Weise verschmolzen, die bei den Hörern haften blieb, so dass sie den Song noch einmal hören wollten. Manche Dinge haben so einen Zauber. Später erzählte mir jemand in Indonesien, dass "Luka" in seiner Landessprache "verwundet" bedeute. Davon hatte ich natürlich keine Ahnung, als ich den Text schrieb.

Mit dem Beifall, dem Erfolg und der harten Arbeit kamen natürlich die Kritik, die Parodien und auch die Beschwerden. "Ich habe keine Lust, schon morgens beim Kaffeetrinken etwas über missbrauchte Kinder zu hören", schrieb mir ein Typ. Die schlimmsten Briefe aber kamen von Vereinen gegen Missbrauch. "Wie können Sie es wagen, zu suggerieren, ein Kind sei selber verantwortlich für seine Behandlung!", begann eine typische Beschwerde. Irgendwann später habe ich alle diese Briefe weggeworfen, und mit ihnen die Parodien, die in der Regel so begannen:"My name is Loofah, I live on the Bathroom floor..." Zum Totlachen, der Nächste bitte.

Wie im Drogenrausch

"Hit", also Treffer - das Wort trifft es ziemlich gut. Es ist, als würde man sehr intensiv mit sehr vielen Menschen zur selben Zeit kommunizieren. Die Verbindung ist wie die mit Baseballschläger und Ball: krachend, schnell. Und wie bei Drogen erlebt man, wie sich plötzlich die Realität verändert. Man kann sich dran gewöhnen.

Diese spezielle Intensität hielt acht Monate an bei mir, ich würde sagen: bis Tracy Chapman auf dem Cover des Rolling Stone erschien. Später wurde dann "Tom's Diner" ein Hit. Aber von ganz anderer Qualität als "Luka", mit seiner eigenen kleine Geschichte, auf die ich auch sehr stolz bin. Aber davon ein andereres Mal. Und was das Siegel " Two Hit Wonder" angeht - naja, immerhin besser als "One Hit Wonder". Danke allerseits!

© SZaW vom 12./13.07.2008/ehr
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